Wäre er bereit, öffentlich manche Äußerung aus seiner Politikerzeit zu widerrufen? "Manchmal", antwortet er, "denke ich schon: Was hast du denn da für Schwachsinn erzählt? Zum Beispiel 1998, als ich sagte: Ja, wir sind verfassungsfeindlich. Das war selten dämlich." Fragt man ihn aber, ob das Zitat vom "assimilierten Wohlstandsneger" von ihm oder einem Parteifreund stamme, ruft Apfel: "Der Wohlstandsneger? Der war von mir!"

Er habe, sagt Apfel, noch nicht viel Zeit gehabt, seine eigene Geschichte aufzuarbeiten. "Aber ich bin nicht im Aussteigerprogramm. Ich werde um die zweite Chance nicht betteln."

Ein Aussteigerprogramm, das ist sein Kneipenprojekt ja ohnehin. Drei Leute sind an dem Laden beteiligt, die sich von der Szene angeblich entfernt haben: Neben Holger Apfel ist dies eben seine Frau Jasmin, einst Vorstandsmitglied des "Rings Nationaler Frauen" in der NPD, sie folgt ihrem Gatten bald nach Mallorca – dieser Tage bringt sie aber erst noch das vierte Kind der Familie in Riesa zur Welt. In Riesa wohnten die Apfels bislang, dort fürchten sie die Wut der alten Kameraden. Den Mietvertrag für ihr Eigenheim haben sie bereits gekündigt. Apfel versichert vorsorglich: "Dass meine Frau in Deutschland entbindet, hat keinen politischen Hintergrund!"

Der dritte Mitstreiter des Kneipenprojekts heißt Matthias W., ist Anfang 30 und war bis vor Kurzem Chef der NPD in Dortmund. W. sieht sich ebenfalls aus der Partei gemobbt – nun arbeitet er für Apfel als Barkeeper. Er durfte das Lokal zu einer Art Borussia-Dortmund-Kneipe umdekorieren. Drei, vier weitere Mitarbeiter beschäftigt Apfel für den Service, ihn selbst sieht man dieser Tage selten bei den Gästen. Die Kellner beteuern unisono, zufällig hier gelandet zu sein: Die Apfels zahlten überdurchschnittlich. Und seien so unglaublich freundlich! Da spiele doch die Vergangenheit, ganz im Ernst, überhaupt keine Rolle ...

Recht sonderbar ist in diesem Laden auch das Interieur: einfache Korbstühle, billige Tische, die Wände orange-braun gestrichen. Die elektrische Jukebox "Shuttle" spielt die Ballermann Hits 2012. Die Vorgängerkneipe sah genauso aus, Apfel hat im Prinzip nur die Werbung getauscht: Es gibt jetzt Schnäpse aus "Holgers Kräutergarten", den Bullenschluck, den Ratzeputz, den Heidegeist – oje. Was empfiehlt der Chef des Hauses kulinarisch? Das Schnitzel, sagt Holger Apfel, sei gut. "Und die Soßen hier sind durchgängig nahezu perfekt."

Apfel versichert, jetzt Spanisch zu lernen, dabei wäre das gar nicht nötig. Der Ballermann, das muss man so sagen, ist ja auch sprachlich ein deutsches Reich. So viele Bundesrepublikaner ziehen hier von Nachtbar zu Nachtbar – grölend, besoffen, peinlich. Darüber kann man mit Stephanie Schuster sprechen, die 33-Jährige ist Reporterin der Mallorca Zeitung – sie hat Apfel aufgespürt: Als Gerüchte kursierten, er sei auf der Insel, machte sie sich auf die Suche. Und war überrascht, dass der Neu-Kneipier direkt bereit war, mit ihr zu sprechen! "Ich dachte, ich fliege da sofort wieder raus. Aber er gab sich dann betont nett."

Schuster rechnet nicht mit viel Gegenwind für Apfel auf Mallorca. "Es gibt hier zwar keine organisierte rechte Szene", sagt sie. "Aber es gibt unter den deutschen Playa-Urlaubern einige NPD-Sympathisanten." Der Ballermann ziehe manchen Gast an, der sich an einem Apfel wenig störe. "Sprüche wie ›Scheiß Neger‹ fallen da täglich", sagt sie. Und deutsche Wirte forderten immer wieder ein hartes Durchgreifen gegen afrikanische Straßenhändler. Ist also die deutsche Enklave in Palma ein Hort der rechten Geister?

Tatsächlich muss man sich doch sehr wundern, wenn man mit Apfels Gästen spricht. Fragen wir einen: Er bittet, man solle ihn in der Zeitung doch lieber nur "Herrn W." nennen. Er sei 60, aus Wiesbaden, Dauergast. "Herr Apfel hat eine Chance verdient!", sagt Herr W. "Denn er gibt sich doch so viel Mühe. Bei ihm dürfen Abends sogar die Neger ihre Uhren verkaufen!"

Von Sätzen wie diesem muss man sich erst erholen, vielleicht bei einem Bier im Lokal von Michael Bohrmann. Der betreibt eine der am besten laufenden Kneipen weit und breit, sie ist drei Minuten zu Fuß von Apfels Stube entfernt. Hat er etwas gegen den neuen Nachbarn? "Ach", sagt Bohrmann, "solange einer sein Geschäft macht, soll er seine Chance haben."

Der Laden von Michael Bohrmann trägt den Namen: "Deutsches Eck". Auf der Terrasse grölen Glatzköpfige. Wer die Deutschen nur von der Playa de Palma kennt, für was für ein Volk muss der sie halten?

Wenn es um das NSU-Trio geht, hat er Mitleid – mit sich selbst

Noch ein Besuch bei Apfel, am nächsten Tag, die Sonne scheint. Hat er denn Angst vor Gästen, die hier Rache suchen könnten? "Was nützt es, wenn ich mich verrückt mache?", erwidert Apfel. Und überhaupt: "Wenn jemand woanders sein Schnitzel essen will, soll er das gerne tun."

Vor ihm, auf dem Bistrotisch, liegt das Buch Heimatschutz von Dirk Laabs und Stefan Aust. Es ist eine 900-Seiten-Recherche über die Verwicklungen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), vor wenigen Tagen erschienen. Das Erste, das Apfel getan hat, ist: zu schauen, ob er drin vorkommt. Und? "Komme ich nicht", sagt Apfel.

Dann setzt er an zu einer Tirade. Denn ärgerlich findet er vor allem, dass der NSU zu jener Zeit aufflog, als er ins Chefamt der NPD gewählt wurde. Das machte es der NPD nämlich schwer, sich als bürgerlich zu gerieren. "Das war ein beschissener Start!", schimpft Apfel. "Beschissener konnte man es nicht haben."

Aber das Mitleid, das er da äußert – das hat er nur mit sich selbst. Kein aufrichtiges Wort sagt er über die Opfer des NSU, von Bedauern keine Spur. Sitzt nicht im Münchner NSU-Prozess auch ein früherer NPD-Mann auf der Anklagebank?

Apfel sagt: "Ich kann reinen Gewissens versichern, dass mir zeit meines Lebens nie der einzelne Ausländer als solcher unsympathisch gewesen wäre. Geschweige denn, dass ich ihn gehasst hätte."

Ein Mann versucht zu verdrängen. Als Exil für so einen Expolitiker taugt jetzt nur noch ein Flecken Erde, auf dem die Menschen rund um die Uhr besoffen sind.