Klaviere im "Hotel Konkurrenz": Vorträge und Konzerte sollten dort einen Monat lang zu Ideen anregen, wie sich der Lebensraum Hotel neu gestalten ließe. © eSeL.at

Die Tür des Hotels kracht ins Schloss. Finsternis. Doch halt, nicht ganz. Eine Lampe über dem Boden. In ihrem Schein: ein Waschbecken, wie in einer Arztpraxis. Daneben: eine Bank, darauf Reagenzgläser, eine Flasche mit durchsichtiger Flüssigkeit, Tücher. Und, direkt vor mir, eine Glocke. Soll ich die läuten? Wie an einer normalen Rezeption? Ich zögere: Was, wenn dann ein als Portier getarnter Zombie anschlurft und mir mit den Utensilien auf der Bank an den Kragen will?

Da fragt eine Stimme aus dem Dunkeln: "Mogst an Schnaps?"

Ich bin nach Kärnten gekommen, um an einem Experiment teilzunehmen. Fünf Wochen lang leitet im Ski- und Luftkurort Bad Kleinkirchheim am Rande der Nockberge das Wiener Künstlertrio AO& ein 100-Betten-Hotel. Die lokale Tourismus-Agentur hat die Künstler eingeladen, im Rahmen einer mehrjährigen Reihe von Kunstprojekten zum Verhältnis von Mensch und Natur in der Region.

"Hotel Konkurrenz" nennen die Künstler ihren eigenen Beitrag, in Anspielung auf den immer härter werdenden Wettkampf zwischen den hiesigen Hoteliers. Das gediegene Vier-Sterne-Haus Hotel St. Oswald haben sie dazu in ein "Laboratorium für Beherbergungswesen" umgewandelt: 30 Tage lang sollen Gäste und Personal hier mit ungewohnten Abläufen und Räumlichkeiten konfrontiert werden, Vorträge und Konzerte sollen zu Ideen anregen, wie sich der Lebensraum Hotel neu gestalten ließe.

Das Vier-Sterne-Haus Hotel St. Oswald © eSeL.at

Der Begrüßungsdrink im Gruselambiente ist schon mal ein psychologisch geschickter Ansatz: Nachdem ich erleichtert feststellen durfte, dass die vermeintlichen Reagenz- doch nur Schnapsgläser sind und die Flasche daneben nur Obstler enthält, würde ich dem AO&-Mitglied Philipp Furtenbach, dem die Stimme im Dunkeln gehört, wohl ohne Murren in die übelste Bruchbude folgen.

Doch wir bleiben erst mal in der Kammer. Im Normalbetrieb dient sie als Skistadl des Hotels, erklärt Furtenbach. Ich muss mir die Hände waschen, dann gibt er mir wie jedem Neuankömmling einen Überblick über die Versuchsanordnung: Die Inneneinrichtung des Hotels sei von ihrem angestammten Platz entfernt und neu sortiert worden, die Schranken zwischen Gästen und Personal würden so weit wie möglich abgebaut. Zu essen gebe es nur Lebensmittel regionaler Hersteller, die die Künstler und Köche persönlich kennen.

Ich bin ein bisschen enttäuscht. Nach dem kleinen Schock am Anfang hatte ich radikalere Provokationen erwartet: tägliche Performances in den Hotelzimmern etwa. Oder einen Rollentausch mit den Mitarbeitern. Dies ist mein erstes Engagement als Versuchskaninchen. Da will ich schon das volle Programm. Ob man unsere Reaktionen wenigstens filmt und für eine Studie auswertet?

In der Lobby kann ich keine Kameras entdecken. Überhaupt hängt, liegt und steht hier auffällig wenig herum. Weniger zumindest als in den Alpenhotels, die ich aus früheren Urlauben kenne. Kein Blumenstrauß, kein Sofa, keine Rüschengardine verstellt den Blick auf die Panoramafenster des Hauses, hinter denen sich die Nockberge wie eine gigantische Fototapete ausbreiten. Der Architekt, der das Haus Anfang der siebziger Jahre als Musterbeispiel für ein modernes Alpenhotel zwischen die Bauernhöfe des Ortsteils St. Oswald setzte, bekam einen Preis. Zu Recht, finde ich: Wer in die Ferne schaut, fühlt sich erhaben, fast gottgleich. Alles scheint machbar.

Was jetzt, "Du" oder "Sie"? Mitarbeiter dürfen die Anrede frei wählen

Vermutlich überkamen die Künstler ähnliche Gefühle. In der mit Bauernmalerei verzierten Holzdecke der Eingangshalle, direkt über der Bar, klafft nämlich ein gewaltiges Loch. Bis zum Beton ist hier die Decke aufgerissen. Vielleicht ein Wink mit dem Brecheisen, dass es dringend notwendig wäre, sich von bestimmten Traditionen zu verabschieden? Mich inspiriert das Loch zu statisch gewagten Gedankengängen: Würde das Erdgeschoss ohne Trennwände nicht noch befreiender wirken? Ein riesiger Raum mit Einblick nicht nur in die Welt ringsum, sondern auch in alle Hotelbereiche – das wär’s!

Doch vielleicht sollte ich erst mal einchecken, bevor ich das Haus komplett umbaue. "Das ist die Sarah", sagt Furtenbach und deutet auf eine junge Frau in Jeans und T-Shirt hinter der Rezeption. "Sie arbeitet normalerweise im Hotel St. Oswald. Während des Projekts ist sie Teil unseres Teams. Sie wird dich aufs Zimmer bringen."

Sarah und ich nicken uns schüchtern zu, zwei Testpersonen beim Erstkontakt. "Ich habe eine Reservierung", sage ich, um überhaupt was zu sagen. Die Eincheck-Prozedur, dutzendmal erlebt, kommt mir plötzlich wie ein albernes Theaterstück vor. Wie würde ich Sarah begegnen, wenn keine Rezeption zwischen uns wäre?

Auch Sarah wirkt verunsichert. "Hattest du eine gute Reise?", fragt sie. Dann zeigt sie auf meinen Koffer: "Kann ich Ihnen behilflich sein?" Ich blicke irritiert: Was jetzt, "Du" oder "Sie"? – Das wisse sie selbst nicht genau, sagt Sarah im Lift. Im St. Oswald sei das Sie gegenüber Gästen und Hotelleitung Vorschrift, ebenso wie das Dirndl als Arbeitskleidung. Im "Hotel Konkurrenz" dürften die Mitarbeiter Anrede und Kleidung frei wählen. Sarah lächelt: "Man muss sich erst dran gewöhnen."

Uniformen und feste Anrederegeln empfand ich bislang vor allem als Einschränkung der persönlichen Freiheit. Jetzt merke ich: Sie können auch Sicherheit schenken. Die Rollen sind klar verteilt; wie man zueinander steht, muss nicht ständig neu ausgehandelt werden. Weckt das Hotel den Bürokraten in mir?