An einem lauen Abend der vergangenen Woche sitzt Holger Apfel ganz rechts außen am Carrer Marbella Nummer 71, Playa de Palma, und genießt das Leben als Ausländer. "Ich schlafe wieder durch", sagt Apfel. Es gehe ihm gut, er wohne in einer kleinen Wohnung, prima Lage. "Meine Frau findet, ich sei ein anderer Mensch geworden." Auch ein besserer?

Ein gelbes Poloshirt wölbt sich über Apfels Bauch, "Maravillas Stube" steht in Brusthöhe, das ist der Name seiner Kneipe, er hat sie vor wenigen Tagen eröffnet. Sein Gesicht ist leicht gebräunt, ein Schweißfilm glänzt auf der Oberlippe. Apfel, 43, trägt Dreitagebart, an den Füßen Espadrilles, leichte Schlupfschuhe. Er sieht aus wie ein Ballermann-Tourist. Im Hintergrund läuft Schlagermusik.

Dies ist jener Mann, den man in Deutschland vor allem als Fremdenfeind kennt. Als einen der bekanntesten Rechtsextremisten, als langjährigen NPD-Fraktionschef in Sachsen und Bundesvorsitzenden der Partei. Nun will Apfel sich plötzlich im Fremdenverkehr beweisen, als guter Gastgeber. Die NPD ist soeben ins EU-Parlament eingezogen, aber Apfel versichert, sich für "Parteipolitik" nicht mehr zu interessieren; nur noch für seine Gäste.

Es klingt surreal: Ausgerechnet Apfel, der einst deutschtümelnd über "arrogante Wohlstandsneger" und "staatsalimentierte orientalische Großfamilien" hetzte, ging als Existenzgründer gen Süden und hat mit seiner Ehefrau auf Mallorca ein kleines Lokal übernommen. Hat gelb-blaue Fassadenschilder aufgehängt, auf denen steht: "Restaurant bei Jasmin und Holger". Apfel bringt das Schnitzel mit Pommes für 8,90 Euro an den Tisch, das kleine Bier für 1,90 Euro, geöffnet ist von vormittags bis in die Nacht.

Dass Apfel nach Mallorca gezogen ist, erscheint gar nicht so abwegig

Ein Ex-NPD-Mann als Kneipier im Ausland? Weniges wirkt absurder. Aber wer Apfel ein paar Tage beobachtet; wer sieht, wie die Menschen an der Playa de Palma, am Ballermann, auf ihn reagieren – dem wird klar, dass es keinen besseren Ort für einen gestrandeten deutschen Rechtsaußen geben konnte.

Holger Apfel vor seinem Restaurant in Mallorca © Martin Machowecz


In seinem neuen Leben gibt Apfel Sätze von sich wie diesen: "Bei mir ist jeder willkommen, der sich benimmt." Oder: "Ich achte jeden einzelnen Menschen, unabhängig von seiner Hautfarbe." Er sagt, dass er "auch Linke und Migranten" verköstige. Dass er "kein Szenelokal" führe, keinen "Wallfahrtsort".

Journalisten belagern ihn dieser Tage. Sogar die spanische El Mundo schrieb schockiert über den "ex líder de los neonazis alemanes" und sein Lokal an der Playa. Braune Soße auf Malle, schimpfte Bild. Apfel, der sich genau überlegt hat, was er sagen will, findet: "Negative Presse ist besser als gar keine." Er lässt sich von jedem, der fragt, mit Cocktail- und Biergläschen ablichten. Er wolle Geld mit seinem Geschäft verdienen, mehr nicht, behauptet er. Dass Apfel mit dem Rechtsextremismus gebrochen habe; dass er die Ideologie leid sei – das sagt er hingegen nicht. Das würde ihm auch niemand glauben.

Hat so einer eine zweite Chance verdient? Kann man von einer Extremistenkarriere überhaupt zurücktreten wie vom Amt eines Sparkassenvorstands?

