Hat Thomas Piketty sich vertan? Hat er gar geschummelt? Nur ein paar Wochen ist es her, da hat der Pariser Ökonom für seine These vom Kapitalismus, der immer neue Ungleichheit produziere, Ovationen erhalten. Der neue Marx, der Rockstar unter den Wirtschaftsforschern, der Begründer einer anderen Ökonomie – kein Begriff war zu groß. Nobelpreisträger jubelten, Pikettys Über-Nacht-Bestseller Kapital im 21. Jahrhundert verändere unser Denken. Linke fühlten sich in ihrer Forderung nach Umverteilung final bestätigt, während Anhänger des freien Marktes in Erklärungsnöte kamen.

Und jetzt? Über Thomas Piketty bricht eine Welle der Kritik herein. Erst griffen Gegner die Vorhersage einer Hyperungleichheit an. Dann stellten sie seine Theorie infrage. Und seit vergangenem Wochenende auch die Grundlage seines Schaffens: die Daten aus mehreren Jahrhunderten, die er und seine Mitstreiter in vieljähriger Arbeit gesammelt haben.

Der neueste Angriff kommt von der Financial Times in London. Deren Chefökonom fand tief in den Zahlenreihen über die Vermögensverteilung einen Grund zur Klage. Piketty habe nicht nur einige Zahlen den falschen Jahren zugeordnet, sondern andere willkürlich angepasst und vermengt. Besonders für Großbritannien sei er auf diese Weise zum falschen Ergebnis gelangt, dass die Reichsten ihren Anteil am privaten Vermögen weiter steigern konnten. Die Kritik gipfelt im Vorwurf, der französische Jungstar habe sich zu seiner Meinung passende Daten ausgesucht und manche Zahl anscheinend "aus der Luft gegriffen".

Das geht an die Ehre. Als das andere britische Wirtschaftsmedium von Rang, der Economist, ihn nach anfänglicher Begeisterung kürzlich in die kommunistische Ecke rückte, da spöttelte er noch. Mittlerweile hätten die Redakteure wohl in seinem über 500 Seiten dicken Buch weitergelesen und seien "bis zu einem Kapitel vorgestoßen, das sie nicht mögen", sagte er im Gespräch.

Doch nun ist Thomas Piketty angefasst. Die Attacke der Financial Times mochte er am vergangenen Samstag nicht mehr mit einem Scherz abtun. "Ich glaube, das ist ideologisch motiviert", erklärt Piketty und fordert den Gegner heraus: "Jede Vermögensrangliste der Welt zeigt, dass die Vermögen an der Spitze schneller wachsen als beim Durchschnitt. Wenn die Financial Times eine Statistik mit einer anderen Aussage hat, sollte die Zeitung sie veröffentlichen."

Die Fehde ist in Gang. Aber wer ist dieser Thomas Piketty eigentlich? Wie kommt er zu seinen Thesen? Welche Rolle spielt Ideologie bei ihm, welche spielt sie bei seinen Freunden und Feinden? Und findet sich in alldem Streit so etwas wie Wahrheit? Auf der Suche nach Antworten lernt man ebenso viel über die inneren Kräfte des Kapitalismus wie über die Ökonomen, die sie beobachten.

Vor fast 15 Jahren begab sich Thomas Piketty auf die Suche. Nichts aus der Wirtschaftswelt errege die Gesellschaft mehr und dauerhafter als die Unterschiede zwischen Arm und Reich, fand er. Und doch wussten Ökonomen erstaunlich wenig über deren Entwicklung.

Piketty war der richtige Mann, um das zu ändern. An der Universität in Paris studierte er zunächst Mathematik, weil er sehr gut darin war. Aber seine Liebe galt nicht den Formeln und Gleichungen, sondern der Frage, was Gesellschaften antreibt und bremst, zusammenhält und auseinanderreißt. Er wurde Ökonom und studierte in guter französischer Tradition neben Wirtschaftsmodellen auch historische, politische und soziologische Fragen. Seine Vorbilder waren Gesellschaftsforscher wie der große Nachkriegssoziologe Pierre Bourdieu, der lange dort wirkte, wo Piketty seinen Doktor machte: an der berühmten EHESS, der Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften.

