Diese Geschichte erzählt von einer seltsamen Häufung überraschender Zufälle. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand sie vor einem Jahr in Österreich, als der Baukonzern Alpine unter einem riesigen Schuldenberg kollabierte. Es war die größte Pleite in der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Seither streitet man sich darüber, wer auf dem Schaden sitzen bleibt. Einige Banken sind ihre alpinen Sorgen noch kurz vor der Insolvenz zum großen Teil losgeworden. Seltsamerweise jedoch befinden sich diese Probleme nun in den Wertpapierdepots zahlreicher Kleinanleger. Was, wie die Finanzinstitute einstimmig beteuern, nichts miteinander zu tun habe. Sondern lediglich auf einen Zufall zurückzuführen sei.

Michael Poduschka glaubt nicht an Zufälle, und in diesem Fall schon gar nicht. Der Wiener Rechtsanwalt vertritt rund 400 Privatanleger, die sich von ihren Banken hintergangen fühlen. "Ich halte das für eine freche Entsorgungsaktion", sagt der Jurist. "Um sich selbst zu schützen, haben die Banken in Kauf genommen, dass ihre eigenen Kunden geschädigt werden. Das war ein klarer Interessenkonflikt." Noch ist der Fall zwar nicht völlig geklärt. Doch schon heute ist er über die Grenzen der Alpenrepublik hinweg bedeutsam. Alpine könnte sich nämlich als Musterbeispiel dafür entpuppen, wie Banken auf der ganzen Welt ihre Probleme zu den Problemen ihrer Kunden machen – und Wertpapierdepots in Finanzmülldeponien verwandeln.

Und das geht so.

Bis zur Insolvenz der Alpine Bau GmbH und ihrer Dachgesellschaft Alpine Holding im Juni vergangenen Jahres galt die Gruppe als ein Aushängeschild der österreichischen Wirtschaft. Der zweitgrößte Baukonzern des Landes hatte zahlreiche Firmenbeteiligungen im In- und Ausland erworben und war weltweit im Geschäft. In Singapur baute er Tunnel, in Tschechien Autobahnen und in Deutschland Wohnungen. Alpines Expansionsdrang war gewaltig, doch zahlreiche Aufträge konnten nur durch Dumpingpreise zustande gekommen sein. Jedenfalls berichtete der österreichische Kreditschutzverband (KSV) kurz nach dem Insolvenzantrag von "dramatischen Verlusten im Projektgeschäft" und davon, dass Alpine schon seit 2008 mehr als eine Milliarde Euro zur Finanzierung ihrer verlustbringenden Auslandsprojekte aufgewendet haben müsse. Das Geld hatte offenbar zu Teilen die Dachgesellschaft Alpine Holding besorgt und an ihre Bautochter weitergereicht. Übrig blieben rote Zahlen: Der KSV beziffert die Insolvenzmasse der Bautochter heute auf gut 100 Millionen Euro, denen aber rund drei Milliarden Euro offener Forderungen gegenüberstehen. Auch bei der Dachgesellschaft Alpine Holding entdeckte der Insolvenzverwalter bei Amtsantritt weitaus mehr Soll als Haben: Mehrere Hundert Millionen Euro Schulden, aber "nur 7000 Euro" freies Vermögen. Der Gegenwert eines Gebrauchtwagens.

Rund 7.500 Privatanleger haben Anleihen der Alpine gezeichnet

Und diese Schulden sollen zustande gekommen sein, ohne dass jemand etwas gemerkt hat? "Die Probleme bei der Alpine waren für die Banken vorhersehbar", glaubt Rechtsanwalt Poduschka. "Wenn eine Bank bei einem Schuldner 80 oder 100 Millionen Außenstand hat, weiß sie normalerweise alles über den Schuldner. Deshalb wurden 2008 auch die Kreditlinien bei der Alpine eingefroren."

Haben die Banken daraufhin einen Plan gefasst, ihre Risiken auf Kosten Dritter zu reduzieren? Für diese These gibt es ein paar starke Indizien.

In den drei Jahren vor der Insolvenz gab die Alpine Holding insgesamt drei Anleihen heraus – eine 2010, eine 2011 und eine im Mai 2012. Sie wollte sich damit bei Anlegern neues Kapital leihen. Begleitet wurden die Emissionen von der UniCredit Bank Austria, der Erste Group Bank, der Bank für Arbeit und Wirtschaft und Österreichische Postsparkasse (Bawag) sowie der Raiffeisen Bank International in jeweils wechselnder Zusammensetzung. Die Banken, von denen einige Kreditgeber der Alpine waren, verhalfen dem Baukonzern so zu insgesamt 290 Millionen Euro. "Abnehmer waren fast ausschließlich Privatanleger, die zumeist von ihrer Hausbank initiativ auf das Papier angesprochen wurden", sagt der Wiener Anlegeranwalt Benedikt Wallner, der zurzeit eine Sammelklage vorbereitet. Er geht von rund 7.500 Betroffenen aus, die durch die Zeichnung der Anleihe zu Gläubigern der Alpine wurden.