"Politische Aussteiger-Zitate werden Sie von mir nicht bekommen", sagt er. "Was ich hier mache, ist einfach ein beruflicher Neuanfang." Apfel, das wird schnell klar, wenn man mit ihm spricht, hat sich zu einem kalkulierten Sowohl-als-auch entschlossen: Bloß keine Gäste verschrecken. Aber auch nicht mehr als nötig mit der Vergangenheit brechen.

Apfels "Maravillas Stube" liegt in zweiter Reihe an der Playa, in einem hässlichen Flachbau. Übersetzt heißt Maravillas: Wunder. "Las Maravillas", das ist der Stadtteil von Palma, in dem ein Teil des Ballermanns liegt. Ein Wunder ist, wie hier ein schrammeliges Bistro neben dem nächsten überlebt, mit derselben Schlagermusik, den gleichen Schnapsleichen, denselben Billigpreisen. Hier werben "deutsche Friseure" und "deutsche Ärzte" um Kunden, hier vergessen Jahr für Jahr Hunderttausende Deutsche ihre Kinderstube, hier hält man es aber auch fast nur betrunken aus. Doch Apfel liebt es hier.

50- oder 60-mal sei er in seinem Leben selbst schon als Urlauber auf der Insel gewesen, sagt er. "Malle-Holger" hieß er schon früher innerhalb der NPD, er galt als Freund der Schinkenstraße, Läden wie das "Oberbayern" oder den "Bierkönig" suchte er immer wieder auf. Heute sind es von seiner Kneipe zu Fuß nur wenige Minuten bis dorthin. "Die einen gehen halt zu Skinhead-Konzerten, das war nie so mein Ding. Die anderen fahren auf ein paar Bier nach Mallorca, das fand ich deutlich interessanter", sagt Apfel.

Holger Apfels Restaurant auf Mallorca © Montserrat T Diez /EFE/dpa


Auf den ersten Blick mag das überhaupt nicht zu seinem streng nationalen Gehabe passen: Apfel, geboren in Hildesheim, fiel früh als strammer Karrierist auf. Er war Chef der NPD-Jugend, ehe er die Partei 2004 in den Sächsischen Landtag führte. Im November 2011 wurde Apfel NPD-Bundesvorsitzender. Er erfand das Modell der "seriösen Radikalität" und meinte damit: Rechtsextremismus in bürgerlichem Gewand. Der offen gewaltbereite, aggressive Flügel der Partei begehrte dagegen von Anfang an auf, am Ende setzte dieser Flügel sich durch – Ende 2013 wurde Apfel abserviert, als gäbe es kein gemeinsames Gestern. Zum Schluss warfen ihm die Parteifreunde vor, er habe sich einem Kameraden "unsittlich" genähert. "Auf einem Dorffest", sagt Apfel, "soll ich jemandem an den Hintern gefasst haben. Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich war doch rotzedicht." Gewehrt habe er sich gegen die Vorwürfe nicht mehr, denn sein Zustand sei "in Richtung Burn-out" gegangen. Vielleicht hat er auch unterschätzt, dass es in der NPD läuft wie in Diktaturen: Der abgesetzte Herrscher wird aus der Geschichte getilgt. In der Partei ist Apfel heute Persona non grata. Anfang 2014 legte er sein Landtagsmandat nieder.

Mallorca ist sein Exil. Apfel findet, er habe ja überhaupt keine andere Wahl gehabt. Er sei gelernter Verlagskaufmann: "Die Sächsische Zeitung hätte mich wohl nicht unbedingt als Anzeigenverkäufer eingestellt", sagt er. Die Existenzgründung finanziert ihm in gewisser Weise der Staat. Als ehemaliger Landtagsabgeordneter erhält Apfel Übergangsgeld, mehr als 5000 Euro monatlich, es steht ihm fast ein Jahr lang zu.