So französisch die Karriere begann, so international ging sie weiter. Nach der Promotion ging Piketty ins Zentrum der amerikanischen Wirtschaftsforschung, an das Massachusetts Institute of Technology. Bald galt er auf beiden Seiten des Atlantiks als großes Talent. Er fühlte sich wohl in den Vereinigten Staaten und hasst bis heute antiamerikanische Parolen. Bleiben wollte er aber nicht. Die amerikanischen Ökonomen seien ihrer Sache zu sicher und zu sehr auf ihre Disziplin fixiert, findet er. Außerdem wollte er mehr sein als nur ein Forscher. Er wollte einer sein, der sich einmischen und an der öffentlichen Debatte teilnehmen kann. Er wollte ein Bürger Europas sein. Das ging für ihn nur in Paris.

Piketty ging dahin, wo es dem Establishment wehtut

© ZEIT ONLINE


Vor fast 15 Jahren kamen Piketty und seine Frau, die in Harvard promovierte Ökonomin Julia Cagé, zurück. Umgehend begann Piketty mit seiner großen Datensammlung, die offen für alle Forscher ist. Die vielen Zahlen sollten Antworten geben auf eine große Frage: Wie entwickelte sich die Verteilung der Einkommen seit der industriellen Revolution? In heimischen Steuerstatistiken fand Piketty die Daten über die Anteile der reichen Franzosen am Volkseinkommen. Die britischen Zahlen steuerte der Verteilungsforscher Sir Anthony Atkinson bei, Verbündeter in Amerika wurde Emmanuel Saez, ein Jungstar der Universität von Kalifornien. Deutschland kam hinzu, dann Schweden. Heute umfasst die Datenbank von China bis Argentinien die meisten großen Volkswirtschaften.

Piketty ging dahin, wo es dem Establishment wehtut. Er beließ es nicht wie viele Kollegen bei einem abstrakten mathematischen Maß für Ungleichheit, sondern konzentrierte sich auf die Reichen und die ganz Reichen: Welchen Anteil haben die oberen zehn Prozent am Einkommen aus Arbeit und Kapitalanlagen, welchen Anteil hat gar das oberste Prozent und welchen das wohlhabendste Promille? Piketty nannte seine Zahlensammlung die "Weltweite Datenbank der Spitzeneinkommen".

Man hätte wissen können, dass sich da in Paris etwas zusammenbraut. Piketty hatte die mathematischen Fähigkeiten, um mit den Daten umzugehen, er hatte den Willen, etwas zu verändern, drinnen in der Wirtschaftsforschung und draußen in der Welt. In mehreren wissenschaftlichen Artikeln und Büchern berichtete er über seine Fortschritte. Aber erst im publikumswirksam geschriebenen Kapital im 21. Jahrhundert kam beides zusammen: eine aufrührerische These und der richtige Zeitpunkt, sie in die Welt zu setzen.

Als das Buch im Herbst 2013 auf Französisch erschien, verbreiteten sich seine Thesen noch schleppend. Doch im Winter erschien das Mammutwerk auf Englisch, Pikettys Vortragsreise in den Vereinigten Staaten wurde zum Triumph, sein Buch ein Bestseller, und seither hört die Debatte nicht mehr auf. Sogar der ehrwürdige Verlag C. H. Beck hat nun auf sie reagiert. Die deutsche Ausgabe soll im Oktober erscheinen und nicht erst wie geplant 2015.


Das Buch ist nicht nur eine Abhandlung über die Geschichte der Verteilung von Einkommen und Vermögen, sondern es entwickelt auch eine Erzählung, die sich in die Zukunft fortschreiben lässt. In den Industrieländern hat sich demnach die Verteilung seit der industriellen Revolution gespreizt. Das lag nicht daran, dass die Arbeiter gegenüber den Managern ins Hintertreffen gerieten. Wichtiger als die Verteilung innerhalb der Arbeitseinkommen war das zunehmende Gewicht der Einkommen aus Kapital: der Zinsen und Dividenden, Mieten und anderer Einnahmen aus Eigentum. Das Kapital ist nämlich immer und überall deutlich ungleicher verteilt als das Volkseinkommen. Und wenn es schneller wächst als die Wirtschaft, wird eine Gesellschaft irgendwann ungleicher. (In Pikettys Argument auf der nächsten Seite sind die wichtigsten Daten und Gedanken aufgeführt.)

