ZEIT: Haben wir uns wirklich nicht verändert?

Todd: Ich forsche seit 40 Jahren. Was mich am meisten verblüfft, ist die lang anhaltende Beständigkeit der Sittensysteme. Dabei geht es meistens um nationale Sitten, und das begründet meine Sorgen um Deutschland. Dieser Hang zur Technik, die Disziplin, die Tendenz, mit großer Effizienz ein Teilproblem zu lösen, statt der Gesamtheit des Lebens gerecht zu werden, allen voran der Fortpflanzung: Das alles bleibt ein potenziell explosives Gemisch deutscher Eigenschaften. Einmal untersuchte ich die Mischehen in Deutschland und Frankreich: Zwischen 1 bis 2 Prozent der jungen Türkinnen in Deutschland hatten einen Deutschen geheiratet, aber 25 Prozent der jungen Algerierinnen in Frankreich hatten einen Franzosen als Ehepartner gefunden. Daran zeigt sich die Beständigkeit der Sitten, und mir scheint: Die negativen Folgen der französischen Unordnung sind niemals so schlimm wie die negativen Folgen der deutschen Effizienz.

ZEIT: Verharmlosen Sie da nicht die Entwicklung bei Ihnen? Am Wahlwochenende könnten die Rechtsextremisten in Frankreich stärkste Partei sein.

Todd: Ich verabscheue den Front National, seine Kader sind echte Rechtsextremisten. Aber ich sehe keine Bedrohung. Wer in Frankreich studiert hat, und das sind bei den Jungen über 40 Prozent, ist immun gegen diese Partei. Schon 1988 bekam die Partei bei den Präsidentschaftswahlen 15 Prozent der Stimmen, 2012 waren es 18 Prozent. Sie stammen fast alle aus dem sterbenden Arbeitermilieu. Das reicht nicht, um an die Macht zu kommen.

ZEIT: Also wird Frankreich weiter – wie Sie sagen – von "Vizekanzlern" regiert werden?

Todd: Das Konzept des Vizekanzlers ist ein Konzept der Kollaboration. Ich schäme mich dafür. Wenn die französische Politik gegenüber Deutschland nicht so verbogen wäre, wenn unser Präsident nicht auf diese sadomasochistische Art und Weise an den Lippen der Kanzlerin klebte, könnte Deutschland seine Sparpolitik in Südeuropa nicht wie bisher durchsetzen.

ZEIT: Glauben Sie eigentlich gar nicht an den Fortschritt im europäischen Geschichtsverlauf?

Todd: Sehen Sie, ich bin kein Ideologe, nur Forscher, das ist meine Schwäche. Mein Familiengrab liegt auf dem Friedhof Montmartre in Paris, nur ein paar Schritte entfernt von dem Grab Heinrich Heines, der zu seiner Zeit so wie ich heute mit Sorge auf Deutschland schaute. Aber was kann ich als Nachfahre eines Großrabbiners aus Bordeaux schon tun, um den Zug der Geschichte anzuhalten? Europa bewegt sich auf eine Katastrophe zu.

ZEIT: Was für eine Katastrophe?

Todd: Das ist unter den neuen historischen Bedingungen schwer zu sagen. Der Zusammenbruch Europas wird uns überraschen. Noch nie gab es so reiche, so überalterte und so gebildete Gesellschaften wie heute in Europa. Was aber bedeutet Feindseligkeit unter alten Völkern, die keinen Krieg wollen? Vielleicht wird ein großer Teil Europas Deutschland hassen und Deutschland nicht begreifen, warum man es hasst. Vielleicht wird man in den Schuldenboykott treten – als eine Form der senilen Kriegsführung. Wenngleich wir erst einmal aufpassen müssen, dass uns die Gewalt in der Ukraine nicht ansteckt. Derweil würde ich eigentlich lieber in die USA auswandern wie meine Mutter im Jahr 1940.

ZEIT: Was? Das können Sie nicht tun! Sie haben doch schon im Jahr 2002 das Buch Weltmacht USA: Ein Nachruf geschrieben.

Todd: Welches mir den größten Bucherfolg meines Lebens in Deutschland eingebracht hat, wo von der ersten Ausgabe über 200.000 Exemplare verkauft wurden – von den Erlösen habe ich mir dann die Hälfte eines kleinen bretonischen Fischerhauses kaufen können. Damals habe ich zu einer Zeit, als alle von der amerikanischen Hypermacht sprachen, ihren relativen Niedergang vorausgesagt. Das war nicht schlecht. Ich habe die Rückkehr Russlands vorausgesagt. Darauf bin ich heute stolz. Aber ich habe auch von der Emanzipation Europas unter deutsch-französischer Führung geschwärmt. Das ärgert mich heute. Ich habe nicht gesehen, dass unsere eigentliche Bedrohung in einem deutschen Europa lag.