Der Weg zur günstigen Impfung führt in der Region Washington in eine Filiale der Drogeriekette CVS Caremark. Es geht vorbei an Mundwasser und Duftkerzen in ein kleines Nebenzimmer. Dort stehen zwei Stühle an der Wand, das ist der Warteraum der minute clinic. Unter diesem Namen betreibt CVS ein ambulantes Behandlungszentrum. Das medizinische Personal hilft dort Asthmatikern ebenso wie von Zecken Gebissenen. Wer will, kann sich mit Shampoo eindecken und auf dem Weg zur Kasse gegen Grippe, Tetanus und Masern impfen lassen.

Solche ambulanten Behandlungszentren nach dem Rezept der Fast-Food-Ketten erleben in den USA einen Boom. Auslöser ist Präsident Barack Obamas Gesundheitsreform. Dank Obamacare sollen bis zu 30 Millionen unversicherte Amerikaner in den kommenden Jahren eine Krankenversicherung erhalten.

Doch die Nachfrage der neuen Versicherten stößt auf ein begrenztes Angebot. Es gibt nicht genügend Hausärzte in den Vereinigten Staaten. Und die Lücke wird in den kommenden Jahren noch größer werden. Das liegt unter anderem an der begrenzten Zahl der Pflicht-Praktikumsstellen, die für die Ausbildung von Ärzten zur Verfügung stehen. Zudem verdienen Allgemeinmediziner deutlich weniger als Spezialisten – ihr Durchschnittsjahresverdienst liegt bei 220.000 Dollar, ein Kardiologe bekommt mehr als das Doppelte. Angesichts des teuren Studiums und der daraus resultierenden Schulden ist das Gehalt ein nicht unwichtiger Aspekt bei der Karriereentscheidung junger Mediziner. Die Folge: Bis 2025 werden in den USA Prognosen zufolge über 50.000 Hausärzte fehlen.

Auch in Washington regiert längst der Mangel. Bis zu 30 Patienten kämen täglich, sagt die freundliche Endzwanzigerin, die dort in einer minute clinic von CVS behandelt. Sie ist keine Ärztin. Ein Schild weist sie als certified nurse practitioner aus, also eine Krankenschwester mit Spezialausbildung. Erkältungen und Allergien gehören zu den häufigsten Fällen. Die Krankenschwester nimmt sich viel Zeit für Untersuchung und Beratung. Unterlagen mit einer ausführlichen Erklärung druckt sie aus. Auf Wunsch übermittelt sie ihre Diagnose an den Hausarzt. Und nach zwei Tagen erhalten Patienten einen Anruf, bei dem sich die CVS-Pflegekraft nach ihrem Befinden erkundigt. Der Preis für Diagnose, Behandlung und telefonische Nachsorge: 99 Dollar. Beim vergleichbaren Besuch einer regulären Praxis können über 150 Dollar fällig werden.

Nicht nur CVS hat eine hauseigene Klinik, mit der die Drogerie vom Ärztemangel profitieren will. Der Rivale Walgreen betreibt eine healthcare clinic mit dem Slogan "At the corner of Happy and Healthy". Auch die Handelsriesen Wal-Mart und Target sind im Geschäft. Zudem betreiben alle Ketten hausinterne Apotheken: praktisch für den Patienten, der das Rezept gleich zwei Regale weiter einlösen kann – und vorteilhaft für den Betreiber, dem das noch weiteren Umsatz beschert.

Die Kliniken sollen die gleiche Lockwirkung haben wie die Lebensmittelabteilung im Kaufhaus: Sie sollen Kunden regelmäßig in den Laden ziehen, wo diese dann noch weitere Produkte kaufen. Derzeit gibt es im ganzen Land etwa 1.600 solcher Einzelhandelspraxen. Bis 2015 sollen es einer Studie der Unternehmensberatung Accenture zufolge bereits 3.000 sein.

Die Klinikidee ist nicht neu – die ersten wurden bereits im Jahr 2000 eröffnet. Doch nach einer ersten Expansionswelle nahm der Erfolg ab. Die Kunden beschränkten sich auf einige wenige Angebote wie etwa Grippeimpfungen, mit denen kaum Geld zu verdienen war. Dazu kam die Opposition der etablierten Ärzte, deren Verbände regelmäßig in den Medien Zweifel an der Qualität und Zuverlässigkeit der ambulanten Kliniken kundtaten. Dort behandeln vielfach nicht ausschließlich Ärzte, sondern wie in der Washingtoner CVS-Filiale nurse practitioners, höher qualifizierte Pflegekräfte.

