Völlig neu bewerten müsse man die Frage nach den Ursachen des Ersten Weltkriegs, das Deutsche Reich trage keineswegs die Hauptverantwortung für den Kriegsbeginn. Der Historiker Fritz Fischer, der mit seinem Buch Griff nach der Weltmacht vor 50 Jahren eine erregte Kontroverse ausgelöst hat, habe viele Quellen gar nicht berücksichtigt. So ist es seit einigen Monaten allenthalben zu hören, so steht es auch in dem Bestseller Die Schlafwandler des australischen Historikers Christopher Clark.

Zielsicher läuft die Debatte dabei an längst bekannten Schlüsseldokumenten vorbei – wie zum Beispiel der bereits Mitte August 1914 begonnenen Kriegsziel-Denkschrift von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg vom 9. September. Offenbar bewegen wir uns nicht vorwärts, sondern rückwärts. Als wäre der heutige Forschungsstand gleich dem der zwanziger und dreißiger Jahre!

Unzählige neue Quellen, vor allem Tagebücher, sind seit dem Erscheinen von Fischers Buch 1961 entdeckt und erschlossen worden. Sie werfen ein hartes Licht auf die Entscheidungsprozesse in Berlin und Wien sowohl vor als auch während der Julikrise. Dazu gehören das Tagebuch des Admirals Georg Alexander von Müller, Chef des kaiserlichen Marinekabinetts, oder die umstrittenen losen Tagebuchblätter des Bethmann-Hollweg-Vertrauten Kurt Riezler aus den Krisenwochen 1914. Auch die Tagebücher und Briefe des Vizeadmirals Albert Hopman, eines Mitarbeiters von Großadmiral und Flottenbaumeister Alfred von Tirpitz, sind kürzlich erschienen, ebenso wie die Aufzeichnungen des demokratischen Publizisten Theodor Wolff über seine entlarvenden Interviews mit der Führungselite von 1914.

Daneben beleuchten neue quellengesättigte Biografien die Kriegstreiber. Ob Generalstabschef Helmuth von Moltke, Kriegsminister Erich von Falkenhayn, die Generalfeldmarschälle Colmar Freiherr von der Goltz, August von Mackensen und Paul von Hindenburg oder der General Erich Ludendorff: Ihr Irrweg in den Abgrund des Weltkriegs ist heute bestens dokumentiert.

Nun ist es weder die Aufgabe des deutschen Lesepublikums noch der Medien, sich dieses voluminöse Fachwissen anzueignen. Wohl aber ist es die Pflicht der Fachhistoriker, sich mit solchen exakt erforschten Archivquellen erschöpfend zu befassen und sie dem interessierten Leser zu vermitteln. Ein Historiker, der bewusst hinter dem neuesten Forschungsstand zurückbleibt, verletzt die Grundregeln der Geschichtsschreibung.

Besonders prägnant ist in diesem Zusammenhang der "politische Bericht" des langjährigen badischen Gesandten und Bundesratsbevollmächtigten in Berlin, Sigismund Graf von Berckheim. Christopher Clark erwähnt dieses kaum bekannte Dokument vom 11. März 1914 zwar in seinem vor einigen Jahren erschienenen Buch über Kaiser Wilhelm II., nicht aber in den Schlafwandlern. Und das, obwohl just dieser Bericht schlaglichtartig erhellt, wie sich die internationale Lage des Deutschen Reiches wenige Monate vor Kriegsausbruch dem Kaiser und seinem engsten Beraterkreis dargestellt hat.

"In hiesigen militärischen Kreisen ist man des besten Mutes"

Adressiert ist das kurze Schreiben, das sich heute im Generallandesarchiv in Karlsruhe befindet, an den badischen Staatsminister Alexander von Dusch. Berckheim berichtet darin von einem Mittagessen mit Seiner Majestät, zu dem er mit dem preußischen Justizminister und dem sächsischen Gesandten eingeladen war. Die Konversation nach Tisch sei etwas "einseitig" gewesen: Der Kaiser habe sich "in der Ihm eigenen lebhaften und temperamentvollen Weise nahezu ½ Stunde lang" über die außenpolitische Lage verbreitet.

Dabei war, wie Berckheim schreibt, nicht vom Unruheherd Serbien mit seinem Drang nach einem Hafen an der Adria die Rede und auch nicht vom drohenden Untergang Österreich-Ungarns. Ebenso wenig handelt der Bericht von einer bedrohlichen Einkreisung Deutschlands, aus der sich das Reich nach Sicht des Kaisers durch einen baldigen Präventivschlag gegen West und/oder Ost befreien müsse. Laut Berckheim sah Wilhelm vielmehr die Lage des Reichs gebessert, vor allem durch die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Nordirland. Die würden England dazu zwingen, sich von seinen Entente-Partnern Frankreich und Russland abzuwenden.

Die beiden anderen Großmächte schienen dem Kaiser ebenfalls nicht kriegsbereit: Frankreich sah er mitten in einer schweren Finanzkrise und durch die Einführung der dreijährigen Militärdienstzeit, die das Land auf Dauer nicht werde aufrechterhalten können, außerstande, Krieg zu führen. Auch von Russland erwartete Wilhelm II. keine Aggression in den nächsten Jahren: Es sei sowohl mit seinen Truppenaufstellungen wie mit dem Bau der strategischen Eisenbahnstrecken noch lange nicht fertig. Hinzu komme, dass Zar Nikolaus II. genau wisse, welche revolutionären Folgen ein Krieg für sein Reich und sein Haus zeitigen würde.

Berckheim, das geht aus dem Bericht hervor, teilt die optimistische kaiserliche Analyse der militärischen Lage. Umso größer ist seine Ungläubigkeit, als der Oberste Kriegsherr rundheraus erklärt, dass "die größte Zurückhaltung und Vorsicht die allgemeine Richtlinie" für die deutsche Politik sein müsse; er, der Kaiser, "werde einen Präventivkrieg niemals führen".

Nicht nur der Vertreter des Großherzogtums Baden scheint über dieses Bekenntnis des Kaisers, dem die Entscheidung über Krieg und Frieden letztendlich oblag, gestaunt zu haben. So berichtet Berckheim, dass er noch am selben Tag während eines Diners beim langjährigen Hausminister und Oberzeremonienmeister Graf August zu Eulenburg von seiner Verwunderung über die Einstellung des Kaisers gesprochen und volles Verständnis beim einflussreichen Chef des kaiserlichen Militärkabinetts, General Moriz Freiherr von Lyncker, gefunden habe. Auch der bedauerte ausdrücklich, so Berckheim, "diese Abneigung Seiner Majestät, den nach Ansicht der Militärs jetzt noch günstigen Moment zur Austragung des unausbleiblichen Konflikts zu benützen".