DIE ZEIT: Herr Meuser, wie Mütter und Väter die Familienarbeit unter sich aushandeln, ist normalerweise Privatsache. Sie erforschen das in Interviews. Wie viele Paare haben Ihnen einen Einblick gewährt?

Michael Meuser: Wir haben 35 Paare interviewt – Männer und Frauen gleichzeitig. Das ist eine eher seltene Methode, und sie ist sehr aufschlussreich: Wann geraten sie beim Erzählen ins Stocken? Wo haben sie sich widersprochen oder den anderen korrigiert? Das erzählt oft genauso viel wie die gesprochenen Worte …

ZEIT: Und was ist Ihr Befund? Ist Gleichberechtigung in der Partnerschaft heute selbstverständlich?

Meuser: Viele Paare streben danach, aber beim ersten Kind fallen sie in ganz traditionelle Rollen zurück: Die Mutter erzieht die Kinder, der Vater verdient das Geld. Die Paare sind gefangen in jahrhundertealten Vorstellungen, was Weiblichkeit und was Männlichkeit ausmacht. Und sie spüren diese Erwartungen in ihrer Umwelt. Deshalb können sie relativ reibungslos in alte Muster zurückkehren, auch wenn sie früher ein anderes Ideal angestrebt haben.

ZEIT: Aber sie müssen doch bemerken, dass ihr Anspruch und ihr Verhalten plötzlich auseinanderfallen?

Meuser: Häufig finden Paare Erklärungen, die ihre eigenen Ansprüche auf Gleichberechtigung nicht verraten. Wir nennen das Konsensfiktion. Zum Beispiel erklären sie die Kinderbetreuung durch die Mutter damit, dass der Vater mehr verdient. Gleichzeitig betonen sie, dass der Mann selbstverständlich kein Problem gehabt hätte, seine Arbeitszeit zu reduzieren, wenn die Frau mehr verdienen würde. Interessant ist, dass solche Erklärungen in hohem Maße von den Frauen formuliert werden. Sie entlasten also den Mann, der sich nicht dafür rechtfertigen muss, dass er seine Karriere fortführt.

ZEIT: Warum tun Frauen das?

Meuser: Im traditionellen, bürgerlichen Familienmodell besitzt die Frau die Definitionsmacht in der Familie. Noch immer wird ihr die größere Kompetenz in der Kinderbetreuung zugeschrieben. Sie lobt den Mann für getane Hausarbeit, urteilt aber auch darüber, ob er seine Aufgabe gut macht.

ZEIT: Viele Mütter wollen also gar nicht, dass die Väter sich stärker einbringen?

Meuser: Frauen schätzen dieses Engagement – durchgängig. Aber wenn Väter sich ernsthaft an der Kinderbetreuung beteiligen, wollen sie eben auch mitbestimmen. Das können Frauen als Bedrohung erfahren. Man hat immer angenommen, dass eine stärkere Beteiligung des Vaters in der Familie zu egalitäreren Strukturen führt. Es entstehen aber eben auch neue Konflikte, und zwar dauerhaft.

ZEIT: Ist das in allen sozialen Milieus so?

Meuser: Bei Facharbeiter-Paaren gibt es oft gar keinen so stark betonten Anspruch auf Gleichstellung. Und trotzdem packen die Väter mit an. Es gibt Studien aus den USA zu Schichtarbeitern, aus denen sehr deutlich wird, dass die Väter sehr viel Familienarbeit leisten, allein durch die unterschiedlichen Arbeitszeiten. Da müssen beide Partner ran. In Deutschland haben wir im Osten beobachtet, dass es oft zu pragmatischen und nachhaltigeren Lösungen kommt als in bürgerlichen Milieus im Westen, wo alles Gegenstand eines Diskurses ist.

ZEIT: Was ist im Osten anders?

Meuser: In Interviews sagen ostdeutsche Paare, dass sie gar nicht verstehen könnten, warum im Westen so viel Aufhebens um gemeinsame Erziehung oder Kinderbetreuung gemacht werde. Sie empfinden es als selbstverständlich, dass sich beide Partner einbringen.

ZEIT: Das Elterngeld soll unter anderem gleichberechtigte Kindererziehung ermöglichen. Bei Ihnen klingt es jetzt so, als könne das nur scheitern.

Meuser: Es ist eine Illusion, dass man mit politischen Instrumenten direkten Einfluss auf Rollenmuster hätte. Was man tun kann, ist indirekt und längerfristig ein anderes Verhalten zu begünstigen. Das Elterngeld hat auch eine symbolische Bedeutung und einen gesellschaftlichen Effekt, weil es signalisiert, dass es okay ist, wenn Väter sich um ihre Kinder kümmern. Dass es nicht unmännlich ist.

ZEIT: Warum sollten engagierte Väter weniger männlich sein?

Meuser: Väter, die über einen längeren Zeitraum und intensiv die Kinder betreuen, haben einen nicht so stark karrierezentrierten Biografie-Entwurf, wie es bei Männern üblicherweise der Fall ist. Das zeigt sich nicht nur in unserer Forschung. Sie sind zwar nicht im Job gescheitert, aber ihnen ist Karriere nicht so wichtig. Und oft leben sie mit beruflich aktiven Frauen zusammen.

ZEIT: Das klingt eher nach getauschten Rollen als nach egalitärer Partnerschaft …

Meuser: Engagement in der Familie wird nach wie vor nicht so anerkannt wie Berufsarbeit. Spannenderweise konnten wir beobachten: Männern ist es wichtig zu betonen, dass Elternzeit nichts Unmännliches ist. Und wenn sie beim Chef ihren Anspruch darauf durchgesetzt haben, ziehen sie daraus Selbstbestätigung. Die traditionelle männliche Stärke des Sich-Durchsetzens wird hier in einen anderen Kontext gestellt.

ZEIT: Erkennen Sie also Ansätze eines gesellschaftlichen Wandels?

Meuser: Studien aus der Mitte des vergangenen Jahrzehnts, also noch vor der Einführung des Elternzeit-Gesetzes, zeigen, dass Arbeitgeber es als Illoyalität gewertet haben, wenn Väter ihre Arbeitszeit für die Familie reduzieren wollten. Da sind wir schon einen Schritt weiter. Aber Wandel braucht Zeit.

ZEIT: Wie viel Zeit? Jahre oder Jahrzehnte?

Meuser: Man darf nicht erwarten, dass Programme wie das Elterngeld einfach mal über Jahrhunderte gewachsene Strukturen umkrempeln. In Skandinavien richtet sich seit den 1970er Jahren Familienpolitik auch an Väter. Jetzt, 40 Jahre später, kann man sehen, dass sich neue Selbstverständlichkeiten ausgebildet haben. Das dauert wohl ein bis zwei Generationen.