Der Nationalpark Yasuní © dpa

Es gilt Abschied zu nehmen von einem der artenreichsten Naturräume der Erde. Denn Ecuador hat entschieden: Im Nationalpark Yasuní darf von sofort an Erdöl gefördert werden. Doch nicht allein Präsident Rafael Correa und seine Parlamentsmehrheit sind verantwortlich dafür, dass sich die Planierraupen, Bohrmaschinen und Harvester genannten Gerätschaften des Staatskonzerns Petroamazonas bald in den verletzlichen Lebensraum für indigene Völker, unzählige Baumarten, seltene Frösche, Papageien und Fledermäuse fressen werden. Die gesamte internationale Gemeinschaft, Deutschland allen voran, hat ein einzigartiges Alternativprojekt zum Schutz des Klimas verspielt. Dabei war dieses Alternativprojekt, das der gleiche Rafael Correa im Jahr 2007 in die Welt gesetzt hatte, ein starkes Symbol für politische Vernunft.

Damals bot er den Industrienationen einen Pakt an: Wir lassen 850 Millionen Fass Öl im Urwaldboden, wenn ihr uns die Hälfte der entgangenen Öleinnahmen bezahlt. Mehr als 400 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen wären so verhindert worden, das entspricht fast dem gesamten Ausstoß Italiens pro Jahr.

Schon die politische Ästhetik dieses Vorschlags war bestechend: radikal, einfach, auf den Punkt. Endlich wurde eine Idee der Herausforderung gerecht, schnell eine postfossile Welt zu schaffen. Die Industrieländer sollten ihre Schuld für den Klimawandel bezahlen, doch auch dessen Opfer übernahmen Verantwortung für eine CO₂-freie Zukunft. 3,6 Milliarden Dollar hätten in den Schutz des Waldes und den Einsatz erneuerbarer Energien fließen können. Die Mehrheit der Ecuadorianer stand dahinter. Umweltschützer waren begeistert.

Radikal war der Vorschlag – aber nicht unrealistisch. Im Jahr 2010 hatte das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen bereits einen entsprechenden Treuhandfonds aufgelegt. Chile, Spanien, Italien, Frankreich wollten einzahlen und allen voran Deutschland. Die Bundesregierung galt als Eisbrecher, um weitere Länder zu überzeugen.

Doch dann wurde Dirk Niebel zum Entwicklungsminister – und machte den Rückzieher. In Ecuador dürfe kein Präzedenzfall geschaffen werden, erklärte der FDP-Mann. Damit besiegelte er die globale Blockade durch Halbherzigkeit.

Tatsächlich verfolgte auch Präsident Correa einen Plan B. Dabei verhandelte er mit Russland und China über Öllieferungen aus dem Yasuní. Zu stark war der Druck der Ölindustrie, zu sehr hing der Haushalt des Landes vom schwarzen Gold ab, zu zögerlich tröpfelte das Geld der Industrieländer auf dem Treuhandkonto ein. Ihnen lieferte Correas Doppelstrategie die willkommene Ausrede. Dabei sind die Öljunkies schlicht nicht bereit zum Entzug.

Lieber verfolgten sie einen Konkurrenzplan namens REDD. In diesem UN-Programm können Regierungen die CO₂-Emissionen ihrer Länder mit dem Schutz wertvoller Wälder anderswo ausgleichen. Das alte Prinzip – erst verschmutzen, dann aufräumen – setzte sich durch gegen den innovativen Plan. Nun bleibt er doch eine Utopie.

Zu betrauern ist damit mehr als das Biosphärenreservat. Zu betrauern ist auch das Scheitern der Idee des "Buen Vivir". 2008 hatte Ecuador dieses philosophische Prinzip indigener Völker in die Verfassung übernommen. Es steht für ein "gutes Leben" im Einklang mit der Natur. Die Yasuní-Initiative gründete auch in diesem Prinzip, Ecuadors Weg aus der Armut sollte auf mehr basieren als auf Wirtschaftswachstum. Mit den Bäumen im Yasuní fällt nun auch die Glaubwürdigkeit dieses Ideals.

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