Bei ihrem Debüt als Octavian in Richard Strauss’ Rosenkavalier kürzlich in Glyndebourne ist die irische Mezzosopranistin Tara Erraught von der britischen Musikkritik ungewöhnlich harsch behandelt worden. Ihre "stämmige" Statur, hieß es, vertrage sich nicht mit ihrer Rolle, die 27-Jährige sei "unglaublich unattraktiv" und besteche allenfalls durch ihren "Babyspeck". Nett ist das nicht. Erstens ist es nie nett, Menschen ihre Leibesfülle vorzuhalten. Zweitens wird auf der Opernbühne nicht die Realität feilgeboten, sondern Kunst. Drittens brauchen Sänger zum Singen nicht Fett (von wegen "Resonanzboden"!), sondern Muskeln. Und viertens wäre die Irin, wenn es schon ums Äußere geht, wohl eher als rundlich einzustufen. Den Vergleich mit echten Wuchtbrummen der Branche wie Montserrat Caballé oder den beiden US-Amerikanerinnen Deborah Voigt (vor ihrer Magen-OP) und Alessandra Marc jedenfalls kann sie getrost scheuen.

Worum also geht es hier? Um Sexismus, sagen die einen, und das stimmt. Hat man Luciano Pavarotti, als er aus Gründen der Korpulenz fast nur mehr sitzend seines Amtes waltete, je ein solches fat shaming zugemutet? Nein. Wagt man es bei Johan Bohta, dem südafrikanischen Tenor, über dessen Figur jeder Kostümbildner verzweifelt? Kaum. Solange sie singen wie die Götter, dürfen die Herren aussehen, wie sie wollen. Die Damen dürfen das nicht. Seit je wurde ihnen aus der Differenz zwischen goldener Kehle und mangelhafter Silhouette der Garaus gemacht, nicht nur Maria Callas hat das auf tragische Weise zu spüren bekommen.

Womit wir bei der zweiten Antwort auf die Frage nach dem Eigentlichen wären, und die findet sich in der Heidi-Klumisierung unserer Lebenswelt – Oper inklusive. Riesenstimmen sollen die Octavians und Aidas der Jetztzeit haben, rassig, rank und schlank wie Gazellen müssen sie sein und immer alles geben und alles aushalten. Wie sagt Heidi? "Zeig uns, dass du es kannst!" Es liegt in der Natur der Sache (und ist ja auch so gewollt), dass das nicht funktioniert. Auch wenn der Zauber, die Utopie der Oper in nichts anderem als ihrer Irrealität liegt. Aber mit Ehrgeiz allein ist keine Kunst zu machen.

Das heißt jetzt nicht, dass alle Dicken per se toll singen und alle Dünnen nur Stimmchen haben. Und vielleicht sind die Kostüme in Glyndebourne ja wirklich besonders scheußlich, vielleicht ist Frau Tara Erraught einfach kein überzeugender Rosenkavalier. Dies festzustellen steht den alten Säcken unter den Kritikern jederzeit frei – mit dem ganzen Gewicht ihrer Erfahrung.