Caspar Bowden hat kein Handy. Wer ihn treffen will, erhält Vorschläge wie diesen: Donnerstag, 19 Uhr, vor dem großen Hörsaal der Universität in Barcelona. Da steht er dann, ein stämmiger Mann in Jeans und Hemd, mit schütterem Haar und lederner Umhängetasche. Es ist nicht einfach, ihn im Getümmel auszumachen.

Caspar Bowden ist das ganz recht. Seit der Softwarekonzern Microsoft ihn entlassen hat, kämpft er freiberuflich gegen den Überwachungsstaat. Falls eine Videosoftware jetzt oder in Zukunft diesen Platz abscannt, sucht sie nach auffälligen Menschen. Caspar Bowden fällt nicht auf.

Jahrelang hat die Weltöffentlichkeit ihn übersehen. "Geheime massenhafte Überwachung im Internet hat niemanden interessiert", sagt er.

Wie durchsichtig wir alle längst geworden sind, begriff Bowden vor etwas mehr als fünf Jahren, als er noch Datenschutzberater in der Europazentrale von Microsoft in London war. Damals bereitet das Unternehmen gerade das nächste große Projekt vor, Cloud-Computing: Privatleute, aber auch Unternehmen und Behörden sollen ihre Daten und Texte künftig nicht mehr auf eigenen Geräten lagern müssen, sondern auf externe Server ausweichen können. Zugang haben sie über das Internet. Es ist, als befänden sich ihre Daten in einer Wolke, daher der Name.

Microsoft hat damals gigantische Pläne. Ganze Staaten könnten ihre Verwaltung in die "Wolke" auslagern, hofft der Konzern. Denn Cloud-Computing ist billiger, der virtuelle Speicher ist größer, und der Kunde kann von überall auf seine Daten zugreifen.

Aber nicht nur er.

Der Datenschutzberater Bowden studiert die Bestimmungen in den EU-Staaten, er liest die amerikanischen Gesetze. Er stellt fest, dass der US Foreign Intelligence Surveillance Act (Gesetz zum Abhören in der Auslandsaufklärung) neuerdings nicht nur amerikanische Unternehmen wie Google oder Facebook verpflichtet, Daten von Nichtamerikanern an die Geheimdienste auszuhändigen, sondern auch die Anbieter von Cloud-Computing.

Anders gesagt: Die NSA hat Zutritt zur Wolke.

Im März 2011 präsentiert Bowden seine Analyse vor 40 Microsoft-"Botschaftern", Repräsentanten des Konzerns bei 40 Regierungen. Er sagt: "Wenn Sie Cloud-Computing in Ihren Ländern verkaufen, kann die NSA alle Daten scannen."

Acht Wochen später wird Caspar Bowden von Microsoft entlassen.

Bowden glich damals einem Astrophysiker, der ein neues Himmelsphänomen prophezeit. Er sagte voraus, durch welches Schlupfloch amerikanischer Paragrafen sich die NSA in die privaten Winkel des internationalen Datenverkehrs zwängen würde. Niemand glaubte ihm – bis ein anderer den Beweis vorlegte. Dieser andere war der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden.

Heute, nach all den Enthüllungen über abgehörte Handys und mitgelesene E-Mails, ist Caspar Bowden ein gefragter Mann. An der Universität in Barcelona findet an diesem Frühlingstag eine internationale Konferenz zum Thema Überwachung und Gesellschaft statt. Es geht um Drohnen in Kanada, um das spanische Informationsfreiheitsgesetz, um die Ermittlungen der britischen Polizei in Sozialen Netzwerken. Bowden ist einer der prominentesten Redner. Er sagt: "Nicht überwacht zu werden ist die entscheidende Menschenrechtsfrage des 21. Jahrhunderts."

Erst vor wenigen Wochen bestätigte ein Gericht in New York Bowdens Befürchtungen. Es urteilte, dass amerikanische Unternehmen wie Microsoft und Google auch dann Daten an Sicherheitsbehörden herausrücken müssen, wenn diese auf Servern außerhalb der USA lagern, zum Beispiel in Europa.

Bowden hofft jetzt auf die EU. Darauf, dass die Europäer die Persönlichkeitsrechte der Bürger stärker achten als die Amerikaner.

In Europa ist der Datenschutz eine Art Grundrecht. In Deutschland etwa entwickelte das Bundesverfassungsgericht schon 1983 das Konzept der "informationellen Selbstbestimmung". Die Bürger sollten selbst entscheiden dürfen, welche Daten sie an wen weitergeben möchten.

Auch hierzu gibt es ein aktuelles Urteil, diesmal von einem Gericht in Europa. Der Europäische Gerichtshof bestätigte vorvergangene Woche die hiesige Rechtsauffassung. In einer aufsehenerregenden Entscheidung räumte er den Europäern das Recht ein, Suchmaschinen wie Google dazu zu zwingen, kompromittierende Suchergebnisse zu löschen.

Europa, so schien es in diesem Moment, ist eine Festung des Datenschutzes.