Das zentrale Motiv in der Erzählung: Das Kapital, also der Wert von Unternehmen, Immobilien oder Anleihen, wächst seit Jahrzehnten schneller als die Volkswirtschaften der Welt. Daher haben die zumeist wohlhabenden Kapitalbesitzer den Rest der Gesellschaft abgehängt. Mit Bildung und Arbeit ist gegen diesen Trend kaum anzukommen. Nur einmal wurde er gebrochen. Der Zweite Weltkrieg dezimierte die Vermögen in vielen Ländern. Und danach, im Kalten Krieg, wuchsen die Volkswirtschaften der Industrieländer in rasantem Tempo. In dieser Zeit schoben ihre Regierungen über hohe Steuern und kräftige Sozialsysteme außerdem viele Mittel von Reich zu Arm. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts endete diese Phase, das Wachstum ließ nach, die Steuerraten fielen, und die Kapitalrenditen waren hoch. Seither zieht die Ungleichheit wieder an.

Heute erreicht sie im Westen schon wieder die Höhen des 19. Jahrhunderts, vor allem in den Vereinigten Staaten hat das oberste Prozent den Rest abgehängt und seinen Anteil am Volkseinkommen binnen drei Jahrzehnten von 9 auf 22 Prozent erhöht. Das Gewicht des Kapitals nimmt fast überall zu, und dieses Vermögen konzentriert sich weiter in den Händen von wenigen. Das geschieht nicht nur, weil die Reichen oft höhere Renditen mit ihrem Kapital erzielen als die kleinen Sparer, sondern mehr noch, weil die Vermögen an eine sinkende Zahl von Kindern vererbt werden.

An dieser Stelle wagt Piketty die Prognose: Wenn wir den Kapitalismus nicht verändern, dann wird die Ungleichheit in diesem Jahrhundert weiter zunehmen, und der soziale Frieden wird zerstört werden. Das System entzieht sich seine eigene Basis. Aus all dem folgert Piketty: Weil der Kapitalismus aus sich heraus keine befriedigende Antwort auf diese bedrohliche Entwicklung findet, müssen die Staaten handeln, und zwar am besten gemeinsam. Um Steuerflucht auszuschließen, sollte sich die Welt auf eine gemeinsame Vermögensteuer einigen.

Piketty, der Robin Hood aus dem Süden von Paris


Pikettys Plan hat es in sich. Mit der Höhe der Vermögen soll der Steuersatz auf bis zu zehn Prozent steigen. Damit nicht genug der Provokation: Der Franzose stellt sich vor, dass die Einkommensteuer bei Millionären einen Satz von 80 Prozent erreichen kann. Der drastischen Bedrohung müsse man mit drastischen Mitteln begegnen.

Piketty, der Robin Hood aus dem Süden von Paris. Tatsächlich hätte ihn auch ein Hollywood-Regisseur an seinem Arbeitsplatz nicht besser inszenieren können. Der Piketty-Besucher, der aus der U-Bahn steigt, meint, er hätte sich in der Adresse geirrt. Zwei Reihen niedriger, vergammelter Gebäude, dazwischen eine Holzhütte? Doch sie ist tatsächlich der Eingang zum ehemaligen Mädchen-Campus, den die Ökonomen übernommen haben. Innen Linoleum am Boden, Raufaser an den Wänden und Styroporplatten an den Decken – der Besucher denkt unweigerlich: DDR. Sekretärin? Fehlanzeige. Studenten beschreiben den Weg zu Pikettys Büro: erster Stock rechts, hinter der Toilette.

Das Büro ist gar nicht so klein, wie es Medien dargestellt haben. Drei Leute haben Platz auf den Metallstühlen aus einer anderen Zeit, Piketty selbst sitzt am Fenster mit Blick ins Grüne, vor sich Schreibtisch und Computer, das große Bücherregal im Rücken. Hier arbeite er von neun bis sieben, Montag bis Freitag, sagt der Professor. Ihm gefalle es. Dann bietet er Kaffee und Wasser in kleinen, braunen Plastikbechern an.

"Wir Ökonomen wissen wenig und sollten bescheiden sein"


Bald wird hier renoviert. Aber noch wirkt das baufällige Haus als Symbol. "In Frankreich sind die Wirtschaftswissenschaften nicht so hoch angesehen", sagt Piketty und findet das gut so. "Wir Ökonomen wissen wenig und sollten bescheiden sein." Dann sagt er, dass er davon träume, mit seiner Arbeit von den Historikern anerkannt zu werden.

Piketty ist ein Mann der Widersprüche. Sehr wohl ist er ein typischer Ökonom seiner Generation, ein radikaler Datenmensch, der die Abbilder der Realität mithilfe moderner Computer in großen Zahlenmengen sucht. Deswegen findet er den Vergleich zum Historiendeuter Karl Marx, der kaum eine Datengrundlage hatte, auch abwegig. Als echter Ökonom zeigt er sich auch, sobald er andere Sozialforscher mahnt, sie könnten ruhig mal präzise diskutieren – wie die Wirtschaftsforscher. Und doch versteht er, dass er Teil einer Debatte ist, die auf mehr als nur Daten fußt. "Ich glaube an die Kraft von Ideen und Büchern", sagt er. "Einige Themen sind größer als der Streit zwischen links und rechts.

Wirklich? Oder spielt der sanft lächelnde Forscher, der nicht so unschuldig ist, wie er wirkt, nur mal wieder mit den Erwartungen seiner Mitmenschen? Für Pikettys Freunde und Kritiker ist der Streit um sein Buch jedenfalls ein Kampf links gegen rechts, und es ist klar, wo alle anderen ihn selbst sehen: links.

Ist er denn kein Linker? Er stehe der sozialistischen Partei näher als dem Front National, antwortet er. Aber anders als oft behauptet habe er nicht für die führenden Sozialisten Ségolène Royal und François Hollande gearbeitet. "Ich war auch nie Parteimitglied", fährt er fort. "So viele Fehler wurden im Namen der Linken schon gemacht."

Das alles soll man ihm glauben, dem Mann, der utopische Steuersätze von bis zu 80 Prozent fordert? Piketty lächelt wieder, tippt einmal kurz auf die Tastatur, und auf dem Bildschirm sieht man, wie sich die höchsten Steuersätze im Westen entwickelt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien sie schon mal so hoch gewesen, sagt er, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Noch Fragen?

Ja, schon, Hollandes Reichensteuer von 75 Prozent in Frankreich war doch ein Flop. Natürlich, sagt Piketty, "ich war auch nicht dafür. Eine höhere Steuer nur für Einkommen über einer Million bringt kaum etwas." Sie sei nur verabschiedet worden, damit Hollande vorgeben konnte, er habe etwas getan.

Hat Piketty also doch ein Einsehen? Nicht wirklich. Sogar China diskutiere schon eine Vermögensteuer, sagt er. Und ein großes Land wie die USA könne sich natürlich eine Spitzensteuer von 75 Prozent leisten. Ob ein Konzernchef fünf Millionen oder 20 Millionen im Jahr verdiene, mache für die Leistung keinen Unterschied. Etwas anderes zu sagen sei einfach falsch. Die Daten bewiesen es.

Von Ideologie ist keine Seite frei in dieser Debatte


So ist er, schimpft auf die Linken, um dann seine Position wieder zu behaupten. Vielleicht muss man so wendig sein. Als Ökonom unter französischen Intellektuellen und als Vater von drei Töchtern im Teenageralter.

Im Buch gibt Piketty einer Versuchung nach, der schon Marx nicht widerstehen konnte. Er deutet eine brillante historische Analyse in ein Entwicklungsgesetz für die Zukunft um. Dafür hat er sogar eine Formel, "r größer g" – die Kapitalrendite ist größer als die Wachstumsrate der Wirtschaft. Sein Gesetz lautet: Solange das so ist, wächst das Gewicht des Kapitals und damit die Ungleichheit. Und seine Erwartung ist: Im 21. Jahrhundert wird es so sein.

All das hat ihm große Kritik eingebracht, auch von deutschen Ökonomen. Wer sagt ihm denn, dass die Kapitalisten ihr schönes Geld nicht ausgeben, sondern als neues Kapital horten werden, so fragen sie. Und woher wissen wir, dass die Kapitalrenditen nicht in den Keller gehen?

Ungleichheit ist wie Erderwärmung: Besser, man tut jetzt etwas dagegen

Piketty hat eine Philosophie als Forscher: "Theorie ist nützlich, wenn ein wenig Theorie viele Fakten erklären kann und nicht umgekehrt." Er hat einen Erzählfaden durch die Geschichte des Kapitalismus gezogen, nachdem er in mühevoller Kleinarbeit die Daten gesammelt hatte. An diesem Faden reiht sich vieles auf, wie er findet. Aber natürlich nicht alles.

