Je länger man über diese europäischen Wahlen in der EU und in der Ukraine nachdenkt, desto mehr verschlägt es einem den Atem. Vor Erleichterung.

In den letzten fünf Jahren ist die EU durch die tiefste Krise seit ihrer Gründung gegangen. Zwischendurch schien es, als könnte der Euro zerbrechen und damit möglicherweise die ganze Union, Italien wurde der politische Kollaps prophezeit, und Griechenland sahen einige besonders ambitionierte Pessimisten schon am Rande einer Militärdiktatur. Um all das zu verhindern, wurden brutale Sparmaßnahmen verordnet. Millionen junge Europäer wurden dabei arbeitslos; unzählige Milliarden wurden aufgewendet, um nichtswürdige Banken zu retten; Deutschland trat zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs wieder als Hegemon hervor, noch dazu in der unsympathischen Gestalt des Gläubigers. Dabei wurde die EU krisenbedingt in einem Tempo vertieft und in eine widerwillige Solidarität unter den Ländern hineingezwungen, wie das kaum einer politisch je gewollt hatte. Und dann hat die EU auch noch in der Ukraine-Krise zunächst eine recht unglückliche Figur gemacht.

Und wie reagierten die europäischen Wähler auf all diese Zumutungen? Nun, die Wahlbeteiligung ist gegenüber dem vergleichsweise idyllischen Jahr 2009 sogar gestiegen, und etwa drei Viertel derer, die ihre Stimme abgegeben haben, stimmten für europafreundliche, zivile und demokratische Parteien. In Italien wurde Matteo Renzis reformerischer Mut von den Wählern spektakulär belohnt, Deutschland wählte mal wieder grundvernünftig, die Niederländer haben sich wieder gefangen, Spanien kommt zu sich und wählt die politische Mitte. Kurzum, die Europäer beantworteten Zumutungen mit Zutrauen. Nicht zu fassen.

Und das ist noch gar nichts gegen die Menschen in der Ukraine. Die wurden für ihr Streben in Richtung EU mit einer beispiellosen Aggression durch ihren übermächtigen Nachbarn überzogen. Russland annektierte die Krim und destabilisierte die Ukraine, worauf die EU mit milden Sanktionen, diplomatischer Geduld, ein paar Millionen Euro an Hilfsgeldern – und mit sonst nichts reagierte. Die Ukrainer hätten also allen Grund gehabt, von der EU enttäuscht zu sein und sich dem russischen Nachbarn zu ergeben oder sich zu radikalisieren. Nichts davon ist geschehen. Stattdessen machten sie die Abstimmung zu einer Demonstration für die Unabhängigkeit ihres Landes und für dessen West-Orientierung. Hut ab vor solchen Europäern!

Und wenn es in den kommenden Wochen zu einer Stabilisierung der Ukraine kommen sollte, dann ist das mindestens so sehr der demokratischen Tapferkeit und Disziplin der Menschen dort zu verdanken wie den konzertierten Bemühungen des Westens, Putins Machtstreben einzudämmen.

In den letzten Jahren wurde die Debatte über Europa fast nur von Kräften dominiert, die mit der EU extrem unzufrieden sind. Dazu gehören die Amerikaner (fuck the EU), die auf dieses merkwürdige Konstrukt herabblicken, als sei es eine sozialistische WG. Dazu gehört natürlich Russland, das unsere Pluralität und Liberalität als Dekadenz verspottet. In diese Reihe der unablässigen Nörgler gehören ebenso die national illusionierten Euroskeptiker, aber auch all jene Europhoriker, denen es nie genug Europa sein kann. Sie alle sollten sich diese Wahlen genau anschauen. Mit diesem Europa, mit dieser EU, wie sie ist und im Werden begriffen ist, muss man rechnen.

Trotz alledem geschieht zugleich etwas Unheimliches: Ein Gespenst geht um in Europa, es ist das Gespenst des Autoritarismus. Der Begriff mag übertrieben sein, dennoch hilft es vielleicht, sich die Lage in Europa als einen neuen "Systemkonflikt" vorzustellen – zwischen der liberalen Demokratie und dem nationalen Autoritarismus. Und hier verlaufen die Fronten keineswegs nur zwischen der EU und Russland, nein, die Sache geht viel tiefer. Zunächst einmal, weil auch innerhalb der großen westlichen Demokratien Strömungen stärker werden, die auf Abgrenzung, Ausgrenzung und eine Politik der sogenannten starken Männer setzen. Nicht überall sind diese Kräfte vergleichsweise harmlos und so marginal, wie es die Alternative für Deutschland bei uns ist. In Großbritannien hat eine Partei gewonnen, die eben nicht nur aus der EU austreten will, sondern auch die Zumutungen der multikulturellen, sexuell liberalen Gesellschaft loswerden möchte. Was man natürlich wollen kann, was der Wirklichkeit aber Gewalt antut.

Noch schlimmer steht es in Frankreich, wo der Front National sich ganz unabhängig von der EU in einer riesigen Legitimationslücke eingenistet hat. Die klafft zwischen der politischen Elite und den normalen Leuten, zwischen dem französischen Selbstverständnis und der realen Lage des Landes wie auch zwischen der traditionellen, staatsorientierten Wirtschaft und den Erfordernissen der globalen Konkurrenz. Nicht zuletzt – und hier schließt sich der Kreis – krankt Frankreich an seinem autoritären Bildungssystem, das dem Denken einer Marine Le Pen entgegenkommt und obendrein ineffektiv ist.

Da liegt vielleicht der Kern des Systemkonflikts. Die große Frage des Kontinents lautet: Ist das Autoritäre stärker und effektiver als das Liberale und Partizipatorische?