Am 2. April 1942 geht in der Zentrale der Abwehr am Tirpitzufer in Berlin eine Meldung ein, die man sehr ernst nimmt:

"V-Mann 372, ›ALARIC ARABEL‹, berichtet, dass am 26. März 1942 ein Konvoi mit 15 Schiffen von Liverpool aus Kurs auf Gibraltar genommen hat. Möglicher Zwischenstopp: Lissabon. Endgültiges Ziel: Wahrscheinlich Malta."

Kurze Zeit später steigen deutsche und italienische Jäger in den Nachthimmel, um den Konvoi zu stoppen. U-Boote gehen östlich vor Gibraltar in Position, um die britischen Schiffe in einen Hinterhalt zu locken. Das Warten beginnt, ab und zu melden deutsche Schiffe Rauchfahnen am Horizont. Dann wieder funken die Mannschaften, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt habe. Der Einsatz wird zum Fiasko, doch an der Meldung ihres Agenten "Alaric Arabel" zweifelt die deutsche Seite keinen Moment.

Auch an einem anderen Ort wächst die Spannung, ob sich Alaric Arabel bald wieder melden wird. Was die deutsche Führung nicht weiß: Der britische Geheimdienst hat die deutschen Verschlüsselungscodes geknackt und kann den gesamten Funkverkehr mitlesen. Im abgeschiedenen Landsitz Bletchley Park in der Grafschaft Buckinghamshire residieren die Codeknacker des britischen Geheimdienstes MI5. Der Aufwand, der betrieben wird, um die deutschen Codes zu brechen, ist gigantisch. Gegen Kriegsende arbeiten hier bis zu 14.000 Männer und Frauen.

Gerüchte machen die Runde, dass es sich um einen deutschen Agenten handeln müsse, der es geschafft habe, unbemerkt nach England zu kommen. Tatsächlich haben zahlreiche britische Schiffskonvois im März den Hafen von Liverpool verlassen. Doch das Rätselhafte ist: Keiner von ihnen stimmt mit der Beschreibung des Agenten überein, und keiner hat Malta als Ziel. Irgendjemand, dem die deutsche Seite offenbar voll vertraut, tischt ihr Lügen und Fantasiemeldungen auf.

Der seltsame Agent ist den britischen Abhörspezialisten bereits einige Wochen zuvor aufgefallen. Sein Wissen über das Leben auf der Insel scheint gering zu sein. Der merkwürdige Spion gibt an, kürzlich einen seiner Mitagenten nach Glasgow geschickt zu haben. Dort habe dieser mit schottischen Hafenarbeitern gesprochen, um Routen weiterer Schiffskonvois herauszubekommen. Sein abschließendes Urteil über die Arbeiter im größten schottischen Hafen lautet: "Sie sind sehr geschwätzig gewesen und würden fast alles für einen Liter Rotwein tun."

Die Vorstellung, dass schottische Dockarbeiter neuerdings Rotwein trinken, sorgt beim britischen Geheimdienst für ungläubiges Staunen. Hier ist ein Betrüger am Werk, der trotz haarsträubender Fehler die deutsche Seite zu militärischen Aktionen verleitet und manchmal in seinen Meldungen der Wahrheit gefährlich nahe kommt. Alaric Arabel muss gefunden werden.

Es dauert einige Zeit, bis die Briten die Spur des merkwürdigen Agenten entdeckt haben. Sein Name ist Joan Pujol Garcia, er stammt aus Katalonien und ist Hühnerzüchter. Nach seinen traumatischen Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg will er gegen den Faschismus und besonders gegen Adolf Hitler seinen Beitrag leisten: als Spion.

Mehrere Male bewirbt sich Pujol vergeblich bei der britischen Botschaft in Madrid als Agent. Das Botschaftspersonal ist verunsichert. Was will dieser Wirrkopf? Ist er ein von der feindlichen Seite beauftragter Agent Provocateur, der einen diplomatischen Zwischenfall verursachen möchte?

