Mal angenommen, zwei frisch habilitierte Ökonomen, ein Mann und eine Frau, bewerben sich auf dieselbe Professur. Beide sind Anfang vierzig, haben im Ausland gearbeitet und forschen zu relevanten Themen. Er hat fast 20 Prozent mehr Texte in renommierten Fachzeitschriften vorzuweisen. Sie hat drei Kinder zur Welt gebracht und bekommt am Ende deswegen den Job – weil an der Hochschule Frauen mit Kindern bevorzugt werden, wenn es um die Besetzung von Spitzenposten geht. Das gilt sogar dann, wenn sie mit engagierten Vätern konkurrieren, die nach Feierabend Laternen basteln und Hausaufgaben kontrollieren. Ungerecht? Ginge es nach den Befürwortern der sogenannten Mütterquote, wäre das kein Szenario, sondern bald deutsche Realität.

Noch bis zur Sommerpause will die Bundesregierung einen Gesetzentwurf für eine Frauenquote im Kabinett beschließen. Deshalb wird in Berlin gerade wieder über die Aufstiegschancen von Männern und Frauen gestritten, und auch die Fans einer Mütterquote melden sich zu Wort. Dieses Idee sollten die Politiker allerdings gleich wieder verwerfen – die Mütterquote würde zu vielen neuen Ungerechtigkeiten führen, der Schaden wäre größer als der Nutzen.

Dabei klingt die Idee einleuchtend: Wissenschaftler behaupten, Frauen seien im Beruf vor allem dann im Nachteil, wenn sie Familien gründeten. Eine generelle Frauenquote helfe nur kinderlosen Managerinnen, kritisieren sie, schließlich hätten diese mehr Zeit für aufreibende Führungsposten. Schlimmer noch: Manche dieser Chefinnen sorgten später dafür, dass keine Mütter nachrückten. Sie seien oft überzeugt, dass Karriere und Familienleben für die meisten Frauen unvereinbar seien. Nicht jede Chefin habe die Größe, eine junge Kollegin zu unterstützen, die diese Behauptung widerlege.

Für eine Mütterquote spricht nach Ansicht einiger Fachleute aber auch, dass Frauen ohne Nachwuchs in einigen Berufen längst viel bessere Chancen als ihre ähnlich qualifizierten männlichen Kollegen haben. Und es kommen angeblich noch weitere Vorteile hinzu: Die Bremer Soziologieprofessorin Hilke Brockmann etwa will eine Mütterquote für politische Parteien einführen, damit die Interessen künftiger Generationen bei politischen Entscheidungen stärker berücksichtigt werden.

All das klingt plausibel – und trotzdem wäre eine Mütterquote nicht nur ungerecht, sondern auch chancenlos. Es ist ohnehin schon heikel, bei der Vergabe von Führungspositionen andere Kriterien als die Qualifikation der Bewerber heranzuziehen. Schon die Idee, das Geschlecht für die Personalauswahl zu berücksichtigen, löst seit Jahren gemischte Reaktionen aus. Nur eine Minderheit von etwa 35 Prozent der Deutschen ist Umfragen zufolge für eine Frauenquote zur Besetzung von Aufsichtsräten in Dax-Unternehmen. Hätte die Wirtschaft angesichts des Fachkräftemangels nicht ein großes Interesse an mehr Mitarbeiterinnen und weiblichen Führungskräften, die Quote wäre nicht durchzusetzen.

Dass die Frauenquote überhaupt Fans hat, liegt vor allem an der sympathischen Idee, dass niemand wegen Merkmalen wie Alter, Religion, Rasse oder Geschlecht benachteiligt werden soll, wegen Eigenschaften also, die sich kaum ändern lassen.

Mutterschaft jedoch ist kein Schicksal, sondern Folge einer bewussten Entscheidung, in den meisten Fällen jedenfalls. Deshalb sind viele kinderlose Frauen gegen Mütterquoten. Sie haben oft für ihren Beruf auf Kinder verzichtet, Abende und Wochenenden am Schreibtisch statt auf dem Spielplatz verbracht. Nun sollen sie Platz für Frauen machen, die sich ganz bewusst anders entschieden haben?

Auch die konkrete Umsetzung einer Mütterquote wäre schwierig. Sollte eine Topmanagerin mit nur einem Kind und Ganztags-Nanny genauso behandelt werden wie eine Mutter, die drei oder vier Kinder täglich selbst von der Schule holt und durch den Alltag navigiert? Müssten alleinerziehende Väter nicht auch einen Bonus bei der Stellenbesetzung bekommen? Würden sich Väter, die einen Großteil der Kindererziehung übernehmen, nicht zu Recht ungerecht behandelt fühlen, wenn sie den Kürzeren ziehen gegenüber Müttern, die den Kauf von Gummistiefeln oder den Besuch beim Kinderarzt an den Partner delegieren?