Energiekrise ist ein Begriff, der oft falsche Assoziationen weckt. Tatsächlich gibt es nicht zu wenig, sondern zu viel Energie – vor allem zu viel Kohle, bei deren Verbrennung klimaschädliches Kohlendioxid (CO₂) entsteht. Nur wenn der größte Teil der Kohle im Boden bleibt, lässt sich die Erderwärmung noch auf ungefähr zwei Grad begrenzen; nur dann wären Mensch und Natur vor den größten Heimsuchungen des Klimawandels halbwegs sicher.

Wer die Gefahr bekämpfen will, muss also der Kohle den Krieg erklären, muss Kraftwerke ausmustern, in denen aus Kohle Strom entsteht – und nebenbei jede Menge CO₂. Die US-Regierung, die beim Klimaschutz jahrelang auf der Bremse stand, stellt sich nun der Herausforderung: Die amerikanischen Stromfabriken sollen bis zum Jahr 2030 fast ein Drittel weniger CO₂ ausstoßen als 2005.

Plötzlich sehen die Europäer mit ihrem kränkelnden Emissionshandel ziemlich alt aus. Plötzlich verliert Deutschland, der selbst ernannte Musterknabe in Sachen Ökologie, seinen Glanz. Die Emissionen hiesiger Kohlekraftwerke sind zuletzt nicht gesunken, sondern gestiegen – zwei Jahre hintereinander!

Schon vor gut elf Monaten kündigte Präsident Barack Obama das Vorhaben an, das jetzt konkretisiert worden ist. Sein Plan besteht allerdings nicht nur aus Standards für den CO₂-Ausstoß amerikanischer Kraftwerke. Obama gab obendrein bekannt, dass er beabsichtige, in der Regel kein Geld mehr für den Bau von Kohlekraftwerken jenseits der Vereinigten Staaten lockerzumachen.

Die US-Regierung läutet damit eine Zeitenwende beim Klimaschutz ein – während die deutsche Regierung erst einmal abwartet. Auch sie hätte längst davon ablassen können, den Bau von Kohlemeilern in Südafrika, Indien, Griechenland oder sonst wo jenseits der deutschen Grenzen mittels günstiger Kredite oder Hermes-Bürgschaften zu fördern. Bisher tat sie es nicht.

Was aus Obamas Plan wird, den CO₂-Ausstoß der US-Kraftwerke zu senken, muss sich erst noch zeigen. Mit seiner Wende bei der Finanzierung ausländischer Kohlekraftwerke hat er die Nase bereits vorn – während die Deutschen sich regelrecht haben vorführen lassen.

Dabei hat die Regierung in Berlin den Klimaschutz und die Energiewende nicht nur zu einem ihrer wichtigsten innenpolitischen Vorhaben erklärt, sondern sich auch außenpolitisch der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen und dem Klimaschutz verschrieben. Sie hat den Club der Energiewendestaaten mitgegründet, sie veranstaltet den Petersberger Klimadialog, sie ist stolz darauf, in Bonn das UN-Klimasekretariat zu beherbergen. All dieses Engagement entwertet sie jedoch, wenn sie gleichzeitig deutsches Steuergeld und ihren guten Ruf an den Finanzmärkten hergibt, damit im Ausland Kohlekraftwerke gebaut werden können. So sorgt sie nicht nur dafür, dass das Zwei-Grad-Ziel in immer weitere Ferne rückt, sie diskreditiert die Energiewende.

Bisher zahlen die Deutschen als Stromverbraucher im Namen des globalen Klimaschutzes und der Förderung grüner Energien brav steigende Preise. Klaglos werden sie das nicht mehr tun wenn ihnen klar wird, dass sie als Steuerzahler den Bau von Kraftwerken mitfinanzieren, die im Ausland den CO₂-Ausstoß erhöhen. Die deutsche Klimapolitik ist inkonsistent – um nicht zu sagen: doppelzüngig. Das wird ihr am Ende die öffentliche Unterstützung rauben. Auch deshalb gehört die Förderpraxis beendet, besser heute als morgen.

Immerhin könnte jetzt Bewegung in die Sache kommen. Die Regierung hat vor Kurzem wissen lassen, dass sie ihre Haltung zur Finanzierung von Kohlemeilern im Rahmen der entwicklungs- und klimapolitischen Zusammenarbeit "überprüft". Überprüft? Eine Entscheidung ist überfällig.

Die Gelegenheit dafür naht. Anfang Juli tagt unter dem Vorsitz von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel der Verwaltungsrat der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau, die angeblich bereits eine "grüne" Bank ist. Schon dann könnten die Weichen gestellt werden, Deutschland wäre dabei in bester Gesellschaft. Neben den USA haben bereits sieben weitere Regierungen beschlossen, Kohleprojekte nicht mehr zu finanzieren, obendrein die Weltbank, die Europäische Investitionsbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

Schon Mitte Juni befasst sich auch die OECD, der Club der Industrieländer, mit der Sache. Es geht um die harmonisierten Regeln für die staatliche Exportförderung. Washington drängt darauf, in diesen Regeln die Förderung von Kohleprojekten an strenge Emissionsgrenzwerte zu binden. Doch wer ziert sich? Die meisten Europäer.

Dabei spricht nichts dagegen.

Es heißt zwar, Kohlekraftwerke dienten der Armutsbekämpfung. Doch die meisten der 1,2 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Elektrizität haben, leben auf dem Land, dort, wo es in der Regel keine Leitungen gibt, durch die Kohlestrom fließen könnte. Dezentral erzeugter, regenerativer Strom hilft armen Menschen mehr.

Auch der Hinweis, es gehe bei der Förderung von Kohleprojekten im Ausland nur um vernachlässigbare Summen, zieht nicht. Es stimmt zwar, Deutschland hat zwischen 2007 und 2013 Kohleprojekte mit schätzungsweise nur gut drei Milliarden Euro unterstützt. Doch jeder Euro war zu viel. Es geht nicht um die Summe, sondern ausnahmsweise einmal ums Prinzip.

Der Schubs, den Obama den Deutschen, den Europäern gibt, ist, bei Licht betrachtet, eine Chance. Denn wer beim Klimaschutz mogelt, wird scheitern. Die Natur lässt sich nicht austricksen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio