DIE ZEIT: Für viele Männer wird der 1. Juli ein Freudentag. Zehn Jahre lang haben sie dafür gekämpft, dass die gemeinsame elterliche Sorge nach einer Scheidung zum Normalfall wird.

Patrick Fassbind: In der Tat ist es erfreulich, dass die Diskriminierungen, die vor allem Männer getroffen hat, beseitigt werden. Doch die Praxis muss noch beweisen, ob das Gesetz mehr als ein Alibigesetz ist.

ZEIT: Warum ein Alibigesetz?

Fassbind: Weil man den Vätern zwar die gemeinsame Sorge gibt, sie aber – so meine Befürchtung – nicht in die Erziehung einbindet. Ein Beispiel: Ein Vater möchte sein neu geborenes Kind zwei Tage in der Woche betreuen. Die Mutter will das aber nicht. Wird man ihm dies zugestehen, gegen den Willen der Mutter? Oder werden wir wie heute sagen: Ein so kleines Kind gehört zur Mutter, der Vater darf es am Wochenende besuchen.

ZEIT: Wer entscheidet das?

Fassbind: Bei verheirateten Paaren die Gerichte, bei unverheirateten die KESB.

ZEIT: Also die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden. Sie leiten jene der Stadt Bern. Wie werden Sie im Fall eines neugeborenen Kindes entscheiden?

Fassbind: Wenn der Vater erziehungsfähig ist, erwarte ich von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass sie ihm die Miterziehungsverantwortung zugestehen.

ZEIT: Das neue Gesetz sagt, was Psychologen seit Jahren predigen: Eltern bleiben Eltern, auch wenn sie kein Liebespaar mehr sind.

Fassbind: Ich hoffe, dass das alle Eltern so sehen.

ZEIT: Sie klingen skeptisch.

Fassbind: Weil wir einen Mentalitätswandel brauchen. Ein Gesetz kann diesen bestenfalls anstoßen. Schauen Sie nach Skandinavien. Dort streitet man sich höchst selten wegen der Kinder. Es gibt so etwas wie ein gesellschaftliches Tabu: Egal, wie wenig wir uns mögen, eine Trennung hat nichts mit den Kindern zu tun. Nie. Davon sind wir noch weit entfernt.

ZEIT: Wie weit?

Fassbind: Viel zu oft arten Trennungen zu regelrechten Kleinkriegen um die Kinder aus. Wir müssen an den Punkt kommen, zu sagen: Ein Kind gehört zu beiden Eltern. Und wenn ich "wir" sage, dann meine ich Väter und Mütter, aber auch die KESB, Gerichte, Anwälte. Also die ganze Streitbewirtschaftungsindustrie, die sich in dieses unerträgliche Hickhack hineinziehen lässt – und dabei teilweise viel Geld verdient.

ZEIT: Nun aber zwingt der Staat die Eltern zur Zusammenarbeit.

Fassbind: Von staatlichem Zwang würde ich nicht gerade sprechen. Die Väter erhalten die gemeinsame Sorge auch gegen den Willen der Kindsmutter. Nur wenn triftige Gründe dagegensprechen, etwa wenn der Vater gewalttätig, psychisch krank ist oder schwer drogenabhängig, wird man davon absehen. Das Gesetz wird jedoch nicht dazu führen, dass weniger gestritten wird. Im Gegenteil. Es werden sich neue Streitfelder eröffnen.

ZEIT: Welche?

Fassbind: Künftig müssen sich auch Eltern, die die gemeinsame Sorge nicht einvernehmlich erlangt haben, in allen wichtigen Fragen einig werden: Welche Schule besucht das Kind? Soll es in den Religionsunterricht? Wie ist es medizinisch zu behandeln? Darf es mit der Freundin in die Reitferien? Das hat unendlich viel Konfliktpotenzial.

ZEIT: Was ist, wenn sich die Eltern nicht einigen?

Fassbind: Sie müssen! Dazu braucht es eine gewisse Kompromissbereitschaft, ganz klar. Viel Vernunft und eine hohe Sozialkompetenz.

ZEIT: Wenn ich mir ein total zerstrittenes Paar vorstelle, dann ...

Fassbind: … dann ist es ziemlich einfach: Solange sie darüber streiten, ob das Kind bei YB Fußball spielt oder beim SCB Eishockey, macht es eben keinen Sport. Wenn es aber zum Beispiel um die Schule geht, müssen wir von der KESB eingreifen.

ZEIT: Muss eine Mutter künftig ihren Expartner fragen, wenn sie und die Kinder, die bei ihr leben, umziehen wollen?

Fassbind: Ja, wenn es erhebliche Auswirkungen hat auf das Betreuungs- oder Besuchsrecht des Vaters, dann muss er zustimmen.

ZEIT: Ist das realistisch?

Fassbind: Es ist das Gesetz.