Wer in einer Krise steckt, braucht nicht gleich eine Therapie. Schon eine psychologische Beratung kann helfen.

Es tut richtig weh, den Laden zu verlieren", sagt die Frau. In ihrem Smart fährt sie an dem Optikergeschäft der Kleinstadt vorbei, in dem sie 17 Jahre gearbeitet hat. All die Zeit hat sie geglaubt, es würde einmal ihr Laden sein. "Da ist eine Menge Herzblut reingeflossen." Sie führte das Geschäft zusammen mit ihrem Mann, der es einmal erben wird. Doch dann sagte er an einem Sonntag vor eineinhalb Jahren: "Ich liebe dich nicht mehr. Besser, du ziehst aus." Sie verliert ihren Mann, ihr Zuhause, den Laden. "Ich fühlte mich, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen."

Existenzängste überfallen Andrea Hoss, wie sie hier heißen soll. Freunde helfen ihr, eine eigene Wohnung zu finden und ein eigenes Auto. Auch als ihr schwerer Chinaschrank ins neue Wohnzimmer gehievt werden muss, gibt es eine Lösung: Ein Bekannter kommt mit seinem Kran vorbei. Die heute 41-Jährige kennt viele Menschen in der Kleinstadt. "Aber irgendwann konnten mir meine Freunde nicht mehr helfen. Ich fand keinen Weg aus der Traurigkeit und der Angst." Sie sucht nach Psychotherapeuten und findet auch welche, ruft aber nicht an. "Ich dachte, ich muss das selbst schaffen." Dann erwähnt ein Kunde im Brillengeschäft, wo sie trotz der Trennung weiter arbeitet, dass er Therapeut sei. Hoss fragt spontan, ob sie einmal vorbeikommen könne. Sie hat Glück. Der Psychotherapeut tut etwas, was nicht viele Psychotherapeuten tun: Er bietet auch kurzfristige Beratungen in Lebenskrisen an – und sie ist bereit, selbst zu zahlen. Ein paar Tage später hat sie einen Termin.

Verluste gehören zum Leben: Der Partner verliebt sich in jemand anderen, der Arbeitsplatz wird gestrichen, die Mutter stirbt. Glücklich, wer Freunde und Familie hat, die ihm in der Krise zur Seite stehen. Doch manchmal sind diese überfordert, zum Beispiel wenn die Betroffenen von wiederkehrender Panik oder irrationalen Schuldgefühlen heimgesucht werden. Manchmal fehlt den Nahestehenden auch der neutrale Blick.

Und manch einem Betroffenen fallen erst in der Ausnahmesituation Verhaltensmuster an sich auf, die auch grundsätzlich Probleme bereiten. Wer steht einem dann zur Seite?

Ginge es um einen grippalen Infekt, wäre der Fall klar: Ab zum Hausarzt! Doch wenn die Seele leidet, wird es unübersichtlich. Krank ist man nicht in so einer Krise, aber elend geht es einem doch. Es gibt den Sozialpsychiatrischen Dienst der Kommunen, der kümmert sich vor allem um ernstlich Kranke. Es gibt die Beratungsstellen der Kirchen, da fühlt sich nicht jeder gut aufgehoben. Und es gibt die Parole: Durchhalten, wird schon wieder. Einen Hausarzt für die Seele aber gibt es nicht.

Ein Arzt ist meist auch gar nicht nötig, denn eine Krise ist ja eben keine Krankheit. Ein Berater wird gebraucht, weltanschaulich unabhängig, psychologisch ausgebildet, kurzfristig verfügbar. Ein schneller Termin, eine kurze Beratung – das würde vielen schon helfen. "Es ist wichtig, Menschen in einer Lebenskrise schnell beizustehen, damit sich die Probleme nicht verstärken", sagt Iris Hauth, die designierte Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). "Schon zwei oder drei Gespräche können jemanden emotional so weit entlasten, dass er die Situation aus eigener Kraft bewältigen kann."

Das sieht auch der Psychiater und Psychotherapeut Helmut Peter so. Er leitet das Verhaltenstherapie-Zentrum Falkenried in Hamburg. "Wenn jemand gute Ressourcen hat und ein klar umgrenztes Problem, helfen ihm schon wenige Sitzungen." Peter und seine Kollegen im Falkenried beraten auch Menschen in Lebenskrisen – wenn diese Symptome verursachen, die als Anzeichen einer Krankheit gelten, also zum Beispiel Ängste, Depressionen oder Schlafstörungen.

Wer den Gesunden in Krisen hilft, hilft auch dem Gesundheitssystem

Eine schnelle, kurze Beratung könnte zudem verhindern, dass belastete, aber an sich gesunde Menschen am Ende doch in der Psychotherapie landen und so den wirklich Kranken die spärlichen Plätze wegnehmen. Genau das geschieht zurzeit. Entweder weil das Durchhalten und Zähnezusammenbeißen irgendwann doch krank macht. Oder weil man sich für krank erklären lässt, damit Hilfe möglich wird – und die Krankenkasse sie bezahlt. Darunter leiden die tatsächlich psychisch Kranken; sie werden häufiger stationär behandelt (weil sie keinen ambulanten Platz finden) – oder gar nicht. Wer also den Gesunden in Krisen hilft, hilft auch dem Gesundheitssystem ein Stück aus der Krise.