Jeden Sonntagvormittag gegen kurz nach zehn schwingt sich die zwölfjährige Sharon in Amsterdam auf ihr Fahrrad und macht sich auf den Weg in eine neue Zukunft. Wenig später betritt sie einen Raum, in dem sie zusammen mit elf anderen Jugendlichen für dreieinhalb Stunden mal einem Anwalt, mal einem Feuerwehrmann, mal einer Managerin oder einem Tierarzt zuhören und manchmal auch bei der Arbeit zuschauen wird. Die jungen Teilnehmer der sogenannten Weekendschool erfahren jeden Sonntag von jemand anders, wie der Alltag im Beruf ist – und auf welchem Weg sie es selbst dorthin schaffen könnten.

Für Sharon hat die Zukunft jetzt viele Farben. Bevor sie vor knapp drei Jahren zur Wochenendschule kam, sah ihre Zukunft eher düster und grau aus. Mit ihrer Schwester und Mutter wohnt sie in einer engen Wohnung im Amsterdamer Stadtteil Zuidoost, von dem viele Niederländer denken, es sei das schlechteste Viertel des ganzen Landes. Die Kriminalitätsrate ist eine der höchsten des Landes, ebenso die Zahl der Arbeitslosen. 80 000 Menschen aus 130 Nationalitäten leben hier. Sharons Eltern kommen aus Südamerika, sie leben getrennt. Die Mutter ist Pflegerin im Krankenhaus und noch bei der Arbeit, wenn Sharon aus der Schule kommt, Mittagessen kocht sich das Mädchen oft selbst. Große Zukunftspläne haben ihre Mutter und auch ihr Vater, ein Lkw-Fahrer und Wachmann bei einer Sicherheitsfirma, für sich selbst und ihre Kinder nie geschmiedet. "Sie kennen sich nicht so gut aus", sagt Sharon, ein zierliches Mädchen mit großer Hornbrille und langen schwarzen Haaren.

Doch seitdem sie jeden Sonntag in die Weekendschool geht, sieht Sharon eine riesige Menge an Möglichkeiten. Und bis heute wird ihr Horizont an jedem Sonntag noch ein Stückchen weiter.

Der Plan von Heleen Terwijn scheint aufzugehen. Vor 16 Jahren versuchte die heute 47-jährige Psychologin in einer Langzeitstudie herauszufinden, ob sich Kinder von Einwanderern gut in die niederländische Gesellschaft eingliedern. In Amsterdam-Zuidoost befragte sie Schüler zwischen acht und 16 Jahren und stellte fest, dass viele unter Depressionen, einem geringen Selbstbewusstsein und großen Integrationsproblemen litten. Die Mehrheit glaubte nicht, dass sie jemals ein zufriedenes und erfolgreiches Leben führen wird. Viele orientierten sich stark an ihren Eltern. Damals war die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung des Stadtteils arbeitslos.

Das Ergebnis ließ Terwijn keine Ruhe. Jedes Kind wolle doch eigentlich von Natur aus das Beste aus seinem Leben machen, glaubte sie. Warum war das hier anders? Doch um sich selbst verwirklichen zu können, so ihr Schluss, müsse man erst einmal wissen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt.

Terwijn beschloss, einen Ort zu schaffen, an dem sozial schwache Kinder erfolgreiche Erwachsene treffen, die mit Begeisterung von ihrem Beruf erzählen und die Kinder dadurch motivieren, eigene Zukunftspläne zu schmieden.

Zu Beginn hat Terwijn die Weekendschool allein gestemmt, Geld für Mitarbeiter oder Unterrichtsräume hatte sie nicht. Die ersten Schüler suchte sie selbst an Schulen in Amsterdam-Zuidoost aus. Sie heuerte Bekannte und Freunde als ehrenamtliche Gastdozenten an. Die ersten Stunden fanden in ihrer Wohnung am Küchentisch statt. Nach wenigen Monaten überzeugte sie den niederländischen Finanzdienstleister International Marketmakers Combination (IMC) davon, ihre Idee zu unterstützen. Er zahlte Terwijn ein Gehalt, damit sie ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Amsterdam aufgeben konnte. Und das Projekt wuchs.

Terwijn fand einen Raum, bald stellte sie jemanden an, der ihr bei der Organisation und Umsetzung half. Aus einer Weekendschool wurden zwei, aus zwei wurden drei, heute gibt es zehn niederländische Weekendschools, an denen sich im vergangenen Jahr rund 3500 Menschen ehrenamtlich engagierten. 40 Festangestellte arbeiten mittlerweile an den Schulen, die meisten von ihnen sind Klassenlehrer, die eine Schülergruppe während des drei Jahre dauernden Programms begleiten. Möglich wurde das Wachstum, weil inzwischen mehr als 100 Unternehmen und Stiftungen dem Projekt Geld zur Verfügung stellen. 180.000 Euro braucht Terwijn jedes Jahr pro Standort, um Personalkosten und Unterrichtsmaterial zu bezahlen. Die Kinder zahlen nichts. Auch der niederländische Staat beteiligt sich nicht. Terwijn findet das nicht schlimm: "Ich halte mehr davon, wenn die Regierung ihr Geld in die normalen Schulen steckt. Wir machen ein Zusatzangebot und treiben das Geld selbst auf." Auch Freiwillige gibt es genug.