Selten waren Bürger und Experten so unterschiedlicher Meinung über ein neues Gesetz wie bei der Rentenreform, die der Bundestag Ende dieser Woche beschließen will. Teuer, ungerecht, falsch finanziert – so urteilten fast alle Fachleute bei der Anhörung im Parlament.

Die Wähler sind ganz anderer Ansicht. Ihre Unterstützung der geplanten Rentenerhöhung für ältere Mütter um 28 Euro pro Kind ist überwältigend; auch die Freude über die Rente ab 63 ist überaus groß. Vor allem der Beifall für die Mütterrente ist bemerkenswert, es geht schließlich um die Korrektur einer mehr als zwanzig Jahre alten Rentenreform, die lange niemanden interessiert hat. Aber manchmal fressen sich Themen eben sehr langsam durch den politischen Betrieb, sie entstehen als Idee an der Basis und enden als Urgewalt, die alles überrollt. Die Mütterrente wollten zunächst weder die CDU-Führung noch die Arbeitsministerinnen der alten und neuen Regierung. Nach der Wahl gab es für die Union plötzlich kein wichtigeres Projekt.

Das ist tragisch, denn die Mütterrente ist eine schlechte Antwort auf ein großes, weithin unterschätztes Zukunftsproblem: die drohende Altersarmut von Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen. Vierzig Prozent der zwischen 1962 und 1966 in Westdeutschland geborenen Frauen können nur mit einer Rente von 600 Euro im Monat rechnen.

Als Durchschnittsrente dieser Altersgruppe hat die Berliner Ökonomieprofessorin Barbara Riedmüller 622 Euro ermittelt. Vielen Frauen zwischen 45 und 55, die oft selbstbewusst und gut ausgebildet sind und viel erwarten, wird gerade erst richtig klar, was ihnen bevorsteht. Einige fühlen sich als Teil einer "verratenen Generation", wie es in einem gerade erschienenen Buch zur Rentendebatte heißt.

Schließlich sind sie jung genug, um bald die Folgen der rot-grünen Rentenabsenkung zu spüren. Das Rentenniveau wird in Deutschland in 15 Jahren niedriger sein als in den meisten anderen Industrieländern. Die Alten von heute trifft das noch nicht. Gleichzeitig sind die Frauen der Babyboomer-Generation meistens schon zu alt, um als Mütter von Kita-Ausbau, Eltern- und Betreuungsgeld zu profitieren.

Altersarmut, das klingt für viele immer noch nach Mütterchen mit Dutt und krummem Rücken, nach Soldatenwitwen, die einst Kohlen schleppten, um ihre Kinder durchzubringen, und sich schämten, Geld vom Sozialamt anzunehmen. An die sechs Millionen Frauen der Generation von Madonna, Anke Engelke oder Maybrit Illner denkt man nicht.

In vielen Fällen ist das auch nicht nötig, weil sich hinter den Statistiken Biografien glücklicher Menschen verbergen: Frauen, die sich bewusst auf ihre Familien konzentriert haben und im Alter auf die Einkommen ihrer Ehemänner zählen können. Frauen, die privat vorsorgen, die erben oder sich sehenden Auges auf ein Rentenalter mit wenig Geld einstellen, zum Beispiel in klug geplanten Altenwohngemeinschaften. Keine Frau dieser Generation kann behaupten, sie habe nie von unsicheren Renten gehört.

Dennoch haben die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge oft lange im Beruf ausgesetzt, wenn Kinder kamen. Selbst von den Frauen des Jahrgangs 1970, die noch etwas jünger sind als die Babyboomer, war jede dritte Mutter nach der Geburt 14 Jahre oder länger ohne Job. Und, das ist der bittere Teil dieser Biografien, die Rückkehr war meistens schwer.

Drei von vier Minijobbern sind weiblich, Frauen arbeiten dreimal so häufig in Teilzeit wie Männer, und sie haben siebzig Prozent aller Jobs im Niedriglohnbereich. Alles zusammen führt dazu, dass Frauen über ihr ganzes Berufsleben gerechnet ungefähr halb so viel wie Männer verdienen, wie die Soziologin Jutta Allmendinger errechnet hat. So groß ist der Abstand in kaum einem anderen Industrieland.

Die neue Mütterrente wird Frauen mit geringen Rentenansprüchen aber wenig helfen. Dafür sind 28 Euro pro Kind einfach nicht genug. Und ein Großteil der eingeplanten 6,5 Milliarden Euro fließt an Frauen, die keine Hilfe vom Staat brauchen, jedenfalls nicht dringend.

Inzwischen ist die Mütterrente kaum noch zu stoppen. Möglich wären aber ein paar andere Maßnahmen, um Frauen zumindest etwas vor Altersarmut schützen. So müssen die starren Altersgrenzen für Rentner schleunigst verschwinden. Gerade Mütter, die wegen ihrer Kinder lange zu Hause geblieben sind und wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben, wollen oft länger arbeiten. Die Rente ab 67 war für sie weniger eine Zumutung als ein Versprechen, eine Antwort auf die Rushhour des Lebens.

Jeder kann so leben, wie er will. Aber wer sich heute auf die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau einlässt, muss wissen, dass das im Alter Folgen haben kann, wenn die Ehe scheitert. Dann droht dem nicht berufstätigen Ehepartner, also in aller Regel den Frauen, die Altersarmut. Die jungen Eltern scheinen ihren Müttern die Erhöhung von 28 Euro zu gönnen, das zeigen die Umfragen. Aber sie selbst haben andere Pläne.