In der Katharinenschule in Hamburg © dpa

Schulbehörde, Besprechungsraum 1416. Ein letztes Mal treffen sich die Experten für den Deutschunterricht, um zu beraten, welche Wörter ein Viertklässler in Zukunft schreiben können muss.

"Spagetti ohne h, das schreibt doch so kein Mensch", sagt einer.

"Aber es steht als zweite mögliche Schreibweise im Duden: ›Spaghetti, Spagetti‹", sagt Heinz Grasmück.

"Ja, aber das ist Unsinn, das hat sich nicht durchgesetzt."

"Mag sein. Aber in Bayern müssen Kinder nur die Schreibweise Spagetti kennen. Wenn wir das streichen, heißt es: Der Senator hält sich für klüger als der Duden und die Bayern."

Schweigen. "Wir könnten einfach Nudeln nehmen", sagt eine Fachreferentin. Grasmück nickt erleichtert. "Gute Idee." Der Hamburger Basiswortschatz ist um ein Wort ärmer: Spaghetti. Und um eines reicher: Nudel.

An diesem Mittwoch hat Schulsenator Ties Rabe die 785 Wörter vorgestellt, die jeder Hamburger Grundschüler künftig schreiben können muss. Einmal im Jahr soll die Rechtschreibung nun bei jedem Schüler bis zur zehnten Klasse überprüft werden. Dazu folgt bald eine Broschüre, die Lehrern erklärt, worauf sie im Deutschunterricht stärker achten sollen.

Im Durchschnitt machen Kinder heute doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor 40 Jahren. Zwar sind die Werte in den vergangenen zehn Jahren in Hamburg nicht schlechter geworden, aber aufgeschreckt durch einen Magazin-Titel (Die neue Schlechtschreibung) hat die Schulpolitik im vergangenen Jahr das Thema für sich entdeckt. Der vielen Lehrern unterstellte Laissez-faire-Unterricht, in dem jedes Kind erst einmal schreiben durfte, wie es wollte, wurde verboten. Stattdessen gibt es nun wieder klare Regeln.

Der Mann hinter den Regeln ist Heinz Grasmück, 51, Leiter des Referats B52-1 in der Schulbehörde, zuständig für die Unterrichtsentwicklung Deutsch, Künste und Fremdsprachen. In den vergangenen Monaten hat er versucht, die richtigen Worte zu finden. Jene Wörter, die künftig Pflicht für jedes Hamburger Kind sind. Nun bespricht er die Liste ein letztes Mal mit seinen Kollegen. "Zentral ist: Ich muss mich für jedes Wort rechtfertigen können", sagt Grasmück. "Warum steht das drin? Und warum das nicht?"

Der Referatsleiter greift zu einer der farbigen Mappen, in die er sein Material einsortiert hat. Etwa 135.000 Stichwörter stehen im Rechtschreib-Duden, ein durchschnittlicher erwachsener Deutscher kennt etwa 50.000 Wörter, 12.000 bis 16.000 Wörter verwendet er beim Sprechen selbst. Nun sollen etwa 800 Wörter den Basiswortschatz eines Grundschülers bilden, so hat es der Senator vorgegeben. Damit müssen Hamburgs Grundschüler etwa hundert Wörter mehr schreiben können als ihre Altersgenossen in Bayern.

Grasmück gehört zu den Menschen, für die Falschschreibung so etwas wie Körperverletzung ist. Unten, am Eingang des Einkaufszentrums, in dem die Behörde untergebracht ist, steht: "Herzlich Willkommen". Er schüttelt den Kopf. "›Herzlich willkommen‹, müsste es heißen, schließlich ist willkommen hier ein Adjektiv."