DIE ZEIT: Herr Todd, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich unsere Leser warne, dass Sie in Frankreich als germanophob verschrien sind?

Emmanuel Todd: Das ist ein Missverständnis. Nach 1968 haben viele auf die Dritte Welt geschaut. Ich habe mich schon damals für die Länder interessiert, die in einigen Bereichen fortgeschrittener als Frankreich waren: Schweden, Japan, natürlich Deutschland. Nur konnte ich diesem Versöhnungsdiskurs nicht folgen, wonach es zwischen Frankreich und Deutschland keine Unterschiede gäbe und der Nazismus überall hätte passieren können. Deutschland: Das ist für mich zunächst die klassische Stammfamilie, in der die Erbfolge des ältesten Sohnes dominiert, was die Autorität des Vaters und die Ungleichheit unter den Geschwistern stärkt – ganz anders als etwa die traditionelle Kleinfamilie im Pariser Becken, die ihr Erbe penibel gerecht unter allen Geschwistern verteilt. Das deutsche Familiensystem findet sich auch in Schweden, Japan und Katalonien – alles sehr effiziente Gesellschaften mit einem Hang zur Steifheit. Zugleich ist Deutschland das Land, das uns Franzosen durch die Reformation die Alphabetisierung vorgemacht hat. Lange Zeit verfügten die Deutschen über eine breitere Bildung als die Franzosen. Ich bin eben Anthropologe, Demograf und Historiker. Ich kann die schönsten und die schlimmsten Dinge über Deutschland sagen.

ZEIT: Dazu werden Sie gleich Gelegenheit bekommen. Aber sagen Sie uns zunächst, warum ein gebildeter Franzose wie Sie sich seiner Pflichten als europäischer Bürger verweigert und nicht zur Europawahl geht?

Todd: Weil die Hoffnung auf ein Europa der freien, gleichberechtigten, konvergierenden Nationen heute tot ist. Das Einzige, was einen bei dieser Wahl noch interessieren könnte, wäre der Ausstieg aus dem Euro. Aber keine wählbare Partei in Frankreich sieht den vor. Also enthalte ich mich.

ZEIT: Sie wollen raus aus dem Euro, weil Sie die Franzosen heute als geldpolitische Sklaven der Deutschen sehen?

Todd: Heute drucken die Japaner Geld, um aus der Krise zu kommen. Die Amerikaner machen es, sogar die Schweizer. Aber Frankreich hat seine geldpolitische Unabhängigkeit verloren. Im Eurosystem ist keine andere Politik als die jetzige mehr möglich. Das aber ist das Ende der Politik, das Ende der Demokratie.

ZEIT: Trotzdem steht nach wie vor eine Mehrheit der Franzosen hinter dem Euro.

Todd: Weil sie die Illusion hegen, sie könnten mit den Deutschen Schritt halten. Mitterrand und die Idioten, die ihn berieten, machten Anfang der neunziger Jahre den gleichen Fehler, als sie Deutschland die Maastricht-Kriterien zugestanden. Das ist der Urfehler des Euro. Dabei gibt es aus dem Zweiten Weltkrieg keine klarere Lehre als die, dass Frankreich den Deutschen machtpolitisch nicht das Wasser reichen kann. Das können nur die USA und Russland.

ZEIT: Ist die Euro-Krise nicht vorbei? Portugal und Spanien kommen doch gerade wieder hoch.

Todd: Schauen Sie genauer hin! Der Euro und die Sparpolitik zerstören die Gesellschaften Südeuropas. Ihre Industrien und Eliten sind abgewandert, die Jungen dort finden keine Arbeit und bekommen deshalb keine Kinder mehr. Diese Gesellschaften haben nur schwache demokratische Traditionen und sind heute zutiefst verunsichert. Sie kommen nicht mehr zurück. Kürzlich freute sich ein Titelblatt des Spiegels über die begabten südeuropäischen Zuwanderer in Deutschland. Für mich als Demograf ist das fast so schlimm wie Krieg, wenn Deutschland diese Leute abschöpft.

ZEIT: Wie, Krieg? Das ist sehr übertrieben.

Todd: Bei der Betrachtung Europas sehe ich mich als Teil der Erzählung Die Verwandlung von Franz Kafka. Man schläft als kleiner Beamter ein und wacht als großer Käfer wieder auf. Das ist heute Europa. Man schläft als Bürger der freien Nationen Europas ein und wacht in einem hierarchischen System wieder auf, in dem Griechen, Portugiesen, Spanier und Italiener als Bürger zweiter Klasse dienen, die Franzosen sich irgendwie als guter Zweiter aus der Affäre ziehen und alle auf den wahren Primus Deutschland hören.

ZEIT: Wenn nur alle auf Frankreich hörten, wäre Ihnen das lieber?

Todd: Um Gottes willen! Ich habe niemals von der Größe Frankreichs geträumt.

ZEIT: Wovon dann?

Todd: Bis vor gar nicht langer Zeit habe ich große Hoffnungen in die deutsch-französische Zusammenarbeit gesetzt. Ich habe vorgeschlagen, dass Frankreich seinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat mit Deutschland teilt. Mir schien ein europäischer Protektionismus möglich, angeregt durch Frankreich, aber umgesetzt von Deutschland.