Was ist eigentlich ein Hindunationalist? Bei jeder Gelegenheit wird das Etikett Narendra Modi aufgeklebt, dem Sieger der indischen Parlamentswahl und neuen Premierminister. Es ist ein Verlegenheitsbegriff, kein anderer aus dem Lager der politisch-ideologischen Unruhestifter dieser Welt ist so schwer einzuordnen wie Modi. Man kennt den Typus des religiösen Fanatikers und Fundamentalisten, wie Ajatollah Chomeini, der Gründer der Islamischen Republik Iran, ihn verkörperte. Man kennt den chauvinistischen Muskelpolitiker, für den Gott und Frömmigkeit bloß nützliche Folklore sind, wie Wladimir Putin. Doch wie mischen sich Glaube und Macht, Weltanschauung und Pragmatismus im Kopf von Narendra Modi, der für seine Feinde ein besessener Muslimhasser und für seine Freunde das Versprechen auf ein indisches Wirtschaftswunder ist?

1967, im Alter von siebzehn Jahren, verließ Narendra Modi sein Elternhaus und trat eine zweijährige Wanderschaft an, die ihn quer durch Indien führte, von seinem Heimatstaat Gujarat im Westen nach Bengalen ganz im Osten und auf dem Rückweg entlang des Himalaya im Norden. Er war auf der Flucht vor einer Kinder-Ehe, die er nicht vollziehen wollte (die verlassene Braut wurde vor ein paar Wochen noch einmal kurz Wahlkampfthema), aber er war auch auf einer existenziellen und spirituellen Suche – er überlegte, Mönch zu werden, und besuchte drei hinduistische Klöster. Sie alle waren von einem Religions- und Weisheitslehrer gegründet worden, dessen Schriften der junge Modi begeistert gelesen hatte und dem er jetzt mit seiner Pilgerfahrt nachfolgte: Swami Vivekananda. Aus Modis Klosterplänen wurde nichts; die Mönche wiesen ihn ab, weil er nicht studiert hatte. Doch Swami Vivekananda, den er noch auf einer Japanreise im Sommer 2012 als großen asiatischen Denker pries, ist eine Schlüsselfigur für Modi und seinen Traum von Indiens Aufstieg geblieben.

Vivekananda, der 1902 mit nur 39 Jahren in Kalkutta starb, als Indien noch unter britischer Kolonialherrschaft stand, trieb der Niedergang um, der sein uraltes, einst stolzes Land zur Beute europäischer Eroberer und Unterdrücker gemacht hatte. In seinen Augen waren die Inder durch eine erstarrte Kultur und süßliche Frömmigkeit kraftlos geworden; er wollte ihnen, wie er es sah, ihre verlorene Männlichkeit zurückgeben. Religion sollte nicht fruchtlose Seelenergüsse hervorbringen, sondern moralische und soziale Energien freisetzen: "Brot, Brot! Ich glaube an keinen Gott, der mir nicht hier auf Erden Brot geben kann, sondern bloß ewige Seligkeit im Himmel! Indien muss aufgerichtet werden, die Armen müssen gespeist werden, Bildung muss verbreitet werden ..." Vivekananda, der weite Reisen unternahm und mehrere Jahre in den USA lebte, sah (anders als der romantische Konservative Gandhi) in der Wissenschaft, Technik und Marktwirtschaft des Westens echte Errungenschaften, von denen sein Land lernen und die es sich zunutze machen sollte. Nur so sei die demütigende Unterlegenheit Indiens (und des gesamten Ostens) zu überwinden. Aber er wollte Indien deswegen nicht kulturell dem Westen angleichen; es sollte seine Seele behalten, und diese Seele lag für Vivekananda im Hinduismus. "Kann man", schrieb er 1894 an einen Schüler, "eine europäische Gesellschaft mit Indiens Religion errichten? Ich glaube, es ist möglich und notwendig."

Den Fortschritt fördern, dabei aber seine Identität behaupten, das ist auch Narendra Modis Projekt: "Modernisierung ohne Verwestlichung", wie er es nennt. Ein chinesischer Parteiführer könnte es ganz ähnlich sagen. Zur Feier seines Wahlsiegs hat Modi am vergangenen Wochenende in Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus, am Ganges ein festliches religiöses Ritual zelebriert, mit Priestern, die Hymnen sangen, und dem Blasen von Muschelhörnern. Nur als spirituelle Macht, erklärte Modi, könne Indien auch eine ökonomische Macht sein. Gleichzeitig ist er der technologiebesessenste aller indischen Politiker, was sich nicht nur in seinem IT-kompetenten Wahlkampf und in seiner persönlichen Präsenz in den sozialen Medien zeigt, sondern auch in der Art, wie er seinen Bundesstaat Gujarat regiert hat: als ein in Indien beispielloses Experimentierfeld des E-Governments, der papierlosen, elektronischen, unbürokratischen Verwaltung, wo Patientenakten und Bürgerbeschwerden nur noch online verschickt und bearbeitet werden. Modi propagiert Ayurveda, die traditionelle indische Medizin – und entwirft gleichzeitig für sein Land eine Ingenieurs-Utopie mit Hochgeschwindigkeitszügen, 100 neuen "smart cities" und einem pharaonischen Wasserbauprogramm, das die Flüsse des Subkontinents verbinden soll.

Swami Vivekanandas Überzeugung, dass im Praxisbezug der Schlüssel zu Indiens Wiederaufstieg liege, treibt Modi bis zu einem fast komischen, Daniel-Düsentrieb-haften Bastlertum. So ist er besonders stolz auf die Idee, in Gujarat Paneele zur Solarenergie-Gewinnung über Bewässerungskanälen zu verlegen und damit zwei Probleme auf einmal zu lösen: Die platzfressenden Platten werden an einem Ort untergebracht, mit dem sonst nichts anzufangen wäre, und die Verdunstung aus den Wasserflächen wird durch eine Art Deckel reduziert. Seine Mitarbeiter und politischen Fans rühmen derartige Einfälle als Beispiel für Modis Sinn für "Konvergenz", für die Herstellung überraschender Zusammenhänge und Kombinationen. Es fragt sich allerdings, wie weit man mit solchen Hausmacher-Genialitäten bei der Regierung einer 1,2-Milliarden-Nation kommen kann. Er sei eigentlich unpolitisch, hat Modi einmal über sich und seine Amtsführung bemerkt. Im Grunde darf man ihm das glauben. Er ist zur Hälfte Technokrat. Und zur anderen – Ideologe.