DIE ZEIT: Frau Mansuy, vor mehr als einem Jahrzehnt wurde das menschliche Genom entschlüsselt. Die Erwartungen waren riesig – und wurden enttäuscht.

Isabelle Mansuy: Ja, man hatte sehr viel Hoffnung, und verständlicherweise waren viele Leute sehr aufgeregt. Aber zu einem gewissen Grad war die Entschlüsselung des Genoms auch ein großer Hype und hat Unmengen Geld gekostet.

ZEIT: War es wirklich nur das Geld? Oder war der Gedanke zu verlockend, dass wir nun beginnen würden, "die Sprache zu verstehen, in der Gott das Leben schuf", wie US-Präsident Bill Clinton sagte?

Mansuy: Beides. Es war aber von Anfang an klar: Den genetischen Code lesen zu können, wird nicht genügen. Man muss verstehen, wie er gelesen und wie er verändert wird.

ZEIT: Das untersuchen Sie als Neuroepigenetikerin. Und Sie kommen zu dem Schluss: Wir können die Aktivität unserer Gene und damit die Entwicklung der Zellen selber verändern. Durch unseren Lebenswandel. Mehr noch: Diese Veränderungen können vererbt sein. Woran machen Sie das fest?

Mansuy: Wir konnten im Mausmodell erstmals beweisen, dass Traumata vererbt werden. Dazu trennten wir Mäuse während der ersten zwei Wochen nach der Geburt für täglich drei Stunden zu unterschiedlichen Tageszeiten von ihren Müttern – das ist für sie ein enormer Stress. Als ausgewachsene Tiere verhielten sie sich deshalb auffällig. Interessant war, dass ihre Nachkommen, die ganz normal aufwuchsen, dieselben Verhaltensstörungen aufwiesen. Auch ihr Stoffwechsel war beeinträchtigt.

ZEIT: Wie aber wurden diese Traumata vererbt?

Mansuy: Wir haben im Blut, Sperma und Gehirn der Mäuse ein Ungleichgewicht an MicroRNA entdeckt. Das sind kurze Kopien des Erbguts, die in den Zellen die Aktivität der Gene beeinflussen. Wir vermuten die MicroRNA im Sperma als Informationsträger der Vererbung.

ZEIT: Eine Maus ist kein Mensch.

Mansuy: Klar, die Genome der Maus und des Menschen sind verschieden. Aber auch eine Maus kann depressiv sein. Im Tiermodell sehen wir, welche Substanz im Spiel ist und welcher Mechanismus einsetzt, wenn die Maus an einem Trauma oder einer Depression leidet. So können wir beim Menschen nach denselben Faktoren suchen. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Aber immerhin haben wir einen Anhaltspunkt.

ZEIT: Die Epigenetik sagt uns: Du kannst dein Leben selber ändern. Und zwar im Innersten deines Körpers.

Mansuy: Deshalb können einige Menschen unsere Wissenschaft nur schwer akzeptieren. Ich forsche nun schon über 15 Jahre an diesem Thema und war dabei sehr starkem Widerstand ausgesetzt. Sowohl in Europa als auch in den USA. Einige meiner Genetikerkollegen denken noch immer: Epigenetics is not relevant!

ZEIT: Weshalb?

Mansuy: Zum Teil ist es vermutlich dogmatisches Denken, zum Teil eine religiöse Haltung: Unser Wesen ist von Gott geschaffen, wird durch unsere Gene vererbt und kann nicht verändert werden. Allein die Idee, dass unsere Erfahrungen und unser Tun an unsere Kinder und Kindeskinder vererbt werden, passt nicht in dieses Schema.

ZEIT: Andere sprechen von einer Genlotterie.

Mansuy: Die Epigenetik widerlegt, dass unser Leben eine Laune des Schicksals ist. Man wird zwar mit gewissen Genen geboren, aber man kann ihr Wirken selber beeinflussen.

ZEIT: Das kann zum Imperativ werden: Du musst dein Leben ändern!

Mansuy: Diese Haltung ist ein bisschen irritierend. Unsere Gesellschaft dreht sich nur noch ums Wohlfühlen. Es geht ums Vergnügen, den Genuss. Ich habe selber keinen Fernseher, aber wenn ich TV gucke und die Werbung anschaue, da geht es nur um: ich, ich, ich.

ZEIT: Ihre wissenschaftliche Arbeit sagt uns doch genau das. Nämlich, dass ich mich als Vater, der ich möglicherweise mal sein werde, um meinen Lebenswandel kümmern muss, weil meine Eskapaden später das Leben meiner Kinder und Enkel beeinflussen werden.

Mansuy: Ja, aber es gibt Grenzen. Ich will mit meiner Forschung nicht zur Selbstoptimierung beitragen. Mir geht es darum, kranken Menschen zu helfen.