Windeln wechseln, Breichen rühren, Babys in den Schlaf singen – für all das hat sich in Deutschland eine eigene Spezies entwickelt: der neue Vater. Dank des Bundeselterngeldes reduziert er vorübergehend seine Arbeit, kümmert sich um den Nachwuchs – und erntet dafür allseits Anerkennung. Selbst der Vizekanzler hält sich den Mittwochnachmittag frei, um seine Tochter aus der Kita abzuholen. Bei der Arbeitsministerin übernimmt der Mann die "Hauptverantwortung in der Erziehung" des gemeinsamen Kindes. Zahlreiche Journalisten haben ihre Erfahrungen an der Wickelfront in Büchern verarbeitet. Und glaubt man der Umfrage "Wunschväter in Deutschland", die in dieser Woche veröffentlicht wird, wünschen sich vier von fünf Vätern einen Teilzeitjob. Der Kinder wegen. Zwei Drittel würden sogar Karrierenachteile in Kauf nehmen. Wird das alte Rollenverständnis gerade überholt? Gibt es am Vatertag für Männer also heute nichts Schöneres, als ihr Baby spazieren zu fahren?

Auf den ersten Blick scheint die Statistik genau das zu belegen: Im Jahr 2006, vor Einführung des Elterngelds, nahmen keine vier Prozent aller Väter eine Auszeit vom Job, inzwischen sind es rund dreißig Prozent. Das heißt, ihr Anteil hat sich in nur acht Jahren mehr als versiebenfacht. Bei genauer Betrachtung stellt sich jedoch ziemlich schnell Ernüchterung ein. Denn knapp 80 Prozent aller Väter, die überhaupt in Elternzeit gehen, entscheiden sich für die kürzeste mögliche Dauer – zwei Monate. Insgesamt liegt die durchschnittliche Länge einer Väterzeit derzeit bei 3,2 Monaten. Die Rostocker Soziologin Heike Trappe sieht deshalb wenig Grund zu übergroßer Euphorie: Männer, die länger als das Minimum von zwei Monaten zu Hause blieben, seien "eine sehr selektive Gruppe, die im Zeitverlauf sogar kleiner geworden ist".

Zwei Ziele hatte Ursula von der Leyen im Herbst 2006 zur Einführung des neuen Elterngeldgesetzes formuliert: Zum einen sollten Paare ermutigt werden, mehr Kinder zu bekommen; zum anderen sollte das Gesetz dafür sorgen, dass Paare sich die Babyfürsorge stärker partnerschaftlich teilen. Dafür gibt der Staat jährlich rund fünf Milliarden Euro aus. Leider muss man feststellen: Bislang wurden beide Ziele verfehlt.

Weder stieg die Geburtenzahl (laut der neuesten amtlichen Statistik aus dem Jahr 2012 liegt sie mit 673.500 Kindern noch unter der des Jahres 2005), noch verbringen frischgebackene Väter in den Monaten nach der Geburt auch nur annähernd so viel Zeit zu Hause wie die Mütter. Der sogenannte neue Vater, er ist ein Zweimonatsvater. Dem Klischee nach: Akademiker, nimmt nach der Geburt zwei Wochen Urlaub und ein Jahr später noch mal zwei Monate Elternzeit, um den Nachwuchs in die Kita einzugewöhnen. Dazwischen und danach kümmert er sich um Meetings, Dienstreisen sowie den einen oder anderen Karrieresprung – und lässt sich dennoch für seine aufopferungsvolle Elternschaft loben.

Woher aber kommt diese neue soziale Norm? Warum bleibt es bei nur zwei Monaten? Warum nehmen nicht mehr Väter vier, fünf oder gleichberechtigte sieben Monate Elternzeit? Fehlt ihnen die Lust dazu? Wird ihre Leidenschaft fürs Kind vom Chef blockiert? Oder liegt es gar an den Frauen, die zu Hause keine Macht abgeben wollen?

Die Väterforscherin vermisst "Zivilcourage am Arbeitsplatz"

Tatsächlich findet man Beispiele für jeden dieser Gründe. Bei vielen Vätern beginnt das Problem schon mit der eigenen Unwissenheit. "Zwölf plus zwei, das war eine blöde Idee", kritisiert Volker Baisch die Einführung der Partnermonate, aus denen der Volksmund längst die "Vätermonate" gemacht hat. Der Gründer der Hamburger Väter gGmbH berät seit zwölf Jahren Firmen dabei, väterfreundlicher zu werden: "Wir hören heute noch in den Unternehmen, dass viele Männer nicht wissen, dass auch mehr als zwei Monate gingen."

Eng verknüpft mit diesem Unwissen ist die Angst vor dem Karriereknick. "Mein Chef hat sehr deutlich gemacht, was er von der Väterzeit hält" – so oder ähnlich formulieren es viele Zweimonatsväter. Sie haben Angst vor dem, was Christoph Randel erlebt hat: Der Orgelbauer wollte sich ernsthaft an der Erziehung seiner Kinder beteiligen. Heute, nach 20 Jahren im selben Handwerksbetrieb und seiner zweiten Elternzeit, ist er arbeitslos.

Als Lehrling hatte Randel angefangen und sich hochgearbeitet, bis er das Bindeglied war zwischen Werkstatt und Chefetage. Vor ihm hatte in dem Kleinbetrieb niemand Elternzeit genommen. Randel erinnert sich an das unverständige Kopfschütteln seiner Kollegen, als er ihnen 2008 von seinen Plänen erzählte. Trotzdem blieb er beim ersten Kind vier Monate zu Hause. "Zuerst fanden meine beiden Chefs das super. Damals redeten ja alle von den neuen Vätern", berichtet der Orgelbauer. Als den Vorgesetzten aber klar geworden sei, dass sie für Randel eine Vertretung organisieren mussten, hätten sie plötzlich so getan, als bewilligten sie ihm großzügig einen Bonus.

Beim zweiten Kind kündigte der Orgelbauer seine Elternzeit deshalb mehr als ein Jahr im Voraus an. Diesmal wollte er sechs Monate zu Hause bleiben und von dort aus für den Betrieb einiges erledigen. Doch bereits am ersten Tag seiner Elternzeit hatte Randel keinen Zugang mehr zu den Dienst-E-Mails. Er erfuhr nichts über interne Abläufe oder laufende Projekte. Randel fühlte sich gemobbt, im Januar einigte man sich vor Gericht über sein Ausscheiden.

Zwar darf rein rechtlich niemandem gekündigt werden, weil er Elternzeit nimmt. Dennoch fürchten viele Väter, dass ihnen im Zweifelsfall eben das passiert. Dabei zeigen alle Studien zum Thema: Randels Geschichte ist die große Ausnahme. Die meisten Männer machen positive Erfahrungen mit der Elternzeit.