Wenn Jürgen Hesse vor Publikum auftritt, ist ihm kein Vergleich zu gewagt. "Sie sind der Heilsbringer! Der Erlöser!", ruft er seinen Zuhörern zu. "Sie sind keine Bittsteller!" Mit ausladenden Schritten läuft der große Mann mit den weißen Haaren vor den Stuhlreihen hin und her. In der einen Hand hält er ein Mikro, die andere unterstreicht das Gesagte mit Gesten. Rund hundert Besucher der Jobmesse München schauen ihn aufmerksam an, manche machen sich Notizen.

Seit einer Stunde nimmt das Karrierespektakel im MOC Veranstaltungscenter seinen Lauf. Firmen und Institutionen haben Gummibärchen ausgelegt und Plakate aufgestellt: "Wir suchen Sie", "Ihr Kopf ist gefragt". Auf roten Teppichen haben sich die Besucher durch die Gänge in das improvisierte Auditorium am Ende der Halle gedrückt. 18 Minuten hat Hesse dort für seinen Vortrag "So geht Bewerbung!". Eine Dreiviertelstunde wäre ihm lieber, "um wirklich etwas rüberzubringen". Doch die knapp bemessene Zeit hindert ihn nicht daran, grundsätzliche Fragen in den Raum zu werfen: "Was ist der Schlüssel zum Menschen?", "Wonach beurteilen Sie Ihre Mitmenschen?" Er erläutert, wie man einen Arbeitsplatz erobert. Er fordert seine Zuhörer auf, nach ihrem unique selling point zu suchen. Er verkündet: "Wir wissen, was in der Arbeitswelt läuft!"

Wir, das sind Jürgen Hesse und sein Co-Autor Hans Christian Schrader, die seit 30 Jahren gemeinsam Ratgeber schreiben. Nach Hesses Darbietung hat man den Eindruck, sie selbst seien die Heilsbringer, die Erlöser der Bewerber.

Die beiden sind ein Phänomen: Niemand anderes hat in Deutschland so viele Bewerbungsbücher herausgebracht. Die genaue Anzahl wissen sie selbst nicht einmal, um die 200 müssen es sein. Gesamtauflage: rund sieben Millionen. Die Bücher werden von Buchhändlern empfohlen und bei Amazon bestens bewertet. In diesen Wochen sind zwei neue Titel erschienen: Die überzeugende Selbstpräsentation im WWW und Neue Formen der Bewerbung. Arbeitsbücher mit kurzen Kapiteln, Ordnungspunkten, Kästen und Beispielen. Die Inhalte sind so, wie man sie von einem Bewerbungsratgeber erwartet: Es geht darum, sich über eigene Stärken und Schwächen klar zu werden, sich berufliche Ziele zu überlegen, sich strategisch und formal korrekt zu vermarkten, kurz: um die hohe Kunst der Selbstinszenierung. Die immer gleichen Botschaften zwischen immer neuen Buchdeckeln. Wie schafft es dieses Duo, mit solch eingängigen Tipps über Jahrzehnte so erfolgreich zu sein?

Anfangs galten sie als Nestbeschmutzer, die Geheimwissen preisgaben

Zum ersten Mal begegnet sind sich die beiden an der Uni Berlin in den siebziger Jahren. Wenn Hesse und Schrader davon erzählen, klingt es, als hätten sich da zwei nicht allzu selbstbewusste junge Männer getroffen, die sich fortan im Psychologiestudium gegenseitig unterstützten. Sie verfassten die Vordiplomarbeit gemeinsam, sie lernten zusammen für Prüfungen, und schließlich schrieben sie zu zweit eine mehr als 600 Seiten umfassende Diplomarbeit. Schrader saß rechts, Hesse links von ihm; Hesse formulierte die Sätze, und Schrader tippte sie auf der Kugelkopfschreibmaschine. Schrader war der Rechercheur, Hesse der Verkäufer.

Ihren Rollen sind sie bis heute treu geblieben. Der Berliner Jürgen Hesse ist ein Hansdampf: Er gibt oft Interviews und ist schon bei RTL als Job-Coach aufgetreten, er erklärt mit Begeisterung und hört sich selbst gern reden. Hans Christian Schrader wirkt eher im Stillen: Er lebt seit einigen Jahren zurückgezogen in Badenweiler, einem Örtchen am Rand des Südschwarzwalds. Er zieht die gründliche Recherche dem öffentlichen Auftritt vor, interessiert sich für Buddhismus und spricht mit Journalisten, wenn überhaupt, lieber am Telefon als persönlich.

Hat man ihn aber einmal erreicht, landet er schnell bei prägenden Erlebnissen in seiner Kindheit und Jugend. "Von der Geburt an, wenn es darum geht, ob man als Baby angenommen und geliebt wird, ist das Leben eine Aneinanderreihung von Bewerbungssituationen", sagt er. Auch Jürgen Hesse erzählt, dass er sich im Sandkasten nicht getraut hat, andere Kinder zu fragen, ob er mitspielen dürfe. Die Abschlussprüfungen an der Uni haben beide als enorme Herausforderung empfunden – gefolgt von dem bösen Erwachen: "Es hatte keiner auf uns gewartet." Sie waren ein Jahr lang arbeitslos und wussten weder, wie man einen Lebenslauf verfasst, noch wie ein Vorstellungsgespräch abläuft.

Fast scheint es, als hätten die beiden sich mit ihren Büchern selbst therapiert. Zumindest haben ihre eigenen Unsicherheiten ihre Sicht auf Bewerbungssituationen stark geprägt und dazu geführt, dass sie es anderen leichter machen wollten. Es begann mit einer Freundin, die sie um Hilfe bei der Vorbereitung auf einen Ausbildungstest bat. Dabei entstand die Idee für das erste Buch, das im Jahr 1985 im Fischer-Verlag erschien: Testtraining für Ausbildungsberufe. Ein Testknacker, der Lösungswege und Strategien aufzeigte, durch die man mit Fragen in Eignungstests besser zurechtkommt. Das Buch wurde ein Bestseller, der bis heute vielfach neu aufgelegt worden ist.

Das junge Autorenduo machte sich damit allerdings nicht nur beliebt. Die Psychologenschaft versuchte gar, die Publikation zu verhindern – zu viel werde darin über die gängigen Tests der Zunft verraten. Hesse und Schrader wurden als Nestbeschmutzer angesehen, die Geheimwissen preisgaben. Ein Versuch, sie deswegen aus dem Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) auszuschließen, schlug jedoch fehl: Sie waren nie Mitglieder gewesen.

Die beiden hatten indes eine Marktlücke entdeckt, die sich kommerziell bestens nutzen ließ. Zwar hatten sie in der Zwischenzeit Arbeit gefunden – Hesse eine Halbtagsstelle als Geschäftsführer der Berliner Telefonseelsorge und Schrader als Psychotherapeut in einer Klinik –, doch sie schrieben parallel weiterhin Bücher.