Sommer 2014: In Brasilien läuft das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft, in Deutschland begeben sich die Politiker Angela (Merkel), Sigmar (Gabriel), Horst (Seehofer) und Ulla (Ursula von der Leyen) in Therapie bei dem Coach Knut Hellmann. Das ist die Ausgangslage für die Komödie "Mutti" unter der Regie von Hasko Weber. Von Juni an läuft das Stück am Deutschen Nationaltheater Weimar; die Uraufführung ist bereits in dieser Woche bei den Ruhrfestspielen. Hier lesen Sie, gekürzt, die dritte Szene.

Horst: Servus, Angela. Lang nicht gesehen.

Sigmar: Angela, schön, dass Sie es einrichten konnten.

Hellmann: Jetzt, da alle angekommen sind, möchte ich mich noch mal kurz vorstellen. Mein Name ist Knut Hellmann, ich bin Systemaufsteller. Mit der Kanzlerin, mit Angela, habe ich einleitend bereits ein Gespräch geführt, und wir haben uns darauf geeinigt, beim Sie zu bleiben. Und Vornamen zu benutzen.

Sigmar: Einverstanden.

Ulla: Sehr gut. Ich bin die Ulla.

Hellmann: Dann möchte ich mich dafür entschuldigen, dass der Raum so wenig einladend ist.

Angela: Wir sind daran gewöhnt, in leeren Räumen zu arbeiten.

Hellmann: Sie werden gleich feststellen, wie wichtig ebendieser leere Raum für unsere gemeinsame Arbeit ist. Es wissen bereits alle, was wir vorhaben?

Horst: Ich nicht.

Hellmann: Haben Sie die Unterlagen nicht bekommen?

Ulla: Natürlich hat er die bekommen.

Sigmar: Es muss doch möglich sein, ein paar PDFs zu lesen!

Horst: Wissen Sie, wie viel Kilo PDF ich täglich auf den Schreibtisch kriege?

Hellmann: (ignoriert die Zankerei) Bei einer Systemaufstellung geht es darum, soziale Interaktion effektiver zu machen. Menschliches Miteinander zu professionalisieren. Zu mir kommen Familien, Unternehmen, Institutionen, weil irgendetwas nicht funktioniert. Ich stelle die Angehörigen der jeweiligen Gruppe gemäß bestimmter Beziehungsmuster in den Raum. Sie bewegen sich, dabei entstehen Dynamiken, durch die das System verändert wird. So werden die Konflikte sichtbar, und was man sieht, kann man bearbeiten. Um gewohnte Muster aufzubrechen, weise ich den Teilnehmern dabei neue Rollen zu.

Horst: Wie meinen Sie das, neue Rollen?

Hellmann: Ich versetze die Beteiligten in ein Stellvertretersystem. In Ihrem Fall habe ich mich für das System der Familie entschieden. Angela und Sigmar, Sie beide sind ein Ehepaar.

Sigmar: (polternd) Zwangsehe, möchte ich meinen!

Angela nimmt ihr Handy heraus und tippt und schaut. Ignoriert Sigmar vollständig.

Hellmann: Außerdem gehören zur Familie noch Angelas Schwester, das sind Sie, Ulla, und der Vater der beiden, das sind Sie, Horst.

Horst: Ich soll Angelas Vater geben? Das ist absurd.

Ulla: (scheint sich zu freuen) Und meinen Vater!

Horst: Ich bin gekommen, weil Krise ist. Aber ich spiel hier doch nicht Theater!