Alexander Salvatore hält kurz inne, als würde er Energie vom Fußballgott selbst empfangen. Dann nimmt er Haltung an und holt tief Luft: "Auustria Soizbuag", brüllt er in ein Megafon und schwenkt es vor der voll besetzten Tribüne hin und her. "Auustria Soizbuag", tönt es aus Hunderten biergeschmierten Kehlen zurück. "Siege für uns!", hallt es dann hinunter auf den Rasen, so stimm- und tongewaltig, dass die Grashalme wackeln. "Salva", wie den 34-Jährigen alle nennen, ist der Taktgeber der Fangemeinde, ihr brüllender Messias. Seit Jahren hat er kein Spiel mehr versäumt. Jedes Mal war er da, um die Mannschaft bei ihrem Durchmarsch durch die Unterligen nach vorne zu peitschen. Heute geht es auswärts in Altach um den Meistertitel in der Regionalliga West, der dritthöchsten österreichischen Spielklasse. Früher, da war die Austria das Maß aller Dinge, holte drei Meistertitel, spielte Champions League und kämpfte sich vor zwanzig Jahren ins Uefa-Cup-Finale. Dann, 2005, kam Red Bull, kaufte den Club, stieß die Geschichte mit einem Fußtritt über Bord und tauschte die violett-weißen Clubfarben gegen das Rot-Blau seiner Getränkedosen. Gründet doch euren eigenen Verein, wenn euch das nicht passt, hieß es patzig zu einem Dutzend Fanclubs. Genau das taten sie auch, um in der siebten Liga bei null wieder anzufangen. Jetzt könnte die Rückkehr in den Profifußball kurz bevorstehen.

Noch vor dem Schlusspfiff in Altach schlägt das koordinierte Massengegröle in taumelnde Ekstase um. Nackte Oberkörper blitzen, Plastikbecher fliegen. Die Austria gewinnt 2 : 0 und spielt damit Anfang Juni gegen den Floridsdorfer Athletiksport-Club (FAC) um den Aufstieg in die zweite Liga. Damit wäre man am Ziel – zumindest vorerst. Denn was den Club nach vorn treibt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, ist ein Duell mit seinem Zerstörer und Geburtshelfer wider Willen in der Bundesliga. Nicht nur in Österreich gibt es Fans, die Red Bull nicht riechen können. Für sie verkörpert das Fußball-Engagement des Konzerns die pure Dominanz von Wirtschaftsinteressen in den Sport. Austria Salzburg steht für den wackeren David mit der Schleuder, dem die Herzen von Traditionsclubs aus ganz Europa zufliegen.

In Deutschland entzündet sich der Kulturkampf am Rasenballsport Leipzig e. V., RBL also. Red Bull Leipzig wäre ehrlicher gewesen, aber weil Clubs nicht nach Produkten benannt werden dürfen, wurde diese Finte gewählt. Fassungslos reagierte Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz, als seine Leipziger den Aufstieg in die zweite Bundesliga fixiert hatten, die Liga die Lizenzvergabe aber an Auflagen knüpfte. Er wolle niemanden zwangsbeglücken, polterte daraufhin der Multimilliardär und drohte sogar mit einem Ausstieg. Erst nach der Überarbeitung des Vereinslogos, das dem Konzernlogo zu ähnlich sah, und dem Versprechen, die Vereinsposten künftig nicht nur mit Günstlingen zu besetzen, glätteten sich die Wogen. RB Leipzig war als normaler Verein gegründet worden, deshalb griff die 50+1-Regel nicht, die es Sponsoren verbietet, die Mehrheit an der Kapitalgesellschaft eines Clubs zu übernehmen. Doch das Vorgehen habe "dem Geist" dieser Regel widersprochen, hatte die Liga beharrt. Solchen Gegenwind ist Red Bull aus der Heimat nicht gewohnt. In der österreichischen Operettenliga, wo nur selten große Arien des Weltfußballs angestimmt werden, gibt das Kapital noch stärker den Ton an. Teams und Stadien tragen die Namen von Unternehmen, die Bundesliga selbst ist nach einem Wettanbieter benannt. Der Geist der 50+1-Regel, die auch sie in den Statuten führt, dürfte längst in den Weltraum entwichen sein.

Mehr noch: Den Amateurteams der großen Clubs ist es untersagt, in die zweite Liga aufzusteigen. Dort spielt mit dem FC Liefering aber ein Club, der Jungprofis für die Salzburger ausbildet, von Red Bull finanziert wird und bis auf das Logo in denselben Dressen aufläuft. Da Liefering ein eigener Verein sei, sei er unabhängig, wird behauptet. Glauben tut das freilich niemand. Zum Drüberstreuen hat Red Bull noch ein offizielles Amateurteam und sponsert den FC Pasching in der dritten Spielklasse. International betreibt der Konzern Clubs in New York, Brasilien und Ghana. Bald gehe es nur noch um die Frage, wie die Spieler auf die Teams verteilt würden, hat Ralf Rangnick, Sportdirektor von Salzburg und Leipzig, vor einem Jahr gesagt.

"Die haben die wirtschaftliche Potenz, das so zu machen", sagt Markus Kraetschmer, Finanzvorstand von Liga-Konkurrent Austria Wien. "Solange die Statuten das hergeben, ist es keine Wettbewerbsverzerrung." Der Dominanz von Einzelsponsoren steht er aber skeptisch gegenüber. Kraetschmer weiß selbst noch zu gut, dass der warme Geldregen aus dem Füllhorn eines Milliardärs nicht nur in den Fußballhimmel, sondern auch ins Nirwana führen kann.

In Wien-Favoriten war es Frank Stronach, der von 2001 an fast alles bezahlte und sich dafür in sportlichen Belangen das letzte Wort vorbehielt. 2005 verlor der Austrokanadier die Lust an seinem Spielzeug und kündigte den Ausstieg an. "Da ist uns der Tod prophezeit worden", sagt Kraetschmer. Mit Glück und Geschick gelang es, am Leben zu bleiben. Als erster Club Österreichs lagerte Austria Wien seinen Profibetrieb in eine Aktiengesellschaft aus, für welche die 50+1-Regel gilt. Somit kann kein Einzelsponsor zu viel Macht gewinnen. Mit 108 Partnern ist man heute breiter aufgestellt.

Die Konstruktion dient in Verhandlungen zwischen der Bundesliga, dem Österreichischen Fußballbund (ÖFB) und dem Finanzministerium als Vorbild dafür, wie sich die Vereine in Zukunft organisieren sollen. Denn deren Dachverband ÖFB ist genau wie sie gemeinnützig und damit von wichtigen Steuern befreit. "Die Budget-Dimensionen, in denen wir uns bewegen, haben aber nichts mit Gemeinnützigkeit zu tun", stellt Kraetschmer fest, der als Vizepräsident der Liga mit am Verhandlungstisch sitzt. "Wir sind keine Vorreiter, sondern haben nur etwas vorweggenommen, was alle umzusetzen haben." Auch die Funktionäre anderer Sportarten warten gespannt auf das Ergebnis.