Inzwischen ist eine zunehmende Zahl an Krankenhäusern und Gemeinschaftspraxen bereit, mit den Ketten zusammenzuarbeiten. Die Ärzte überlassen die Routinefälle den Einzelhändlern, während sie sich auf die lukrativeren komplexeren Behandlungen konzentrieren.

Die Patienten müssen sich daran gewöhnen, künftig den Doktor nur noch in besonderen Fällen zu Gesicht zu bekommen. Sonst sei der steigende Bedarf an Routinegesundheitsversorgung für die alternde Bevölkerung nicht zu decken, meint Ateev Mehrotra, Professor für Gesundheitspolitik an der Harvard Medical School. "Der Arzt wird künftig die Spitze einer abgestuften Qualifikationshierarchie darstellen."

Obamas Gesundheitsreform hat außerdem den Trend verschärft, Versicherungsprämien durch einen hohen Selbstbehalt bezahlbar zu halten. Deswegen wägen viele Amerikaner genau ab, ob sie zum Arzt gehen sollen, selbst wenn sie versichert sind. Doch für viele Patienten ist das Geld zweitrangig. Die meisten US-Arbeitgeber gewähren nur wenige Karenztage, und Arbeitnehmer müssen mit einem Verdienstausfall rechnen, wenn sie einen Arzt aufsuchen. Die Kliniken sind bis spätabends und am Wochenende geöffnet. "Die Ketten sind verbrauchernah. Bis hin zu der Tatsache, dass Patienten auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums parken können", sagt Mehrotra.

Nicht nur die Kettenkliniken profitieren von Obamacare. Auch die sogenannte concierge medicine – die Behandlung gegen eine monatliche Gebühr an eine Arztpraxis, ähnlich wie die Mitgliedschaft im Fitnessclub – erlebt einen Zustrom von Patienten. Bisher waren die "Concierge"-Ärzte vor allem eine Option für die wohlhabende Klientel, die sich monatliche Gebühren von mehreren Hundert Dollar leisten kann. Inzwischen öffnet sich das Modell auch für Normalverdiener. Pionier ist Samir Qamar. Seine frühere Privatpraxis betrieb der Mediziner im Luxushotel Pebble Beach Resorts in Monterey, Kalifornien. Dort zahlten Milliardäre bis zu 30.000 Dollar im Monat, damit Doktor Qamar rund um die Uhr zur Verfügung stand. Vor zwei Jahren dann startete Qamar eine Praxiskette namens MedLion.

MedLion akzeptiert keine Krankenversicherung. Wer dort einen der Ärzte aufsuchen will, zahlt monatlich 75 Dollar, Kinder 39 Dollar. Es gibt kein Limit für Arztbesuche, und MedLion garantiert Patienten einen Termin spätestens für den nächsten Tag. Weil MedLion keinen Aufwand mit der Versicherungsabrechnung hat, sparen die Praxen laut Qamar bis zu 40 Prozent an Verwaltungskosten. MedLion ist inzwischen in neun Bundesstaaten vertreten und hat weitere Expansionspläne. Auch im Ausland: Qamar hat unter anderem Interessenten in Mexiko und den Vereinigten Emiraten.

Nach Qamars Ansicht ist das Direktzahlermodell die Antwort auf eine Fehlentwicklung im Gesundheitswesen. "Rund 80 Prozent der medizinischen Versorgung bestehen aus Alltagskrankheiten: Erkältungen, Diabetes, Depression. Dafür brauchen wir keine Versicherung." Nur Fälle, die Patienten finanziell überlasten, wie Herzchirurgie oder eine Krebsbehandlung, sollten von einer Versicherung abgedeckt werden. Der Unternehmer vergleicht es mit der Autoversicherung. "Wenn wir nicht nur den Totalschaden, sondern auch die Tankfüllung, Winterreifen und Ölwechsel per Versicherung abdeckten, würden die Policen schnell unbezahlbar." Genau das sei mit der Krankenversicherung passiert. Qamar ist sich der Grenzen seines Direktzahlermodells durchaus bewusst. "Es wird immer einen Teil der Bevölkerung geben, der sich nicht einmal die medizinische Grundversorgung leisten kann." Das müsse der Staat auffangen. Doch für die Mittelschicht könne eine Kombination aus Direktzahlung und Katastrophenschutz das System erschwinglicher machen.