Nachdem im März, erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs, ein Staat in Europa den Teil eines anderen gewaltsam an sich gerissen hatte, hielt Wladimir Putin eine bedeutende Rede. Der russische Präsident erklärte, warum er sich die Krim einverleiben musste. Er beschwor die Idee der "Russki Mir", der "Russischen Welt".

Russki Mir ist ein Kampfbegriff, der oft in Moskau genutzt wird. Soll heißen: Russland fühlt sich auch für Russen zuständig, die (noch) nicht in Russland leben. Deshalb zog Putin gegen Georgien in den Krieg. Deshalb annektierte er die Krim. Deshalb stimmten Separatisten in der Ostukraine für die Abspaltung. Deshalb fürchten viele Moldauer um die Zukunft Transnistriens. Von Hamburg ist das alles sehr weit weg, bisher.

Vom kommenden Montag an kann sich das ändern. Da gibt der Senat laut Senatskanzlei einen Empfang, mit Fingerfood und Getränken. Anlass ist die Städtepartnerschaft mit St. Petersburg und die Eröffnung eines neuen Instituts, es heißt Russki Mir.

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Die "Russische Welt" kommt also nach Hamburg, nach Auskunft der Senatskanzlei soll das Institut zunächst in den Räumen der Reederei Laeisz unterkommen. Wickelt Putin jetzt Hamburg ein?

Ziel des Russki-Mir-Instituts ist es, "die russische Welt als globales Projekt" zu stärken. Erreicht werden soll dies offiziell durch Erhalt, Vermittlung und Popularisierung der russischen Sprache und Kultur. Das Institut soll Zugang zu russischer Literatur und zu Medien anbieten, aber auch Seminare oder Ausstellungen. Die Finanzierung läuft über die Russki-Mir-Stiftung aus Russland, teilt die Senatskanzlei mit. Dort sieht man Russki Mir in einer Reihe mit Einrichtungen wie dem Instituto Cervantes oder dem Institut français.

Dass es sich bei Russki Mir um etwas anderes, ein Propaganda-Instrument Putins, handeln könnte, darauf deutet für den Staatsrat der Senatskanzlei, Wolfgang Schmidt, SPD, nichts hin. Und mit dem Leiter der Russki-Mir-Stiftung, Wjatscheslaw Nikonow, habe er sich diesbezüglich nicht befasst. Vielleicht hätte er das besser tun sollen.

Nikonow gilt in Moskau als wichtiger Spindoctor und Berater des Präsidenten. Der Enkel des berühmten Außenministers Wjatscheslaw Molotow (Molotow-Cocktail, Hitler-Stalin-Pakt) machte bis zum Ende der Sowjetunion in der KP Karriere, seit den Neunzigern ist er Abgeordneter im russischen Parlament und seit Jahren Mitglied der Kremlpartei Einiges Russland. Wer Nikonows Büro betritt, schaut als Erstes auf ein Bild, das ihn neben Putin zeigt.

Nikonow sagte schon vor zehn Jahren, nach den Farbrevolutionen in den baltischen Republiken, der Ukraine und Georgien, Moskaus Geduld sei vorbei: Es gebe viele Wege, dies zu zeigen, mit wirtschaftlicher Abhängigkeit ebenso wie über die "wohlorganisierte russische Gemeinschaft". Damals begann Russland, sein Image im Ausland nach den drei Prinzipien der Soft Power zu pflegen:

Kultur, Werte, Außenpolitik.

Putin verfasste einen Artikel über die Soft Power, die "sanfte Machtausübung", und beklagte, Russland liege auf diesem Gebiet hinter westlichen Mächten zurück. Also kümmerte er sich persönlich um die Austragung wichtiger Sportereignisse (Olympia 2014, WM 2018). 2005 entstand Russia Today, ein Newssender, der auf Englisch, Arabisch und Spanisch ausgestrahlt wird. 2007 gründete der Kreml die Russki-Mir-Stiftung, die heute "Kulturzentren" in Europa finanziert. Nun auch in Hamburg.

Dort hat man sich im Vorfeld mit dem Auswärtigen Amt besprochen, ob der Schritt gerade jetzt sinnvoll sei. In der Ostukraine sterben Woche für Woche Menschen im politischen Konflikt, in Hamburg wird das ukrainische Konsulat am Mundsburger Damm mit Farbe beworfen – und ausgerechnet da will der Senat an einem Empfang für Russki Mir festhalten? Das Auswärtige Amt, heißt es, habe betont: Es sei wichtig, gerade jetzt den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.

Stolz verweist der Senat zudem auf das gute Verhältnis zu Russland: St. Petersburg ist die älteste Partnerstadt Hamburgs, die Beziehung besteht seit 1957. Und Russland ist zweitwichtigster Handelspartner des Hamburger Hafens. Vermutlich sind unter den Gästen am Montag auch einige Vertreter der Industrie.