DIE ZEIT: Mister Page, Sie haben viel Mühe in die Restaurierung der ersten drei Led-Zeppelin-Alben investiert. Doch ein Großteil der Käufer wird der Musik vermutlich nur auf MP3-Playern lauschen. Würden Sie sich Ihre Werke in diesem Format anhören?

Jimmy Page: Komprimierte Dateien sind in Mode, und Led Zeppelin kommt auch in diesem Format explosiv rüber. Aber für mich kommt das nicht infrage. Wenn dem Rest der Welt diese reduzierte Qualität reicht, ist das aber in Ordnung.

ZEIT: Neil Young hat gerade wieder verkündet, wie minderwertig MP3-Dateien und CDs seien. Spricht er Ihnen aus der Seele?

Page: Oh ja! Es gibt keinen Zweig der Unterhaltungsindustrie, wo die Qualität so dramatisch abgeschmiert ist wie in der Musik. Alle anderen Sparten, so wie die Filmindustrie, wurden immer raffinierter. Aber in der Musik ist immer noch Vinyl das Maß aller Dinge. CDs mit ihren dünnen, gruseligen Klängen waren schon ein Absturz. Und als man dachte, schlimmer wird es nicht, kamen MP3s. Deshalb ist Vinyl wieder so populär.

ZEIT: Sie gelten als Kontroll-Fanatiker. Sogar die Produktionskosten für das Led-Zeppelin-Debütalbum bezahlten Sie aus eigener Tasche, damit Ihnen keiner reinreden konnte. Was brachte das?

Page: Mit dieser Investition erkaufte ich mir Unabhängigkeit. Wer in den sechziger Jahren eine Platte machen wollte, ging zu einer Plattenfirma, bekam einen Vorschuss und musste sich dafür die ganze Zeit von den Angestellten des Ladens reinreden lassen. Ich war ja vor Led Zeppelin bereits lange im Geschäft und wusste genau, dass ich das nicht wollte. Unabhängigkeit war und ist alles für mich. Ich stellte Led Zeppelin zusammen, spielte mit der Band ein Album nach meinen Vorstellungen ein. Dann ging ich mit den fertigen Aufnahmen zu einer Plattenfirma, um einen Vertrag zu meinen Bedingungen auszuhandeln.

ZEIT: Sie waren nicht beliebt bei Plattenfirmen.

Page: Natürlich nicht. Der Vertrag kam einer Revolution gleich. Ohne diese garantierte Unabhängigkeit hätte Led Zeppelin nicht funktioniert.

ZEIT: Warum war Ihnen Kontrolle so wichtig?

Page: Weil meine Ideale von Musik wenig mit der kommerziellen Realität gemein hatten. Damals dominierte die Idee der Hit-Single alles. Ich hatte vor Led Zeppelin als Session-Musiker gespielt und wusste, dass mich die Beschränkungen dieses Formats anöden. Ich habe mir oft genug von Produzenten wie Mickie Most sagen lassen, wie ich zu spielen hätte, damit am Ende ein schneller Hit herauskommt. Manchmal wurden wir sogar aufgefordert, einen bereits erfolgreichen Song einfach noch mal aufzunehmen. Ich verstand die Mechanismen der Popindustrie schnell, aber irgendwann reichte es mir. Ich fühlte mich wie ein Sklave auf einer Galeere: Ich schuftete für austauschbare Hit-Singles im Takt – grässlich.

ZEIT: Was war die Alternative zu Hit-Singles?

Page: Mich reizte damals nur das Albumformat. In den USA gab es Radiostationen, die ganze Langspielplatten durchlaufen ließen, und genau dort wollte ich Led Zeppelin unterbringen. Hit-Singles interessierten mich nicht. Dieses Spiel wiedererkennbarer Melodien verweigerte ich. Damals galt zum Beispiel die ungeschriebene Regel, dass die erste Single oder das zweite Album einer jungen Band an ihr erstes Album erinnern muss. Damit die Hörer nicht überfordert werden. Ein gefährlicher Blödsinn, denn wer nur mit Singles erfolgreich ist, riskiert es, an einen speziellen Sound gekettet zu sein. Das wollte ich verhindern.

ZEIT: Trotzdem gelangen Ihnen mit Led Zeppelin große Hits wie Whole Lotta Love oder Stairway To Heaven. Wie konnte das passieren?

Page: Die waren Zufallsprodukte und deshalb akzeptabel! Whole Lotta Love klang zum Beispiel völlig anders als Stairway To Heaven. Das war möglich, weil wir zu unserer Zeit einfach die musikalischste Rockband überhaupt waren und keiner uns reinredete. Wir verkauften mehr Alben als die meisten Bands Hit-Singles. Deshalb waren wir unantastbar.