Mit erheblichem Aufwand an Zank und Propaganda rüstet sich Berlin derzeit zu einem Volksentscheid, in dem es um nichts geht – jedenfalls um nichts in irgendeiner Hinsicht individuell Nachvollziehbares. Wer nur das Geschrei der Linken und der Grünen um die geplante Teilbebauung des Tempelhofer Feldes erlebt hat, die Demonstrationen und wütenden Wortmeldungen der autonomen Stadtteilindianer (höchstens das Schicksal der Palästinenser schien noch beklagenswerter), musste den Eindruck gewinnen, den Berlinern drohe der Entzug ihrer wertvollsten Freizeitfläche, eines kostbaren Biotops, von Millionen bevölkert, liebevoll bepflanzt und mit pädagogisch wertvollen Hütten spontan bebaut.

Wer dagegen das Tempelhofer Feld selbst einmal probehalber unter die Füße nimmt, sieht sich unversehens auf einer kaum bewachsenen Steppe, die nur von den Lande- und Startbahnen des ehemaligen Flughafens ansatzweise strukturiert wird. Die Silhouette der Stadt verschwimmt am Horizont wie eine Fata Morgana in der Wüste, man wandert und wandert, ohne dass eine Schatten spendende Oase auch nur nennenswert näher kommt.

Man könnte leicht im Kreis gehen, so wenig Orientierung bietet die endlose Ebene, die insofern mit gutem Grund hier und da Wegweiser enthält, die für die Querung in der Breite eine halbe Stunde, in der Längsrichtung eine optimistische Dreiviertelstunde annoncieren; im subjektiven Erleben könnte es auch gut das Doppelte sein. Für eine Verkleinerung der Fläche könnte der Fußwanderer nur dankbar sein.

Auf dem Stadtplan misst das Tempelhofer Feld drei U-Bahn-Stationen in der Breite und drei S-Bahn-Stationen in der Länge, das ist selbst für Berliner Verhältnisse viel und keineswegs mit dem Haltestellenraster anderer, menschenfreundlicher dimensionierter Großstädte vergleichbar. Mit anderen Worten, man wundert sich stark, warum die Pläne des Senats, an drei Stellen eine sparsame Randbebauung durchzuführen, zu solchen Protesten des linksalternativen Milieus geführt haben, dass der Volksentscheid am 25. Mai möglich wurde. 

Eine Anti-Stadt mitten in der Stadt

Im unbebauten Zustand kommt die Flugfeldsteppe auf 300 Hektar, nach der geplanten Bebauung auf 230, und das ist immer noch mehr als der Tiergarten, jener gewaltige Park, der die City Ost von der City West trennt und der auf seiner Längsachse, der Straße des 17. Juni, die beliebten Fanmeilen des Christopher Street Day oder der Fußballgroßereignisse aufnimmt.

Was also soll die Aufregung um Tempelhof? Gibt es nicht auch sonst in der Stadt Freiflächen und Brachen genug, von den Parks in allen Stadtteilen ganz abgesehen, über die Berlin ebenfalls in größerer Zahl als viele andere Städte verfügt, die es aber zugegebenermaßen nicht oder jedenfalls nicht ganz auf die volle Unwirtlichkeit des Tempelhofer Felds bringen.

Das ist aber möglicherweise der Punkt. Nur hier entfaltet sich die ungebremste Hässlichkeit und menschenfeindliche Ödnis eines aufgelassenen Nutzgebietes – eine Anti-Stadt mitten in der Stadt. Der ehemalige Flugplatz Johannisthal im Süden Berlins (übrigens der erste deutsche Flugplatz überhaupt) ist zwar ebenfalls noch erhalten und mit 65 Hektar gewiss nicht klein gewachsen, wurde aber doch behutsam in einen Landschaftsgarten verwandelt, in keine Schönheit, Gott behüte, allerdings für den wahren Hässlichkeitsfanatiker (dem Hässlichkeit eine Tugend bedeutet) nun nicht mehr gegen Tempelhof aufzuwiegen.

Der Selbsthass des Großstädters, der Hass des Großstädters auf die Großstadt, findet in Johannisthal nicht den rechten Spiegel, dazu braucht es das Tempelhofer Feld, auf dem sich wirklich existenzielle Verlorenheit, das Verschmachten in der Wüste oder Untergehn im Sturm, imaginieren lässt. Auf dem Tempelhofer Feld gewinnt jeder Wind ein paar Punkte auf der Beaufortskala dazu.