Wenn Wolfgang Marquardt etwas nicht versteht, versucht er, das Problem in seine Einzelteile zu zerlegen. Damit ist er immer recht weit gekommen, als Professor für Prozesstechnik wie auch als Vorsitzender des Wissenschaftsrates, der er ist. Zurzeit jedoch hilft ihm die Strategie nicht weiter. Marquardt ist ratlos: "Ich stehe vor einem Bild, das ich nicht lesen kann."

Tatsächlich ist die Szenerie ungewöhnlich: Da ist eine Ministerin, über deren Etat verhandelt wird, ohne dass sie bei den Gesprächen dabei ist. Da ist ein gelähmtes Ministerium, das einmal die Zukunft im Namen trug, seit Monaten aber nur noch die Vergangenheit verwaltet. Da ist eine neue Regierung, die für Bildung und Wissenschaft großspurig zusätzliche Milliarden in Aussicht gestellt hat – aber nicht weiß, wer das Geld wofür bekommen soll. Da ist ein Koalitionsvertrag, der so schlampig formuliert ist, dass sich bislang nicht einmal Regierungspartner oder Parteifreunde auf eine Lesart einigen können.

Die Öffentlichkeit hat diesen Konflikt bislang kaum wahrgenommen. Seit dem vergangenen Montag ist das anders. Da traten Wolfgang Marquardt und die Spitzen der deutschen Wissenschaft vor die Bundespressekonferenz in Berlin und machten ihrem Frust Luft: Beendet euren Streit! Beginnt endlich eure Arbeit! Und gebt das Geld heraus, das ihr uns versprochen habt! So lassen sich die Forderungen von Hochschulrektoren und Wissenschaftsmanagern an die Politik zusammenfassen.

Der Anlass des ungewöhnlichen Schritts der Professoren ist ein Streit, der die Bildungsrepublik seit fast sechs Monaten lähmt. Konkret geht es um die Frage, wie die Passagen des Koalitionsvertrages zum Thema Bildung und Wissenschaft zu verstehen sind. Mit sechs Milliarden Euro zusätzlich wollen die Großkoalitionäre in den kommenden vier Jahren Schulen und Universitäten unterstützen. Gleichzeitig versprechen sie an anderer Stelle, die Bundesländer um sechs Milliarden bei der Bildung "zu entlasten".

Wer das Regierungsabkommen unbedarft liest, könnte glauben, hier sei von zweimal sechs Milliarden die Rede. Genau das aber ist nicht so, womit der Kern des Streits benannt ist: Die Länder – in der Mehrzahl von der SPD regiert – wollen das Geld zur freien Verfügung für sich haben. Der Bund dagegen möchte mit dem Geld eigene Programme finanzieren: Es geht um zusätzliche Studienplätze etwa oder bessere Karrierechancen für Nachwuchswissenschaftler, mehr Bafög oder Projekte, mit denen die Zahl der Schulabbrecher gesenkt werden kann.

Für Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hängt an der Entscheidung nicht weniger als ihre politische Zukunft. Da die Bildungshoheit in Deutschland traditionell bei den Ländern liegt, kann die Bundesministerin kaum Gesetze erlassen. Sie verfügt weder über nachgeordnete Behörden, noch kann sie Soldaten, Diplomaten oder Entwicklungshelfer in die Welt schicken. Am Kabinettstisch sitzt sie wie alle ihre Vorgängerinnen ganz am Rand.

Nur Geld verleiht der Politikerin an der Spitze des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) Gestaltungskraft und Renommee, und zwar zusätzliches Geld. Denn ein Großteil ihres Haushalts ist immer auf Jahre im Voraus fest verbucht. Allein die großen Forschungsorganisationen – Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft – mit ihren unzähligen Instituten und riesigen Apparaturen fressen einen Löwenanteil des BMBF-Haushaltes auf. Fließen die sechs Milliarden also direkt an die Länder, wird aus Johanna Wanka eine lame duck – bevor sie in dieser Amtszeit überhaupt angefangen hat zu laufen.