Paul Schneider studiert seit drei Jahren Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln, aber wie Wirtschaft wirklich funktioniert, davon hat er kaum eine Ahnung. Der 22-jährige Student hat gelernt, Nutzenfunktionen zu maximieren, Schnittpunkte von Graphen zu finden, Stochastik-Aufgaben zu lösen. Was er nicht gelernt hat: wie Finanzkrisen entstehen, wann Staatsschulden gefährlich werden und mit welchen Mitteln John Maynard Keynes Wirtschaftskrisen bekämpfen wollte. "Die Finanzkrise und die geschichtlichen Ursprünge der Wirtschaftswissenschaften sind bis jetzt kein einziges Mal vorgekommen", sagt Schneider. "Wir haben bisher eigentlich nur gelernt, wie man Modelle ausrechnet, und nicht, wie man reale ökonomische Probleme löst." Bald hat Schneider seinen Bachelorabschluss und darf sich Ökonom nennen, doch es fühlt sich für ihn nicht so an, als sei er wirklich einer.

Wie kann das sein?

Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Uni Köln ist die größte bundesweit. Sie hat einen hervorragenden Ruf, gilt allerdings als vergleichsweise konservativ. Bekannte Ökonomen wie Alfred Müller-Armack, der Begründer der sozialen Marktwirtschaft, sowie diverse Wirtschaftsweise lehrten und lehren hier. Bei den wissenschaftlichen Veröffentlichungen schneidet die VWL in Köln im aktuellen Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und der ZEIT sehr gut ab; für die Studiensituation liegen keine Daten vor. Wer in Köln VWL studiert hat, arbeitet später oft in Ministerien, Zentralbanken oder Verbänden und hat Einfluss auf die Wirtschafts- und Geldpolitik, die öffentliche Debatte und auf Forschungstrends. Genau das war für Paul Schneider ein Grund, in Köln zu studieren. "Die Wirtschaft ist der bestimmende Faktor in der Gesellschaft", sagt er. "Wer etwas verändern will, muss Wirtschaft verstehen." Aber dafür, sagt Paul Schneider, müsse sich das Studium ändern.

Seit einem Jahr ist er aktiv in der Hochschulgruppe Oikos in Köln. Anfang Mai hat sich die Gruppe an einem internationalen Aufruf von Tausenden Studenten aus 19 Ländern beteiligt. Die Studenten kritisieren, das VWL-Studium sei dominiert von der neoklassischen Wirtschaftstheorie. "Nicht nur die Weltwirtschaft ist in der Krise. Auch die Lehre von der Ökonomie ist in der Krise", heißt es in dem Aufruf.

Im Studium gehe es vielfach nur um effiziente Märkte, quantitative Methoden und einen immer rational handelnden Homo oeconomicus. Alternative Wirtschaftsmodelle würden ausgeblendet. Die Studenten fordern mehr Praxisbezug und wollen neue Ansätze kennenlernen, statt nur die Standardtheorien hoch und runter zu rechnen. Außerdem wollen sie mehr über die Ideengeschichte ihres Fachs lernen und sich mit den Thesen von Gründervätern wie Adam Smith und John Maynard Keynes auseinandersetzen. Bekannte Ökonomen wie James Galbraith von der Universität Texas, Thomas Piketty von der Paris School of Economics und Andrew Haldane, Direktor für Finanzmarktstabilität bei der Bank von England, unterstützen den Aufruf.

Als im Herbst 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach und in der Folge die ganze Weltwirtschaft in eine der größten Krisen der Geschichte stürzte, war die Volkswirtschaftslehre massiv in die Kritik geraten und musste sich unangenehme Fragen gefallen lassen: Warum haben Ökonomen das nicht kommen sehen? Wie kann es sein, dass in ihren Modellen Finanzkrisen nicht vorkommen? Wofür brauchen wir diese angeblichen Wirtschaftsexperten dann überhaupt? Was folgte, war eine Aufbruchstimmung an den Fakultäten. Studenten gründeten Gruppen wie die Plurale Ökonomik oder Real World Economics, und auch manch überzeugter Anhänger der alten Modelle kam ins Grübeln.

Fast sechs Jahre ist das nun her, und schaut man sich an großen VWL-Fakultäten wie in Köln um, merkt man schnell: Von der damaligen Aufbruchstimmung ist nicht mehr viel übrig, die Revolution in der ökonomischen Lehre ist ausgefallen. Geschehen ist in der ganzen Zeit: fast gar nichts.

Ökonomie-Studenten lernen größtenteils noch immer den alten Standardstoff. Sie rechnen in Klausuren aus, dass x = 3 ist, oft ohne zu wissen, was das bedeutet und wie man es anwenden könnte, um die Wirtschaft zu analysieren. "Der Mainstream und auch die neoklassischen Theorien sind wichtig und interessant, aber das ist ja nicht alles in der VWL", sagt Paul Schneider. "Ich würde mir einen breiteren Blick wünschen."

Das Paradoxe: Den breiteren Blick gibt es, und zwar gar nicht weit entfernt von den Hörsälen, in denen Paul Schneider und die anderen VWL-Studenten über Formeln brüten. Gleich neben dem alten, mächtigen Hauptgebäude der Universität aus den 1930er Jahren steht seit Kurzem ein modernes Bürogebäude. In der Lobby hängen noch lose Kabel aus den unverputzten Betonwänden, es riecht nach frischer Farbe. "Am Anfang fiel der Aufzug ständig aus, und die Treppe war auch noch nicht fertig. Da musste man manchmal 15 Minuten warten, bis man überhaupt ins Büro kam", sagt Carlos Alós-Ferrer, der hier sein Büro hat. Der Rohbauzustand stört ihn aber nicht, er passt ja eigentlich auch gut zu seiner Arbeit. Denn Carlos Alós-Ferrer ist dabei, die Volkswirtschaftslehre umzubauen.