Nic Pizzolatto ist ein ernster Mann. Besonders ernst wird er, wenn er das Wort "Kunst" benutzt. Ziemlich kühn sei das ja, von einer Fernsehserie zu behaupten, sie sei Kunst, sagt er. "Aber ich muss mir das zumindest selbst einreden, sonst hätte ich die Serie gar nicht gemacht." Eines ist also klar: Weniger als ein Kunstwerk soll True Detective nicht sein.

Ein Dienstagabend in Paris, im Forum des Images sind alle Kinosäle ausverkauft, besetzt bis auf den letzten Platz auf den Treppen. Im Foyer wirbt ein französischer Sender mit dem Slogan "Génération HBO" für seine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Bezahlkanal. Generation HBO – gemeint sind wohl die Pariser zwischen zwanzig und dreißig, die gekommen sind, um beim Fernsehfestival "Series Mania" die neuste HBO-Produktion zu sehen: True Detective. Nic Pizzolatto hat sie geschrieben, er ist aus Kalifornien angereist, um die ersten beiden Folgen vorzustellen. Anfang des Jahres hat die Serie in den USA eine irritierende Begeisterung ausgelöst. Und jetzt Europa. Auf Sky Atlantic ist True Detective gerade zum ersten Mal auf Deutsch zu sehen.

Die Serie ist ein visueller Rausch, eine Meisterleistung der Hollywood-Stars Matthew McConaughey und Woody Harrelson. Vor allem: eine Erzählung, so eigenartig verstrickt zwischen Philosophie-Hauptseminar, Gruselgeschichte und roher Gewalt, dass die Zuschauer sich nicht anders zu helfen wussten, als das halbe Internet zu füllen mit Interpretationsversuchen, Querverweisen, Aufschlüsselungen. Andere Sender fanden es unfair, dass True Detective in diesem Jahr bei den Emmys, dem wichtigsten Fernsehpreis der USA, eingereicht wird. Weil die Mitbewerber dann sowieso chancenlos seien.

Manche der jungen Zuschauer in Paris haben sich zusammengerissen für diesen Abend: Sie haben die erste Staffel nicht schon irgendwo im Netz geschaut, weil sie lieber hier, auf der großen Leinwand, sehen wollen, ob das Gerücht stimmt – findet eine Fernsehoffenbarung statt? Wer die acht Folgen bereits hinter sich hat, ist gekommen, weil er sich von Pizzolatto ein wenig Aufklärung erhofft. Was war es, das sie da überrollt hat?

Am Morgen nach der Vorführung sitzt Pizzolatto in seiner Suite im Park Hyatt am Place Vendôme. Er sieht sehr müde aus. "Ich sage immer aus Spaß, dass ich am liebsten eine Serie gemacht hätte, in der die Leute tatsächlich nichts anderes tun, als rumzusitzen und zu reden." Dabei traut man ihm gar keine Späße zu, so angestrengt und ernsthaft gibt Pizzolatto sich. Seine Oberarmmuskeln sind angespannt unter dem engen T-Shirt. Als Fernsehneuling, sagt Nic Pizzolatto, habe ihm kein Sender, nicht einmal HBO, eine Geschichte abgekauft über zwei Männer in einem Donut-Shop, die sich über das Leben unterhalten.

True Detective kommt schon nah an seine Traumserie: Es wird viel geredet und herumgesessen. Nur ein Mord musste dann doch noch sein. Deswegen beginnt die erste Folge mit diesem unvergesslichen Blick auf ein brennendes Zuckerrohrfeld in Louisiana, eine Nacht im Jahr 1995. Am nächsten Morgen findet die Polizei die Leiche eines jungen Mädchens. McConaughey und Harrelson spielen die Ermittler Rust Cohle und Martin Hart, denen der Fall zugeteilt wird, der sie noch fast 20 Jahre später beschäftigt. Aus der Gegenwart zurückblickend, erzählen Cohle und Hart, was damals passiert ist. Getrennt voneinander werden sie von zwei jüngeren Polizisten befragt, die in einem ähnlichen Mord ermitteln.

Die Fernsehserie ist der neue Roman

Nicht dass Pizzolatto das Fernsehen für flach hielte, weil es so gern Kriminalgeschichten erzählt. Im Gegenteil: Er müsse immer noch darüber lachen, wie die Moderatorin ihm gestern im Kino vorgehalten habe, dass er doch eigentlich aus einer seriöseren Ecke der Kultur komme. Warum er, Pizzolatto, der erfolgreiche Schriftsteller, sich dazu herablasse, fürs Fernsehen zu schreiben? Die Frage war ironisch gemeint. Jetzt, im Jahr 2014, da man es überall gelesen hat, dass die Fernsehserie der neue Roman ist und sowieso der Gipfel der Kultur.

Pizzolatto nimmt diese Diagnose aber ernst. Deswegen muss er auf die Frage ganz humorlos antworten: Er sei bei Weitem kein erfolgreicher Schriftsteller, in den USA habe niemand seinen 2011 erschienenen Roman Galveston gelesen. "Überhaupt liest in den USA niemand." Immerhin die New York Times hatte ihn gelesen und Pizzolatto euphorisch mit Größen wie James Ellroy verglichen. In Frankreich war Galveston sogar ein kleiner Erfolg. Nun, nach dem Erfolg von True Detective, wurde der Roman in Dutzende Sprachen übersetzt – im August erscheint er auch auf Deutsch.