"Wir wissen nicht, wie weit die Ungleichheit noch wächst. Aber wir sollten nicht warten", sagt Piketty mit Blick auf seine Kritiker. Für ihn ist das ähnlich wie mit der Erderwärmung, die auch niemand sicher vorhersagen kann. Wenn die Ungleichheit von sich aus zurückgehe, prima, aber "für den Fall, dass das Wunder nicht eintritt, sollten wir jetzt schon etwas tun", sagt er.

Darüber denkt nicht nur Piketty nach. Der amerikanische Nobelpreisträger Robert Shiller sorgt sich auch um die Verteilung und hat einen Automatismus per Gesetz ersonnen, der für mehr Ausgleich sorgen soll. Wenn die Ungleichheit zunimmt, steigen die Steuern in vorgegebenem Maß. Piketty mag die Idee. Hauptsache, der Westen findet den Einstieg in ein System, in dem die Staaten durch neue Steuereinnahmen wieder reicher und die Anteile der Reichsten wieder kleiner werden.

Beklagen kann sich Piketty nicht. Er hat den Weltbestseller und die große Debatte. Da kommt man nicht immer mit Ironie davon. Justin Wolfers, einer der jungen Spitzenökonomen in Amerika, fühlt sich schon an die Debatte um das große Krisenbuch der Harvard-Professoren Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff erinnert, nur umgekehrt. Ihre These, dass hohe Staatsschulden die Konjunktur hemmen, war den Linken ein Ärgernis. Und als im Buch ein Datenfehler entdeckt wurde, stellten die Gegner in einem Sturm der Entrüstung die ganze Aussage infrage.

Jetzt sind also die Konservativ-Liberalen auf dem Plan gegen Pikettys Buch, das ihr linker Erzfeind, der Nobelpreisträger Paul Krugman in Amerika zum "Buch des Jahres und vielleicht des Jahrzehnts" ausrief. Der Kampf um Deutung führt zu Übertreibungen wie jetzt bei der Financial Times, die gegen den "Bestseller, der sich den Zeitgeist zunutze macht", vorgeht.

Zu den einzelnen Anwürfen wird er Stellung nehmen müssen, aber noch liefern die Gegner keinen Anlass für Piketty, seine grundlegenden Aussagen zurückzunehmen: Wir leben in einem Zeitalter zunehmender Ungleichheit, und das wachsende Gewicht des Kapitals droht diese Entwicklung voranzutreiben. Das ist sogar in Deutschland der Fall, wo die Einkommensverteilung seit Mitte vergangenen Jahrzehnts stabil geblieben ist, weil der Aufschwung neue Jobs und neuen Lohn erzeugte. Demgegenüber sind die Vermögen in Deutschland aber besonders ungleich verteilt.

Von Ideologie ist keine Seite frei in dieser Debatte. Thomas Piketty wird nicht nur von der Weltsicht eines Linken geprägt, sondern mehr noch von der eines Forschers, der bei aller Wendigkeit eben doch an die Wahrheit aus Daten glaubt und die Illusion der Unbefangenheit hegt.

Längst hat Thomas Piketty die Arm-Reich-Debatte verändert. Das Wissenschaftsmagazin Science hat dem Thema gerade eine ganze Ausgabe gewidmet. Die New York Times debattiert sogar die Ungleichheit in der Kunstwelt. Und selbst Ökonomen, die lange gar nichts davon wissen wollten, stürzen sich in den Streit.

Die größte Herausforderung trifft dabei die liberale Seite. Will sie die These wachsender Ungleichheit nicht verwerfen und etwas an den Umständen ändern, braucht sie eine Antwort, die den Staat nicht aufbläht. Sie kann also nicht einfach Ja sagen zu höheren Steuern, wohl aber zu einem veränderten Steuersystem, in dem zum Beispiel die Sätze auf hohe Erbschaften und hohe Kapitalerträge steigen – und in dem gleichzeitig Arbeitnehmer durch sinkende Abgaben mehr vom Brutto haben.

In Paris verabschiedet Thomas Piketty den Besucher mit seinem Merksatz: "Die Konzentration von Vermögen ist auf Dauer entscheidender als die Konzentration von Einkommen." Und der Besucher denkt: Kann gut sein, aber welche Schlüsse man daraus zieht, ist jedem selbst überlassen.