Englischer TeeAnbauen und Tee trinken

Das Nationalgetränk, ein Kraut aus fernen Ländern? Das ließ den Briten keine Ruh. Besuch auf dem Landgut Tregothnan, auf Englands erster und einziger Teeplantage von Elsemarie Maletzke

Englischer Tee: Anbauen und Tee trinken

Buttons an einer Jacke in Tregothnan  |  © REUTERS/Stefan Wermuth

Teezeit in England, ein eingeborenes Ritual. Der Hammer fällt. Die Arbeit ruht. Man trinkt eine schöne Tasse Tee; 165 Millionen jeden Tag. Tee ist so englisch wie die Queen und der Regen, die beide auf der Insel endemisch vorkommen. Dabei ist er ganz anderswo verwurzelt. Erst vor 350 Jahren brachten holländische Händler den Tee nach England – aus China, wo man ihn seit mehr als 4.000 Jahren kultivierte. Der königliche Beamte und Chronist seines Jahrhunderts, Samuel Pepys, kam als einer der Ersten in den Genuss und schrieb im September 1660 in sein Tagebuch: "Lrieß mir im Flottenamt eine Tasse Tee bringen, ein chinesisches Getränk, das ich noch nie zuvor getrunken hatte."

Dass ihr Nationalgetränk aus China, später auch aus Indien und Sri Lanka importiert wurde, muss die Briten lange gewurmt haben. Im Zweiten Weltkrieg bauten sie Tee versuchsweise auf heimischer Scholle an, aber ehe der First Flush getestet werden konnte, war der Krieg zu Ende, und man griff wieder zum billigen Beutel English breakfast tea aus Indien. Erst am Ende des Jahrhunderts haben es die Briten der Welt dann doch noch gezeigt: Seit 1999 wächst Tee auf dem Landgut Tregothnan in Cornwall, auf Englands erster und einziger Teeplantage.

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Tregothnan liegt in der Nähe von Truro und über dem Mündungstrichter des Flusses Fal, der einen tiefen Fjord in den steinernen Fuß geschnitten hat, den England in den Atlantik hinausstreckt. Vom Golfstrom umschmiegt und selten vom Frost gebissen, überlebt dort, was nach einem deutschen Winter kein noch so grüner Daumen wieder aufrichten könnte. Narzissen, Hasenglöckchen, Primeln und Montbretien mehren sich wie in höherem Auftrag. Azaleen, Hortensien, Kamelien und Mammutblatt folgen ihrem beunruhigenden Drang, alles unter sich zu begraben. Dazu saurer Boden, Hügellagen, feuchte Luft – was Tee zum Wachsen braucht, ist da.

Englischer Tee: Teepflücken auf dem Landgut Tregothnan in Cornwall

Teepflücken auf dem Landgut Tregothnan in Cornwall   |  © Stefan Wermuth/Reuters

Man nähert sich dem Gut auf schmalen Straßen zwischen hohen Böschungen, die grün von Moos und Efeu sind, gelb von Primeln, weiß von den Blüten der Wilden Möhre und gekrönt von Bäumen, die ihre Wipfel über der Fahrbahn zusammenflechten. Wenn sich der Blick öffnet, wellt sich das weite Land, eingegrenzt von den wolligen Säumen der Hecken. In der Ferne sieht man das Meer blitzen. Was man nicht sieht, ist das Schloss Tregothnan. Die von Rhododendren gesäumte Auffahrt ist Privatstraße. Besucher des Gartens werden über einen Wirtschaftsweg zu einem Seiteneingang gelenkt und erhaschen dabei nur einen Blick auf das graue Trumm mit Zinnen und zahllosen Schornsteinen, das hinter einem von grimmigen Löwen bewachten Paradehof liegt. Ein Klempner hat seinen Lieferwagen darauf geparkt.

Erst später bei einem Rundgang mit dem Obergärtner wird man diskret zur Schauseite vorstoßen, die sich in breiter Front einem Parterre aus Rasen und Kies zuwendet, hinter dem eine von Bäumen gerahmte Landschaft zum Meer hin abfällt. Auf der Terrasse stehen neben dem zugedeckten Holzkohlegrill die Kanonen aufgereiht, mit denen Admiral Edward Boscawen im 18. Jahrhundert die Franzosen beschoss, und zielen übers Tal hinweg auf einen blauen, mit weißen Booten getupften Zwickel in der Ferne. Auf dem Dach weht die Fahne der Boscawens. Seit 1335 ist die Familie am Platze.

Tee aus Cornwall
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Stefan Wermuth/Reuters

Im Schloss lebt der Honourable Evelyn Arthur Hugh Boscawen mit Frau und drei Kindern. Er ist Erbe des Titels Viscount Falmouth und ein Nachkomme von Earl Grey, jenem britischen Premierminister, der seinen Tee mit der Rinde der Bergamotte-Orange parfümierte. 1999 zählte ihn der Guardian mit 60 Millionen Pfund zu den 20 reichsten Erben im Vereinigten Königreich. Heute ist Boscawen der größte private Landbesitzer in Cornwall – 80 Quadratkilometer, das Doppelte von dem, was Prince Charles als Herzog von Cornwall sein Eigen nennt – und ein etwas publikumsscheuer Herr, der auf Fotos dem jüngeren Elton John ähnelt. In den Lokalzeitungen ist er nur zu sehen, wenn er Schulpreise verleiht oder einmal im Jahr seinen botanischen Garten neben dem Schloss zu Wohltätigkeitszwecken öffnet.

Die Sache mit dem Tee war die Idee seines damaligen Obergärtners Jonathan Jones, der, mit einem fürstlichen Budget ausgestattet, durch die Welt reiste, um exquisite Pflanzen für Tregothnan zu erwerben – mit 40 Hektar ist der Park Cornwalls größter privater botanischer Garten. Im Angesicht japanischer Teeplantagen besann sich Jones darauf, dass Tee, Camellia sinensis, eine Kamelie ist. "Und Freilandkamelien wachsen auf Tregothnan seit 200 Jahren", sagt Mr. Jones. "Also kann Tee auch bei uns in Cornwall gedeihen." Um das zu beweisen, pflanzte er 1999 drei Reihen im alten ummauerten Küchengarten. Nach sechs Jahren waren die Blätter genussreif, und er konnte die erste Ernte einfahren. Experiment geglückt. Camellia sinensis begrünt seither große und kleine Parzellen auf den Latifundien.

Leserkommentare
  1. danke für diesen schönen Artikel, und die Karte mit Orten die man mal in England besuchen muss, wird um ein Kreuz reicher :)

    2 Leserempfehlungen
  2. CC steht für carbon copy, als man früher bei Schreibmaschinen (oder eventuell auch früher bei handschriftlichen Sachen, bin da nicht sicher) eine weitere Seite sowie ein Kopierpapier dazwischenspannte.
    Durch das Kohlepapier drückte sich die Schrift dann auf die 2te Seite , wodurch sich Sekretärinnen zumindest die Arbeit ersparen konnten, fürs Archiv den gleichen Brief nochmal abzutippen

  3. 3. Nanu?

    fahren Zeit-Journalisten da jetzt regelmäßig hin?
    Da war doch schonmal ein Artikel.
    Nichtsdestotrotz eine feien Sache.

  4. 4. idylle

    warum muessen eigentlich alle artikel ueber teile gb's ins rosemary-pilcher-kitschige abgleiten. anstatt im urlaub sehenswuerdigkeiten abzustreichen, sollte man vielleicht versuchen mit der lokalen bevoelkerung in kontakt zu kommen. rhododrendon betrachter man im uebrigen in diesen teil der welt als "fast unkraut".

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