Wie Bürotürme einer modernen Großstadt ragen riesige Zementsilos aus dem Busch in Obajana. Auf dem weitläufigen Gelände der Fabrik herrscht hektisches Treiben. Durch die vierspurige Werksausfahrt, die an eine Autobahn-Mautstation erinnert, rollen im Minutentakt schwer beladene Lastwagen. Der Werkschutz kontrolliert die Ladepapiere, dann heulen die Motoren auf, und die Landschaft verschwindet hinter schwarzen Abgaswolken.

Obajana ist Nigerias größtes Zementwerk, zehn Millionen Tonnen werden hier jedes Jahr produziert. Wenn die Fabrik bis Ende des Jahres ausgebaut sein wird, sollen weitere drei Millionen Tonnen hinzukommen. Die gigantische Anlage gehört zum Zementimperium von Aliko Dangote, Nigerias wichtigstem Industriellen und dem reichsten Mann Afrikas. Sein Vermögen schätzt das US-Magazin Forbes auf 25 Milliarden Dollar. Die Dangote-Gruppe, zu der auch Zuckerraffinerien und Getreidemühlen gehören, stellt in Nigeria mehr als 20 Millionen Tonnen Zement her und ist in 13 anderen Ländern Afrikas vertreten.

Nigeria lechzt nach Zement. In allen großen Städten des Landes ragen Baukräne in den Himmel. Es werden neue Bürohäuser und Wohnviertel gebaut, Häfen und Flughäfen modernisiert. In der Hauptstadt Abuja stellt das Unternehmen Julius Berger (an dem der deutsche Baukonzern Bilfinger beteiligt ist) gerade die Flughafen-Autobahn fertig, sechs Spuren in jede Richtung. In Lagos errichtet ein nigerianisches Konsortium den ultramodernen Stadtteil Eko Atlantic, der bereits als "Afrikas Manhattan" gepriesen wird. Die Fläche für das Projekt, rund neun Quadratkilometer groß, wurde im Meer vor Victoria Island neu aufgeschüttet. 150.000 Arbeitsplätze und 100.000 Apartments sollen darauf entstehen. "Es ist das größte Projekt dieser Art auf der Welt", sagt Lagos’ Bürgermeister Babatunde Fashola.

Nigeria gehört zu den Ländern mit den größten Wachstumsraten der Welt. Seit 2004 wächst die Wirtschaft um durchschnittlich fast sieben Prozent pro Jahr. Das Land hat 2013 ein Bruttoinlandsprodukt von 510 Milliarden Dollar erwirtschaftet, mehr als Südafrika, die bis dahin größte Wirtschaft des Kontinents. In den vergangenen drei Jahren flossen etwa 20 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen nach Nigeria. Gleichzeitig leben laut dem nigerianischen Statistikamt 61 Prozent der Nigerianer von weniger als einem Dollar am Tag. Damit hat die Armut zugenommen: 2004 waren es noch 52 Prozent.

Vor allem im muslimischen Norden und Nordosten des Landes ist die Misere groß. Die Hoffnungslosigkeit treibt der islamistischen Terrorsekte Boko Haram, die vor einigen Wochen 276 Schulmädchen in dem Städtchen Chibok entführt hat, neue Anhänger zu. Aber auch in der 18-Millionen-Metropole Lagos grenzen armselige Hüttensiedlungen an moderne Bankentürme. Die wunderschönen Lagunen und Kanäle, die vor allem den Süden der Stadt durchziehen, sind verschmutzt und stinken erbärmlich. Müll, alte Stofffetzen und Plastikflaschen sammeln sich überall an den Ufern, Millionen Plastiktüten schwimmen im Wasser und bringen die Schrauben von Außenbordmotoren immer wieder zum Stillstand.

Wie das Plastik die Motorenschrauben, knebelt die Korruption die nigerianische Wirtschaft. Sie ist allgegenwärtig, doch die Regierung unternimmt nichts, um sie zu bekämpfen. Im Gegenteil: Präsident Goodluck Jonathan feuerte im Februar seinen Zentralbankchef Lamido Sanusi, weil dieser öffentlich beklagte, dass im vergangenen Jahr mehr als 20 Milliarden Dollar an Öleinnahmen verschwunden seien. Sanusi droht nun eine Klage wegen "finanzieller Rücksichtslosigkeit und Fehlverhalten", die Regierung hat ihm den Reisepass entzogen. Ein klarer Fall von Rache, denn Sanusi hat als Zentralbankchef seine Integrität bewiesen. Er hat 2010 das nigerianische Bankensystem reformiert, das heute zu den stärksten in ganz Afrika gehört.

Die nigerianische Ölwirtschaft steht ebenfalls unter Druck. Die Produktion liegt seit Monaten unter 2 Millionen Barrel pro Tag, im Februar fiel sie sogar auf 1,86 Millionen Barrel pro Tag. Das sind 500.000 Barrel weniger als die 2,4 Millionen Barrel pro Tag, die die Regierung im Haushalt 2014 angesetzt hat. "Die Ölkonzerne haben neue Investitionen gestoppt, weil sie nicht wissen, was in Zukunft auf sie zukommt", sagt Rolake Akinkugbe, Öl- und Gasanalyst bei der Ecobank in Lagos. "Das neue Ölgesetz, Petrolum Industry Bill, wird bereits seit vier Jahren im Parlament debattiert, ohne Ergebnis."

Zudem werden in Nigeria täglich 150.000 Barrel Rohöl von gut organisierten Banden gestohlen. Sie bohren in dem ölreichen Niger-Delta die Pipelines an, mit denen das Rohöl von den Förderstätten zu den Terminals transportiert wird. Immer wieder kommt es dabei zu Explosionen, ganze Landstriche werden verseucht, und es dauert Wochen, bis die Pipelines wieder repariert sind. "Durch die Produktionsausfälle und den Diebstahl entgehen Nigeria rund acht Milliarden Dollar im Jahr", klagt Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala.