DIE ZEIT: Herr Seipel, Sie beobachten den russischen Präsidenten Wladimir Putin seit vier Jahren. Sie haben über ihn einen viel beachteten Dokumentarfilm gedreht, Sie haben ihn über Monate begleitet, treffen ihn regelmäßig, kommen ihm sehr nahe. Wie wirkte Putin auf Sie, als Sie ihm das erste Mal begegneten?

Hubert Seipel: Ich traf ihn zum ersten Mal im Januar 2010, als ich einen Film über die europäische Gasversorgung drehte. Ich wollte Putin sprechen, erhielt aber erst in letzter Minute eine Zusage. Aus Moskau erreichte mich plötzlich ein Anruf: "Können Sie morgen hier sein?" Als ich in Moskau eintraf, fragte mich einer von Putins Leuten: "Haben Sie etwas dagegen, wenn auch das russische Fernsehen am Gespräch teilnimmt?" Ich fragte zurück: "So was kenne ich von Deutschland nicht, aber kann ich denn was dagegen machen?" – "Nein", hieß es. Und dann warteten wir, bis wir dran waren.

ZEIT: Ist das eines seiner Machtmittel – einen Besucher warten lassen?

Seipel: Nun ist das deutsche Fernsehen nicht gerade der wichtigste Besucher für einen russischen Präsidenten. Aber er kommt fast immer zu spät. Einmal waren wir um 19 Uhr verabredet, und er kam nachts um halb zwei, ließ sich dann aber bis vier Uhr früh interviewen. Und er wirkte durchaus entspannt.

ZEIT: Spricht er mit Ihnen auf Deutsch?

Seipel: Ja, aber nicht im Interview. Dann spricht er die Sprache seines Landes, da ist er traditionsbewusst.

ZEIT: Hatte er Bedingungen gestellt, bevor er sich von Ihnen begleiten ließ?

Seipel: Wir Journalisten hatten ein paar Punkte. Nicht nur ein langes Interview, sondern mehrere. Eine Begleitung über mehrere Monate. Er bekam keine schriftlichen Fragen im Voraus, und er konnte auch den Film nicht vorher sehen. Sein Punkt war: keine Homestory, nichts über seine Frau und seine Kinder. Und er sagte zu mir, er habe noch eine wichtige Sache. Ich war natürlich gespannt, und er antwortete halb ironisch: "Sie wissen, dass Sie etwas Gefährliches tun." Da war ich zunächst perplex. Danach fragte ich: "Kommt die Gefahr von Ihnen?" Da lachte Putin lange, bevor er entgegnete: "Sie machen etwas über das Böse, und damit werden Sie selbst als Teil des Bösen angesehen werden."

ZEIT: Daran haben Sie sicher noch oft gedacht.

Seipel: Ja, habe ich.

ZEIT: Hat sich der Satz bewahrheitet?

Seipel: Nein, aber ich habe sehr schnell gelernt, was er meinte. Die Reaktionen von Journalistenkollegen in Deutschland waren am Anfang durchaus skeptisch bis ablehnend – dass man sich mit so einem wie Putin überhaupt beschäftigt! Was schon verwundert. Ich bin für den Pool der Kreml-Journalisten zugelassen worden, konnte als einziger westlicher Journalist mitreisen, wenn Putin reiste, zum Beispiel nach China, durch Russland, nach Sotschi. Erstaunlich war, wie offen er über seine Kindheitserlebnisse berichtete, die Gefühlskälte der Eltern, sein Leben im Hinterhof von St. Petersburg. Diese Offenheit habe ich nur ein einziges Mal bei einem deutschen Spitzenpolitiker erlebt, bei dem früheren Bundesminister Wolfgang Clement.

ZEIT: Hat Putin versucht, Sie zu beherrschen?

Seipel: Politiker versuchen, Journalisten zu instrumentalisieren, und Journalisten instrumentalisieren Politiker. Putin ist ein Medienprofi. Er hat mich bei einem der Interviews wegen einer meiner Fragen ausgelacht, 20 Sekunden lang ohne Unterbrechung. Man darf sich dadurch aber nicht verunsichern lassen, sondern muss einfach ruhig weiterfragen. Dann antwortet er auch sehr präzise.

ZEIT: Lacht er auch über Angela Merkel?

Seipel: Er hat immer erstaunlich positiv über sie gesprochen, jedenfalls bis zur aktuellen Krise. Viele im Westen würden sich wundern. Putin ist durch und durch Realpolitiker, deswegen schätzt er die Realpolitikerin Merkel. Der Respekt beruht auf Macht. Als ich einmal etwas Kritisches zur Kanzlerin angemerkt habe, hat Putin erwidert: "Das sehen Sie falsch, Frau Merkel ist konstant." Putin ist ein Fan von Helmut Kohl. Der hat es nämlich geschafft, 16 Jahre lang Bundeskanzler zu bleiben, und Angela Merkel wurde bereits zum dritten Mal zur Kanzlerin gewählt. Für Putin hat es Merkel bewundernswert weit gebracht. Er hat mich mal rhetorisch gefragt: "Wie lange ist sie denn schon da? Länger als Gerhard."

ZEIT: Mit "Gerhard" meint Putin seinen Freund Gerhard Schröder, den früheren Bundeskanzler.

Seipel: Ja.

ZEIT: Putin ließ bei einem Treffen mit Merkel seinen Hund ins Zimmer, weil er wusste, dass sich die Kanzlerin vor Hunden fürchtet.

Seipel: Die Geschichte wird seit Langem kolportiert: Merkel hat Angst vor Hunden, und der einstige Geheimagent Wladimir Putin hat sie gezielt in Angst und Schrecken versetzt. Ich halte das für ziemlich schlichtes Kino. Ich war bei dieser Szene nicht dabei, aber ich kenne immerhin den Hund.