Am Tag, als die 15 Millionen Dollar auf dem Konto waren, hätte Benjamin Schröter eine Flasche Champagner öffnen können. Eigentlich schon zwei Wochen vorher, als die Verträge unterschrieben wurden. An jenem 10. Februar im Notariat Neuer Wall 41. Schröter, sein Kompagnon und ihre zwei Anwälte hatten am Tisch gesessen, gegenüber der Investor aus Dubai, ebenfalls mit zwei Anwälten. Über sechs Stunden hatte es gedauert, bis der Notar den gesamten Papierkram vorgelesen hatte. Man versprach sich gegenseitig, das Ganze feierlich zu begießen. Später mal. Schröter hatte gesagt: "Man weiß ja nie, was noch dazwischenkommt."

Als nichts dazwischenkam, sondern per Kontoauszug Wirklichkeit wurde, was Schröter als "größtes Wachstumsinvestment in Social-Media-Technologie in ganz Europa" bezeichnet, verließ Schröter wie jeden Abend um 19 Uhr das Büro, Lehmweg 17, lief 400 Meter weiter zu seiner Altbauwohnung, setzte sich zu seiner Freundin an den Abendbrottisch und sagte: "Du, das Geld ist da." Dann brachte er seinen Sohn ins Bett.

15 Millionen Dollar. Das ist fast so viel, wie alle Hamburger Gründer zusammen im gesamten letzten Jahr eingesammelt haben. Seit Ende des New-Economy-Booms hat kaum ein Start-up der Stadt so viel Geld bekommen. Nur: Keinen hat die Sache interessiert. Lediglich ein Gründer-Magazin postete: "15 Millionen für Facelift."

Facelift, das ist Schröters Firma. Vor drei Jahren hat er sie gegründet. Zu seinen Kunden zählen Konzerne wie Otto, Springer, Nestlé oder die Bahn. Schröter sorgt, grob gesagt, dafür, dass deren Facebook-Anhänger nicht nur "I like" klicken, sondern gleich Klamotten bestellen, ein Probe-Abo abschließen oder ein Sparpreis-Ticket buchen. Dazu bietet Facelift eine Software namens FanActivator an, mit der Firmen ihre Marketingaktivitäten auf Facebook steuern können.

Für Schröter heißt das: Wenn Facebook läuft, läuft auch sein Unternehmen. In den ersten drei Monaten des Jahres waren über 800 Millionen Menschen in dem Sozialen Netzwerk unterwegs. Täglich. Ein neuer Rekord. Doch Schröter sagt: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel." Und dass er sich mal überlegt habe, was wäre, wenn er jetzt, nach zehn Jahren Beziehung, seine Freundin heiratete. "Würde sich was ändern?" So ähnlich sei es auch mit dem Business und diesen 15 Millionen. "Ring am Finger oder Geld auf dem Konto – es geht weiter wie immer."

All das ist bezeichnend. Für Schröter und für die Hamburger Gründerszene, von der man genau deswegen lange glaubte, dass es sie gar nicht gibt. Weil sie Geschäfte machen, anstatt darüber zu reden – und es auch sonst keiner tut.

Das soll sich ändern. Hamburg will den digitalen Aufbruch wagen. Selten zuvor hat die Stadt sich so öffentlichkeitswirksam für ihre Start-up-Szene eingesetzt. Es begann im Februar, als Hamburg die Social Media Week ausrichtete, eine der weltweit größten Veranstaltungen zum Thema Facebook, Twitter und Co. Die Wirtschaftsförderung verpasste ihrer etwas verstaubt wirkenden Gründerinitiative Hamburg@work einen Neuanstrich: nextMedia heißt sie nun. "Next" wie Zukunft und "Media" wie alles, was heute social und damit hip ist. Zusätzlich schuf der Senat eine Investitions- und Förderbank für Gründer. Hamburg war bislang das einzige Bundesland, das ohne eine solche Einrichtung auszukommen glaubte.