Was die einheimischen Schönen am Strand von Sa Caleta denken, die wir beim sonntäglichen Sonnenbad mit unserer Invasion erschrecken, weiß man nicht. Guiris liegt nahe – unter Spaniern ist das der gängige Begriff für "Touris".

Ein stattlicher Zweimaster ist vor der Küste Ibizas aufgekreuzt. Ein Beiboot mit merkwürdig gekleideten Ankömmlingen hat sich vom Schiff gelöst; eng anliegende Kurzhosen tragen sie, mit merkwürdigen Polstern am Gesäß. Dann haben sie unter Mühen Fahrräder durch die Dünung an Land getragen, Helme auf die Köpfe geschnallt, und auf das Zeichen eines Anführers bricht die Horde, ungeachtet der mittäglichen Hitze, bergan in die nahen Hügel auf.

Was den verwunderten Ibizenkern da geboten wird, nennt sich "Inselhüpfen" – ein touristischer Einfall aus Deutschland, der gerade neu über die Balearen kommt. Er meint im Wesentlichen, mit einem großen Schiff von Insel zu Insel zu segeln, um das Land dann per Fahrrad zu erobern. Zuletzt hatten so etwas vor gut hundert Jahren Piraten getan, ohne Fahrräder. Am Ende unserer einwöchigen Reise von Ibiza nach Formentera, wieder nach Ibiza und schließlich nach Mallorca werden auch wir uns wie touristische Freibeuter fühlen.

Das Unternehmen hat für mich nicht irritationsfrei begonnen. Zwar lag die Sir Robert Baden Powell sehr vertrauenerweckend im Hafen von Eivissa. Das solide Tallship mit braunen Masten stach sympathisch inmitten der schnittigen weißen Megamotorjachten hervor, deren Heimathäfen einen Ruf als Steuerparadiese haben. Auf dem Kai vor dem Schiff aber standen in Linie acht Drahtesel aufgereiht, sauber ausgerichtet. An jedem Gepäckträger haftete ein Namensschild in Großdruck: Michaela, Georg, Tobias, Franzi, Flori, Peter, Tanja, Wolfgang. Das rief ein quälendes Bild in mir wach. Ich sah mich aus nicht restlos erklärlichem Grund in den kommenden Tagen mit Leuten vom Schlag pensionierter Studienrat in Reihe durch die Gegend radeln.

Schuld daran mochten meine vorsorglichen Internetrecherchen sein. Dem Mallorca Magazin war zu entnehmen gewesen, dass Ibizas Nachbarinsel in jedem Frühjahr von Schwärmen engagierter deutscher Hobbyradler überrollt wird. In den vergangenen Wochen waren ungewöhnlich viele Sportsfreunde schwer gestürzt, sechs waren gar zu Tode gekommen. Keine Opfer rücksichtsloser Autofahrer, sie hatten sich im fortgeschrittenen Alter wohl schlicht körperlich übernommen.

Dass die Dinge bei uns anders liegen, zeigt sich beim Tour-Prolog nach der Landung bei Sa Caleta. Eine 30-Kilometer-Schleife über stille, von wildem Fenchel gesäumte ländliche Straßen, die sich durch ein Landschaftsmuster von roter Erde, weißen Hauskuben und sattgrüner Vegetation winden. Weingärten, Oliven- und Mandelhaine, Feigenbäume, Aleppokiefern und Fincas hinter mannshohen Mauern. Erste Schwenks in die Hügel weisen die Reisegefährten als fitte junge oder jung gebliebene Leute aus. Die geliehenen Trekkingräder laufen gut. Die Ansage der Reiseleiter, dass am Ende der Woche härtere Bergprüfungen warteten, klingt nicht bedrohlich.

Schließlich hat die Truppe vor dem Start auch schon Käpt’n Börners Frischetest locker gemeistert. Zwei Stunden nach dem Auslaufen ließ der Kapitän in Sichtweite des spektakulären Felsens Es Vedrà, wegen dessen magischer Kraft schon der alte Odysseus vorübergehend die Übersicht verloren haben soll, Anker werfen. Beispielgebend schwang er sich sodann in der Badehose und nach Tarzanart an einem langen Seil aus der Takelage von der Reling ins Meer – und alle hinterher.

