Die EU ist groß, weit weg und blass? Der Europawahlkampf jedenfalls ist kleinteilig, ganz nah und knallbunt. Und immer wieder anders. Eines allerdings haben die meisten Kandidaten miteinander gemein: Sie kämpfen bergauf. Gegen die Skepsis, gegen das Desinteresse. Vier von ihnen haben wir aufgesucht, in Polen und Spanien, in England und in den Niederlanden. Vier Kämpfertypen.

Kati und das trübe Dutzend

Sieben Wochen hat Kati Piri sich freigenommen. Unbezahlten Urlaub, um Wahlkampf zu führen. Den alten Ford hat ihr der Vater geliehen. Im Kofferraum purzeln Flugblätter und Wahlplakate durcheinander. Außerdem mehrere Jacken und Blazer. "Für jede Gelegenheit etwas", sagt sie und lacht.

Am Mittag war sie in Moerdijk, der Stadt mit dem viertgrößten Hafen der Niederlande. Danach hat sie an der Universität in Delft über Innovationspolitik diskutiert. Nun steht sie in einer kleinen Gaststätte in Bergen op Zoom im Süden des Landes. Vor ihr sitzt ein Dutzend Genossen, die Mitglieder der örtlichen Arbeitspartei PvdA. Auf den Tischen liegen keine Decken, sondern kleine Teppiche. An den Wänden hängen Stillleben in Öl.

"Ich heiße Kati Piri und bin in Ungarn geboren", sagt die Kandidatin, eine große, junge Frau mit Schlaghose. Der Hinweis auf Ungarn ist ihr wichtig. Nicht nur, weil er ihren Namen erklärt, der wenig niederländisch klingt. Sie war noch ein Baby, als ihre Mutter aus Ungarn ausreisen durfte. Aber sie habe gesehen, sagt sie, "wie meine Familie, meine Cousins und Cousinen in einem Land groß geworden sind, das nicht frei war". Europa ist für sie ein Synonym für Freiheit.

In den vergangenen Jahren hat die Politikwissenschaftlerin für ein Institut gearbeitet, das junge Demokratien unterstützt. Piri war in Burundi und in Georgien, die Krise in der Ukraine macht ihr Sorgen: "Wenn es uns nicht gelingt, demokratische Entwicklungen in unserer Nachbarschaft zu unterstützen, verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit." Doch im Wahlkampf ist die Ukraine weit weg. In der Gaststätte geht es um andere Fragen: Wie kann man Lohndumping verhindern? Wie hoch müsste ein europäischer Mindestlohn sein? Warum bekommen die kleinen Unternehmen keine Kredite mehr?

Im März fanden in den Niederlanden Kommunalwahlen statt. Die Arbeitspartei hat eine böse Niederlage erlitten, nun droht ihr das nächste Debakel. "Wir müssen wieder raus auf die Straße!", fordert Kati Piri. Ihre Parteifreunde räumen ein, dass ihnen das schwerfalle. "Mehr Jobs? PvdA wählen!", so steht es auf den Plakaten. Auch Piri verspricht "ein sozialeres Europa". Doch an diesem Abend scheint es so, als müsste sie erst einmal ihre eigene Partei überzeugen.

Erst vor ein paar Wochen hat der amerikanische Zigarettenhersteller Philip Morris angekündigt, das Werk in Bergen op Zoom zu schließen. Die Produktion soll nach Portugal und Griechenland verlegt werden; rund 1200 Arbeitsplätze fallen weg. "Unsere Wähler", sagt Kati Piri, "zahlen den Preis für die Krise. Und sie glauben nicht, dass die EU sie beschützen kann."

Sie selbst war schon einmal in Brüssel, sechs Jahre lang hat sie dort im Europaparlament gearbeitet. Der Job hat ihr gefallen, die Stadt nicht wirklich. "Eine Hassliebe", sagt sie. Im Wahlkampf vermeidet sie es, über Brüssel zu sprechen. Auch die EU nennt sie lieber nicht beim Namen. Stattdessen spricht sie allgemein von Europa. Brüssel und EU – beide Wörter haben keinen guten Klang mehr bei den Menschen, die sie wählen sollen.

Kati Piri kandidiert auf Platz 3 der sozialdemokratischen Liste. Früher wäre das eine sichere Sache gewesen. Das ist heute anders.