Pujol berichtet in langen Briefen von Menschen, die er nie getroffen hat

Pujol fasst schließlich einen anderen Plan: Da ihn die Briten abweisen, versucht er es auf der deutschen Seite, um dem "Dritten Reich" von innen heraus zu schaden. Er nimmt Kontakt mit der deutschen Botschaft in Madrid auf, auch dort wird er zunächst abgewiesen. Als Pujol den Abwehrmitarbeitern aber erzählt, dass er Regierungskontakte besitze, und ihnen ein von ihm selbst gefälschtes Diplomatenvisum für Großbritannien mit offiziellem spanischem Briefkopf zeigt, signalisieren sie Interesse. Sollte er es schaffen, als angeblicher Zeitungskorrespondent nach Großbritannien zu gelangen, könne man ihn gut gebrauchen. Auf einmal geht alles ganz rasch. Pujol erhält eine auf Mikrofotografien übertragene Liste und Fragebögen mit Spionagezielen. Dazu eine Flasche mit unsichtbarer Tinte, eine Tabelle mit Chiffriercodes, eine Liste mit Tarnadressen, an die er seine Botschaften schicken soll, und ein Geldbündel mit 3.000 US-Dollar.

Die Abwehr gibt ihm den Tarnnamen Alaric Arabel. Alaric nach dem König der Westgoten. Arabel wegen Pujols Ehefrau Araceli González, die bei den Verhandlungen mit den deutschen Agentenführern dabei ist und auf sie einen nachhaltigen Eindruck macht. Wegen ihrer Schönheit und Eleganz wird sie von den Deutschen nur noch Araceli bella genannt.

Noch immer will Pujol dabei in die Dienste der Briten gelangen. Er glaubt, dass er das nur erreichen kann, wenn er ihnen handfeste Beweise seiner Arbeit für die deutsche Abwehr vorlegt. Seine ebenso einfache wie geniale Idee: Er wird der Abwehr frei erfundene Berichte aus England senden, obwohl er sich dort gar nicht aufhält. In Madrid ist die Gefahr für ihn zu groß, er taucht deshalb unter und geht mit seiner Ehefrau und ihrem kleinen Sohn nach Lissabon.

Wiederum ist es Araceli González, die den Alliierten ihren Mann als Spion anpreist – dieses Mal bei der US-Botschaft in Lissabon. In dieser Zeit schickt Pujol auch seine Meldung über den angeblichen Konvoi nach Malta an die deutsche Seite. So kommen ihm die Briten schließlich auf die Spur, werben ihn als Doppelagenten an und lassen ihn nach London fliegen.

Am 24. April 1942 erreicht Pujol Großbritannien. Direkt nach seiner Ankunft übergibt er dem MI5 alle Dokumente und Briefe, die er an die deutsche Abwehr geschrieben hat. Sein Führungsoffizier beim MI5 wird Tomás Harris Rodriguez, ein Halbspanier und Künstler. Auch der MI5 verleiht Pujol einen Codenamen und nennt ihn fortan "Garbo". Nach der Schauspielerin Greta Garbo, weil ihn die Briten für den erfolgreichsten Schauspieler dieses Krieges halten. Pujol wird in einer unscheinbaren Doppelhaushälfte in der Crespigny Road 35 im Londoner Stadtteil Hendon untergebracht und keine Sekunde aus den Augen gelassen.

Harris und Pujol erschaffen gemeinsam das Garbo-Netzwerk, bestehend aus insgesamt 27 Unteragenten, die frei erfunden sind. In möglichst langen Briefen an die Abwehr sollen Garbo und seine fiktiven Mitagenten über Gespräche berichten, die sie nie geführt haben – mit Menschen, die sie nie getroffen haben.

Bald schicken Harris und Pujol bis zu drei Briefe pro Woche an die Abwehr. Alle Informationen werden mit unsichtbarer Geheimtinte zwischen die Zeilen gewöhnlicher Briefe platziert. Pujol schreibt sehr umständlich, damit die Briefe möglichst lang werden. Im Durchschnitt umfassen seine Meldungen zwischen 1.500 und 2.000 Wörter, einige sind bis zu 8.000 Wörter lang, das sind manchmal volle 40 Schreibmaschinenseiten. Der deutsche Geheimdienst soll möglichst viel Zeit damit verschwenden, Garbos Informationen zu entschlüsseln. Um glaubhaft zu wirken, darf Pujol auch immer einige echte Informationen der britischen Behörden einstreuen. Sie sind aber nie von großem militärischem Nutzen und werden intern nur "Hühnerfutter" genannt.