Eine Herkunft kann einen Künstler ja auch ruinieren. Nicht nur finanziell. Sondern physisch. Eine Herkunft kann eine solche Herkunft sein, dass der Künstler im Künstler nie zur Entfaltung kommt. Schlimmstenfalls wird der Mensch dann Kritiker – und wird sich furchtbar rächen.

Aus einem sonderbaren, nein wunderbaren Grund scheint im Kanton St. Gallen genau das Gegenteil zu geschehen. Aus einem sonderbaren, wunderbaren Grund muss es in diesem sonderbaren, wunderbaren Kanton einen Humus geben, der das Künstlerwesen in den Menschen zur Entfaltung bringt.

Ist es, weil hier immer eine Art Durchzug herrscht? Ist es der Föhn? Der alle ein bisschen verrückt macht, womit das Verrücktsein gesellschaftsfähig ist?

Oder ist es eine andere Instanz mit Hang zur Dramatik – die katholische Kirche?

Denn auffallend ist: Nicht weniger als drei Schweizer Weltkünstler kann der Kanton St. Gallen sein Eigen nennen; nicht in besitzergreifender Art und Weise, versteht sich, doch in stolzem Sinn darauf verweisend, dass man eine Pipilotti Rist, dass man einen Roman Signer, dass man eine Manon im Dunstkreis des Säntis ausgebrütet hat.

Zwei dieser Künstler werden am 6. Juni in der Hauptstadt mit der Eröffnung wichtiger Ausstellungen gefeiert. Es sind Roman Signer, der große Sprengmeister der Vorstellung, dass es so etwas wie eine typische Schweizer Kunst gäbe. Und es ist Manon , die große Rollenspielerin und Zuchtmeisterin ihrer Ängste, die den Grund und Boden für das Verständnis gelegt hat, dass Kunst weiblich und auf den ersten Blick affirmativ ist – doch auf den zweiten Blick subversiv wie Rock ’n’ Roll und Punk zusammen.

Die Gegenüberstellung von Manon und Roman Signer in der Klosterstadt ist nicht nur ein kultureller Höhepunkt des Jahres. Es ist ein Gipfeltreffen, das zwei Künstler in den gemeinsamen Blick rückt und bei dem sich aus der Reibungsnähe der unterschiedlichen Positionen wohl eine unangenehme Frage kristallisiert: Wie ist es möglich, dass der eine längst zum Kunstkanon gehört, während die andere noch immer darauf wartet, in ihrer Bedeutung, ihrer Stellung im internationalen Ranking anerkannt zu werden? Und zwar als Wegbereiterin der Performance-Kunst und als eine der Ersten in der Schweiz, die etwas schuf, was man später Environment nannte.

1974 stellte Manon ihr persönliches Schlafzimmer in einem Museum aus und bezeichnete es als Lachsfarbenes Boudoir. Das war sexy, das war glamourös, das war unwiderstehlich weiblich. Und es war von allem das Gegenteil dessen, was Kernseifen-Feministinnen damals von weiblichen Kunstschaffenden, von weiblicher Kunst verlangten. Manon machte es dennoch – oder vielleicht deswegen. Und so ist es bis heute: Diese Kunst will nicht gefällig sein, will niemandem gefallen, außer sich selbst.

Inzwischen hat Manon 2013 den Grossen St. Galler Kulturpreis erhalten und lange vorher bereits den höchsten Kunstpreis der Schweiz, den Meret-Oppenheim-Preis; tatsächlich könnte sie Oppenheims Seelenschwester sein. Einzelgängerin, Poetin, Existenzialistin, getrieben von Ängsten und der Furcht zu scheitern.

Manon zeigt Fotografien und neue Arbeiten in der Galerie von Christian Roellin, Installationen werden es sein, und sie stellt, zum ersten Mal, Fundstücke aus ihrer Sammlung historischer Prothesen vor. Dass am Tag der Vernissage, am 6. Juni, eine andere große Künstlerin im Kunsthaus Zürich eine Ausstellung eröffnet, ist eine Fügung guter Geister. Denn wer glaubt, dass die Amerikanerin Cindy Sherman die Inszenierung von Geschlechter- und Rollenbildern erfunden hat, der wird von Manon und bei Manon eines Besseren belehrt.

Und Roman Signer? Er ist zwar in Appenzell geboren, aber er lebt und arbeitet seit Signer-Gedenken in St. Gallen, er stellt im Kunstmuseum aus. Vor zwanzig Jahren war er zum letzten Mal dort, und man sagt, dass der Künstler die Räume "wie seine Westentasche" kenne, denn er nutzte sie in den achtziger Jahren als Atelier, damals, als das Museum umgebaut wurde. Skulpturen, Installationen und Videoarbeiten wird Direktor Roland Wäspe hier versammeln.

Und die Entscheidung für Signer ist gewiss keine gegen Manon, denn es ist allgemein bekannt, dass Wäspe Manon nach ihrem Rückzug ins Private 1990 eine Einzelausstellung offerierte und ihr damit den Wiedereinstieg in den Kunstbetrieb wohl etwas erleichtert hat. Mit Manon bekam damals übrigens die erste Frau eine Solo-Schau im Kunstmuseum St. Gallen. (Einige Kilometer weiter, im Kanton Appenzell Innerhoden, durfte frau damals noch immer nicht abstimmen.)

Das hätte, hätte sie es gewusst, eine ganz besonders geärgert: Frieda Hilty, die letzte Bewohnerin auf dem mittelalterlichen Schloss Werdenberg im St. Galler Rheintal. Ich habe sie zwar nie persönlich getroffen, denn sie verstarb bereits in den fünfziger Jahren. Doch als Schlossbesucherin meine ich die Schlossherrin zu kennen wie eine gute Tante, ihre Liebe zu "suurem Chäs" und Grabser Moscht – und ihr Anliegen, Frauen, Künstlerinnen ins Licht zu rücken.

Hilty, die Burg-Frieda, umgab sich in ihrem Werdenberger Schlosshaushalt stets mit einer Handvoll bester Freundinnen, wehrhaften Frauen. In diesem, in ihrem Sinn und Geist findet dort im Juni die Schlossmediale statt, ein kleines internationales Festival, das sich allem verpflichtet, was klingt. Nach Weiblichkeit und nach Zukunft.