Hans Nobiling suchte, wie Millionen deutsche Auswanderer vor ihm, das Glück in der Neuen Welt: 1897 bestieg der Hamburger ein Schiff nach São Paulo – ein exotisches, aber damals keineswegs ungewöhnliches Ziel. Brasilien lockte seit der Staatsgründung 1822 verstärkt Migranten aus Europa an. Neben den USA, Kanada und Argentinien entwickelte es sich zu einem der wichtigsten und verheißungsvollsten Einwanderungsländer der Welt.

Auch Nobiling wanderte mit einem gesunden Geschäftssinn aus. Aber er war zugleich beseelt von einer Vision. Denn in seiner Heimatstadt hatte sich der junge Mann nicht nur einen Namen als Kaufmann bei der Handelsgesellschaft F. W. Budich-Schweffel gemacht, sondern auch als Fußballer beim SC Germania. "Ich kam in São Paulo mit der Absicht an, einen Club zu gründen, der eine Art Bruderclub des Hamburger SC Germania sein sollte", schilderte er rückblickend die Anfänge des Fußballs in São Paulo. Nachlesen lassen sich diese Erinnerungen aus dem Jahr 1907 im dortigen Martius-Staden-Archiv. "Weil ich den Sport sehr liebe, brachte ich vorsorglich aus Deutschland mit, was zu einer Sportausstattung gehört: einen Ball, Einfädler, Hemd, Schuhe, halblange Socken und weitere Ausrüstung für das Fußballspiel, eine Pfeife und zwei Exemplare von Statuten, eines vom SC Germania aus Hamburg, das andere von der Hamburger Fußballliga."

Mit Freunden aus Italien, Frankreich, Portugal, Spanien und Deutschland formte Nobiling gleich nach seiner Ankunft eine Mannschaft. Sie bestritten im März 1899 das erste offizielle Fußballspiel in Brasilien und gründeten kurz darauf einen eigenen Verein. Wäre es nach Nobiling gegangen, hätte er wie sein hanseatischer Heimatclub SC Germania geheißen. Doch die Spieler anderer Nationen stimmten dagegen. Enttäuscht zog sich Nobiling zurück.

Schon wenige Wochen später aber scharte er eine neue Fußballmannschaft um sich. Diesmal bestand sie hauptsächlich aus deutschen Auswanderern, die der Namensgebung nichts entgegensetzten. So gründete Nobiling am 7. September 1899, drei Tage vor seinem 22. Geburtstag, den Sport Club Germania, einen der ersten Fußballvereine Brasiliens.

Anschließend baute Nobiling mit dem aus Schottland stammenden Charles Miller, der als Gründervater des Fußballs in Brasilien gilt, die erste offizielle Fußballliga des Landes auf. Doch die sportlichen Erfolge des SC Germania ließen auf sich warten. Abgesehen von Nobiling selbst waren kaum erfahrene Fußballer im Team. "In der deutschen Kolonie gab es niemanden, der das Spiel in seinem Geburtsland ausgeübt hätte. Turnen ja, doch niemand wollte Fußballspielen lernen", erinnerte sich Nobiling.

Das änderte sich, als er alte Teamkameraden vom SC Germania aus Hamburg nach Brasilien holte. 1903 stieß Hermann Friese zur Mannschaft. Friese, der bereits in Deutschland als begnadeter Fußballer galt und noch kurz vor der Abfahrt nach Südamerika deutscher Meister im 1500-Meter-Lauf wurde, entwickelte sich schnell zum Führungsspieler. Er war noch nicht lange in Brasilien, da kürte ihn die Zeitung O Estado de S. Paulo bereits zum "sensationellsten Spieler aller Zeiten". Dieser Titel wurde in den Anfangsjahren des Fußballs sicherlich schneller vergeben als heute. Aber mit Friese im Angriff konnte der SC Germania schließlich 1906 zum ersten Mal die Stadtmeisterschaft von São Paulo gewinnen.