Als Lohn für die gemeisterte Tour wartet unter dem Sonnensegel auf dem Achterdeck ein Abendmahl, das man auf Schiffen, die mehr Gewese machen, als Kapitänsdinner verkaufen würde. Aber erstens käme der aufgeblasene Begriff für die fabelhaft schlichte Stimmigkeit der Mahlzeiten, die Köchin Nicole auf vier Quadratmetern Kombüse produziert, fast einer Kränkung gleich: Venusmuschelsuppe und ein Rindertandoori mit Couscous. Und zweitens ist Karsten Börner kein Dinner-Käpt’n. Er sitzt einfach mit allen am Tisch und schickt die rhetorische Rioja-Frage in die einbrechende Dunkelheit: "Noch eine Flasche?" Beim Tischgespräch bringt er uns seine Begeisterung für Lithiumbatterien nahe, die er nach 21 Jahren endlich einbauen konnte, sodass nächtens nicht mehr der Generator lärmen muss.

Börner ist ein Seewolf-Typ. Harte Hände, wilde Haarpracht, aus dem bartüberwucherten Gesicht ragt eine Nase wie ein Korsarensäbel, helle Augen, die Schiff und See unter Kontrolle haben. Vor 40 Jahren hat der Hamburger mal Pädagogik studiert, dann den Kurs geändert, weil es als Matrose Geld auf einem holländischen Plattbodenschiff zu verdienen galt. Aus der Begeisterung für die Segelei wurde ein eigenes Chartergeschäft mit etlichen Schiffen. Bis er Anfang der Neunziger in Stettin den alten Seeschlepper Robert fand. Dessen Rumpflinie sah aus, als könnte man ihn gut zu einem Baltimore-Clipper umbauen. Das ließ Börner auf einer Werft am Ijsselmeer machen und adelte das Schiff dann zu Sir Robert Baden Powell: "Ganz umtaufen ging ja nicht, weil das Unglück bringt." Damit segelt er nun Chartertouren, auf dem Roten Meer hat er angefangen, über den Atlantik ist er siebenmal hin und her, derzeit fährt er auf dem Mittelmeer.

Wann immer die Winde es erlauben, stoppt der Kapitän die Maschine und lässt Segel setzen. Am zweiten Reisetag geht das leider nicht, weil es aus der falschen Richtung weht. Dabei wäre der alte Segler gerade für die Anfahrt auf Formentera das angemessene Fahrzeug gewesen. Die Insel gilt als die entspannteste der Balearen, kein Flughafen, darum auch keine Touristenmassen und kein Partytrubel. Hierher kommt nur, wer das wirklich so will und nicht, weil es last minute nichts kostet.

Das Dingi bringt uns durchs flache türkisblaue Küstenwasser in den Hafen von Es Pujols. Wir radeln durch Salinen, in deren Stille Stelzenläufer brüten. Die Inselkapitale Sant Francesc zeigt sich als aufgeräumtes, lichtes Örtchen. Statt enger Gassen, wie in den meisten Inselansiedlungen, viel offener Platz zwischen weißen Fassaden, den schicke Insulanerinnen zum Flanieren nutzen. Bei leckerem Käsekuchen und einem café cortado sieht man gern zu. Das Flair der Stadt lässt an die heitere große Namensschwester San Francisco denken, und zu weit hergeholt ist das nicht einmal. Franziskaner von den Balearen waren es tatsächlich, die Ende des 18. Jahrhunderts die Mission in Kalifornien gründeten. Weil sie Mandelbäume aus der Heimat in die Neue Welt brachten, ist Kalifornien heute zum führenden Weltmarktlieferanten von Mandeln geworden und hat die Preise so gedrückt, dass sich der Anbau für die Mittelmeerbauern nicht mehr rentiert. Die Plantagen verwildern.