Das Drama kündigt sich an diesem 12. April 1945 scheinbar harmlos an. "Ich habe schreckliche Kopfschmerzen", sagt Franklin D. Roosevelt lapidar. Doch kurz darauf verliert der 32. Präsident der Vereinigten Staaten das Bewusstsein. Und einen Tag später ist Roosevelt tot. Gestorben an einem Schlaganfall, mit 63 Jahren.

"Aus heiterem Himmel" habe der Schlaganfall den Präsidenten ereilt, sagte sein Kardiologe damals. Auch die übrige Medizinerschaft zeigte sich erstaunt. Bis auf seine Lähmungen sei Roosevelt "in jeder Hinsicht körperlich gesund" gewesen, erklärte ein Pressesprecher des Weißen Hauses nach seinem Tod. Das hätten mehrere Ärzte erklärt, die den Präsidenten zwei Monate zuvor untersucht hatten.

Heute dagegen wäre vermutlich kaum ein Mediziner von dem Schlaganfall überrascht: Denn bei Roosevelt wurde damals ein Blutdruck von 260/150 gemessen – ein extrem hoher Wert, der deutlich über dem liegt, was mittlerweile als normal gilt. Der Fall Roosevelt zeigt damit nicht nur drastisch, wie sehr Mediziner irren können. Er belegt auch, wie stark unsere Vorstellung von Krankheit und Gesundheit dem Wandel unterworfen ist. Was gestern noch "in jeder Hinsicht gesund" hieß, kann heute schon "extrem gefährdet" bedeuten.

Seelische Belastung statt effektiver Prävention

Im Moment scheint sich ein Krankheitskonzept durchgesetzt zu haben, das auf der Berechnung statistischer Wahrscheinlichkeiten beruht. Das gilt für die Früherkennung von Krebs und für Volkskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck. Es geht dabei vor allem darum, das Risiko zu minimieren. Für die Patienten bietet dieser Ansatz viele Vorteile, aber auch Gefahren. Denn schnell werden eigentlich gesunde Menschen zu kranken Patienten. Die Vorstellung eines drohenden Herzinfarktes oder Schlaganfalles belastet manchen womöglich so stark, dass der Vorsorge-Effekt wieder zunichtegemacht wird.

Roosevelt war von solchen Bedenken unbelastet. Er fühlte sich gesund, er hatte keine greifbaren Symptome und aus Sicht der Mediziner deshalb auch keine schwere Krankheit. Hohen Blutdruck begriffen Kardiologen damals noch nicht als Risikofaktor für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, sondern als offensichtlich notwendig, um die fünf Liter Blut durch den Körper des Präsidenten zu befördern.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges liefen in den USA große epidemiologische Studien an, um zu klären, welche Umwelteinflüsse die Entstehung von Herz- und Gefäßerkrankungen begünstigen. Fast im jährlichen Takt lieferten sie neue Ergebnisse: Zigarettenrauch, ein hoher Cholesterinspiegel und zu hoher Blutdruck steigerten in den untersuchten Bevölkerungsgruppen das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Später kamen Übergewicht und erhöhte Blutzuckerwerte hinzu.

Die Entdeckung dieser Risikofaktoren veränderte die Gesundheitspolitik in den Industriestaaten. Herz-Kreislauf-Erkrankungen führten schon damals die Liste der häufigsten Todesursachen an. Würde man sie in den Griff bekommen, könnten sich Kosten in Milliardenhöhe einsparen lassen, so das Kalkül. Die Lösung für das Problem lieferte die Pharmaindustrie parallel zu den Studienergebnissen: neue Medikamente, die den Blutdruck, das Cholesterin und den Blutzucker senkten.

Über Jahrzehnte hinweg folgte die Strategie bei der Prävention der Volkskrankheiten nun im Großen und Ganzen dem simplen Prinzip "je niedriger, desto besser". Diese Entwicklung lässt sich gut nachvollziehen an den Grenzwerten für Diabetes mellitus. Die Zuckerstoffwechselstörung schädigt die Wände der Blutgefäße und fördert so die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ärzte diagnostizieren Diabetes, wenn der Zuckergehalt im Blut einen bestimmten Wert überschreitet. Gemessen wird im nüchternen Zustand, wenn der Proband also noch nicht gegessen hat.

Wurde die Diagnose im Jahr 1980 noch bei einem Nüchtern-Blutzucker von 144 Milligramm pro Deziliter Blut gestellt, senkte die Weltgesundheitsorganisation den Grenzwert fünf Jahre später auf 140 Milligramm. Heute gilt bereits ein Patient als Diabetiker, dessen Blut mehr als 126 Milligramm Zucker pro Deziliter enthält. Auch die gewünschten Zielwerte für Cholesterin im menschlichen Blut wurden, angetrieben vor allem von amerikanischen Fachgesellschaften, in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesenkt.

Jeder neue Grenzwert bringt der Pharmaindustrie neue Kunden

Weil mit jeder neuen Verschiebung der Grenzwerte die Zahl der Menschen wächst, die offiziell als krank gelten, schlagen Gesundheitswissenschaftler inzwischen Alarm. Der amerikanische Nierenspezialist Richard Glassock machte letztes Jahr in einem Artikel im British Medical Journal (BMJ) darauf aufmerksam, dass unter die neueste Definition von chronischem Nierenversagen jeder achte US-Bürger falle, von den über Siebzigjährigen sogar jeder zweite. Nur ein verschwindend geringer Teil dieser neu deklarierten Patienten, schrieb Glassock, lande am Ende wirklich mit Nierenversagen im Krankenhaus – aber fast alle würden mit Medikamenten behandelt.