Erlauben Sie mir zunächst eine mathematische Spitzfindigkeit: Es ist rechnerisch durchaus möglich, dass die Mehrheit überdurchschnittlich gut ist. Betrachten Sie eine Gruppe aus neun etwa gleich großen Erwachsenen und einem Kleinkind – dann sind alle Erwachsenen in dieser Gruppe größer als der Durchschnitt. Deshalb betrachtet man bei solchen Untersuchungen lieber den sogenannten Median, der die Gruppe in zwei gleich große Hälften teilt.

Aber auch wenn man fragt: "Gehören Sie zur besseren Hälfte der Autofahrer?", antwortet stets eine Mehrheit mit Ja. Mal sind es 90 Prozent, in einer kanadischen Umfrage waren es sogar alle Befragten. Das Erschreckende: Männliche, junge Autofahrer, die besonders viele Unfälle verursachen, haben das größte Selbstvertrauen.

Dahinter steckt der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt, benannt nach einer Publikation von David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999. Die Psychologen führten mit Studenten mehrere Tests in verschiedenen Disziplinen durch. Es ging dabei etwa um logisches Denken oder das Erkennen von grammatisch richtigen oder falschen Sätzen. Sie ließen die Probanden sogar die Witzigkeit von Witzen bewerten und verglichen das mit dem Urteil professioneller Comedians. Nach jedem Test sollten die Studenten nun beurteilen, wie sie im Vergleich zu den anderen abschnitten.

Für weitere Artikel zur Serie "Stimmt's?" klicken Sie auf dieses Bild. © Jeff J. Mitchell/Getty Images

Das erstaunliche Ergebnis: Die Selbsteinschätzungen bewegten sich in einem kleinen Bereich, fast alle Testpersonen hielten sich für besser als 60 bis 70 Prozent der anderen. Die Schwächsten überschätzten sich also ganz gewaltig, die Stärksten dagegen unterschätzten sich leicht.

Was die Forscher aber besonders schockierte: Selbst als sie den Teilnehmern die Ergebnisse der anderen zeigten, ihnen also die Chance gaben, sich selbst realistischer einzuschätzen, korrigierten die Probanden aus dem schwächsten Viertel ihr übertriebenes Selbstbild nicht. Flapsig gesprochen: Sie waren zu dumm, um die eigene Dummheit zu erkennen, und strotzten weiterhin vor Selbstbewusstsein.

Der Schluss der Forscher: Man muss eine gewisse Grundfähigkeit haben, um seine Unfähigkeit zu erkennen. Letztlich kann man nur durch Bildung die Menschen dazu bringen, dass sie mit Sokrates sagen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de. Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio