Wissenschaft gehorcht dem Zeitgeist. Besonders en vogue sind zurzeit die Neurowissenschaften. Also Forscherinnen wie die Epigenetikerin Isabelle Mansuy von der Universität und ETH Zürich, die in der ZEIT Nr. 22/14 interviewt wurde.

Das Gespräch verlangt nach einer Replik. Wie immer ist Vorsicht angebracht, wenn in der Wissenschaft Hypothesen zu Erkenntnissen aufgebläht werden, wenn Sätze fallen wie: "Wir haben erstmals ...", oder: "Wir werden in Kürze zeigen, dass ..."

Denn Hirnforschung hantiert mit Begriffen, die schlecht umschrieben und schwammig definiert sind. Kombiniert mit reduktionistischen Modellen, wird das Ganze zu einer Vermengung von Regen und Erde – es entsteht: Matsch. Und wird dieser Matsch journalistisch aufbereitet, strotzt er nur so von fragwürdigen Hypothesen.

Aber der Reihe nach. Im ZEIT-Interview spricht die Epigenetikerin von "Trauma" und "Verhalten". Diese Begriffe stammen eigentlich aus der Psychologie oder Soziologie. Was sie für die Neurowissenschaft bedeuten, ist unklar. Für die Forscher am Institut für Hirnforschung der Universität und ETH Zürich, die notabene mit Mäusen arbeiten, leidet ein junges Versuchstier unter einem Trauma, wenn es über längere Zeit von seiner Mutter getrennt wird. Wieso? Weil das Mäuschen sein Verhalten verändert. Dass diese Behandlung stresst, ist nichts Neues und aus physiologischer Sicht banal. Dass nun noch eine epigenetische Veränderung stattfindet, ist zwar neu, aber, physiologisch gesehen, nur eine weitere Variable. Doch die Forscher gehen noch weiter: Sie fanden in den Nachkommen des Mäuschens epigenetische Veränderungen. Und weil sich ihr Verhalten ebenfalls verändert hat, wollen die Forscher eine Vererbung festgestellt haben.

Kein Arzt würde Depressionen nur mit einer Diät behandeln

So weit, so gut. Aber aus diesen Befunden die prophetische Aussage abzuleiten, dass in 15 bis 20 Jahren ein Diagnose-Instrument für Traumata beim Menschen entwickelt sein wird, ist doch sehr gewagt.

Kommt hinzu: Weshalb braucht es hierfür eigentlich einen epigenetischen Test? Bereits ein fachärztliches Gespräch genügt, um beim Menschen eine Traumatisierung festzustellen. Und dass soziale Isolation physiologisch zu großem Stress führt, ist längst bekannt.

Ein gewitzter Hirnforscher könnte nun kontern, Menschen würden unbewusst traumatisiert. Somit wäre eine epigenetische Diagnostik hilfreich, wenn nicht sogar zwingend. Im Tierversuch aber wird den Mäusen eine quasi tautologische Diagnose gestellt: Ein Trauma bewirkt ein verändertes Verhalten, und ein verändertes Verhalten weist auf eine Traumatisierung hin.

Das Mäusemodell hat noch einen weiteren, für qualitativ schlechte Forschung leider typischen Haken: Es vereinfacht die Realität in unzulässiger Art und Weise. Etwa indem es die Resilienz der Tiere völlig ignoriert; also die Möglichkeit, den Stress zu bewältigen und zu überwinden.

Vermutlich hat sich jeder Mensch, Hirnforscher inbegriffen, in der Kindheit einmal mit einem Messer in den Finger geschnitten. Es blutete, und man weinte, der Finger wurde schließlich mit einer Naht oder einem Pflaster versorgt. Körperlich gesehen, war dies ein echtes Trauma. Trotzdem schnetzeln diese traumatisierten Kinder als Erwachsene ihr Gemüse mit einem scharfen Messer – und zwar völlig stressfrei. Wieso also soll ein Mäuschen die Trennung von der Mutter nicht überwinden können?

Sicherlich werden die Neurowissenschaften mit ihren Untersuchungsverfahren auch dazu bald bahnbrechende neue Erkenntnisse erbringen. Wird die Kompetenz zur Stressbewältigung ebenfalls epigenetisch vererbt? Kommt also in ein paar Jahren neben dem Trauma- auch ein Resilienztest auf den Markt? Wir sind gespannt.

Vorher aber ärgern wir uns weiter. Etwa darüber, dass die Hirnforschung in die Welt posaunt, psychische Krankheiten würden durch ein fehlerhaftes Hirn verursacht. Im klinisch-therapeutischen Alltag ist davon – trotz einer "Dekade des Gehirns" und Milliarden von ausgegebenen Forschungsgeldern – bislang wenig bis nichts zu sehen. Dass Hirnveränderungen psychische Krankheiten erzeugen, diese Hypothese könnte sich schließlich schlicht als falsch entpuppen.

Solch fragwürdige Forschung wird aber von höchster Stelle gefordert und gefördert. Gesundheit ist nämlich laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) "ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen".

Demzufolge sind wir alle krank – und reihen uns hinter dem gestressten kleinen Mäuschen der Zürcher Forscher ein. Was auch bedeuten würde, dass wir alle ungesunde Hirnveränderungen aufweisen und epigenetisch einen Knacks haben.