Wenn Kai Gercke am Morgen seinen ersten Kunden zum Beratungsgespräch in der Bank empfängt, steckt ihm schon eine Stunde Leistungssport in den Knochen. Sein Puls ist angestiegen, der Schweiß ist ihm ausgebrochen. Eigentlich hat er bloß 55 Minuten im Regionalexpress gesessen, von Neumünster in Schleswig-Holstein nach Hamburg. Aber ob es wirklich nur 55 Minuten sind, steht nie ganz fest. Deshalb ist Gercke täglich im Stress. "Die Unzuverlässigkeit der Bahn geht mir auf die Nerven", sagt der 48-Jährige, "Stellwerkprobleme, Unwetter. Irgendwas ist immer."

Christine Meyer fährt nur selten mit der Bahn. Sie rast Morgen für Morgen im Auto über die A 2, mehr als 100 Kilometer von Bielefeld nach Hannover. Verglichen mit Herrn Gercke, ergeht es ihr noch viel schlechter. Auf der A 2 herrscht immer akute Staugefahr. Das Pendeln hat sie die Gesundheit gekostet.

Stefanie van Staverens Pendlerleben hingegen läuft gerade rund. Die 35-Jährige startet um 8 Uhr in Dietersheim nahe München und erreicht gegen 8.45 Uhr ihren Arbeitsplatz im 40 Kilometer entfernten Gräfeling. Trotz der Fahrerei fühlt sie sich befreit. Denn: "Erst auf dem Land bin ich glücklich geworden."

Und in Berlin? Da steigt Jörg Asmussen nach dem Frühstück auf sein Fahrrad, bringt die kleine Tochter in die Krippe und fährt dann weiter ins Arbeitsministerium. "Ehe ich morgens anfange, hatte ich schon anderthalb Stunden Zeit mit der Familie", sagt der Staatssekretär.

In längst versunkenen Zeiten haben es alle so gemacht wie Asmussen. Die Menschen haben sich – mangels Verkehrsmittel – ihre Arbeit dort gesucht, wo sie lebten. Im Jahr 1900 verließ gerade einmal jeder Zehnte Erwerbstätige auf dem Weg zur Arbeit seinen Wohnort. Vor 60 Jahren war es noch jeder Vierte. Heute verlassen 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ihre Gemeindegrenze, um zu arbeiten – in Deutschland sind das über 17 Millionen Menschen.

Bei vielen leidet die Liebe, so war es zum Beispiel früher bei Jörg Asmussen der Fall. Fast alle sind gestresst, wie Kai Gercke. Und manche werden krank, wie Christine Meyer. Doch es gibt auch Pendler, die glücklich sind auf ihren langen Wegen zum Büro, so wie Stefanie van Staveren. Die Frage ist: Wann macht Pendeln krank, und wann macht es froh?

Es geht um 8,5 Millionen Beschäftigte, die Tag für Tag länger als eine Stunde lang unterwegs sind zwischen ihrem Zuhause und dem Arbeitsplatz, dazu kommen etwa eine Million Wochenendpendler. Und es geht um gut sechs Millionen, die es weiter zur Arbeit haben als 25 Kilometer. Allein Letztere bringen es – alle zusammengerechnet – am Tag auf die Strecke zur Sonne und zurück. Und obwohl viele von ihnen leiden, sucht kaum ein Unternehmen nach Antworten auf die Frage, wie es seinen Pendlern das Leben erleichtern könnte, damit sie gesund bleiben und vor allem entspannt.

Es läge doch im Interesse der Wirtschaft, Lösungen für die Folgen des Pendelwahnsinns zu finden. Unternehmen kümmern sich zwar um Kindergartenplätze, Genderseminare und Augenarzttermine. Doch wie sie mit der größten Belastung vieler Beschäftigter umgehen, darüber hat sich die Führung in den Konzernen bisher wenig Gedanken gemacht – obwohl ihre Verbände doch laufend über den Mangel an Fachkräften klagen.

Täten sich alle Pendler in Deutschland zusammen, dann würden sie mehr Stimmen auf sich vereinen, als CDU und SPD zusammen bei der Europawahl erreichen werden, sie hätten mehr politischen Einfluss als der ADAC und eine größere Kaufkraft als alle Rentner. Pendler sind eine sehr unterschätzte Macht am Arbeitsmarkt. Und eine sehr unzufriedene.

Der durchschnittliche Berufstätige verabscheut nämlich nichts so sehr wie den Weg ins Büro. Das hat der berühmte US-Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman herausgefunden. Er ließ 900 texanische Frauen laufend berichten, welche Tätigkeit ihnen im Laufe eines Tages Freude bereitet und welche weniger. Ergebnis: Noch weniger Spaß als der Beruf, den die Testpersonen ausübten, machte den meisten der Weg dorthin. Je weiter, desto weniger. Für manche entwickelte sich die Fahrt zum regelrechten Horrortrip. Es waren die vom Pendeln Erschöpften.