Soziales NetzwerkIch klickte, kam, kochte

Zum gemeinsamen Genuss verabreden sich Hobbyköche aus aller Welt auf einer Onlineplattform. Unseren Autor führte sie in die Schweiz und nach Italien. von Tobias Oellig

Soziales Netzwerk: Ich klickte, kam und kochte

Zu Besuch in Sassoleone in der Emilia-Romagna. Hier leben die Gründer von ComeCookAndEat. Unser Autor beim Picknick mit den Kindern  |  © Tobias Oellig für DIE ZEIT

Ich war zum Kochen verabredet. Nun stehe ich nackt am Genfer See. Rechts die scheußliche Fassade des Grand Hotel Kempinski, geradeaus die Rue de Mont Blanc, auf der Touristen ihre Kameras klicken lassen. Isabelle hat mich hierhergeschleppt, in die Bains de Paquis, eine Saunaanlage auf einer Landzunge, die weit in den See hinausreicht. Drinnen dünsten still bei 80 Grad Männer mit schrumpeligen Hintern und gucken durch Fensterschlitze über den Lac Léman in Richtung Alpen. Draußen kühlen Mutige ihre aufgeheizten Körper im elf Grad kalten Wasser. Währenddessen schmoren bei Isabelle zu Hause im gusseisernen Bräter Schweinebäckchen in Rotweinsoße. Zusammen mit Süßkartoffelmousse werden wir sie abends Gästen servieren, die ich noch nicht kenne. Isabelle rückt ihre Schwimmbrille zurecht und stürzt sich in die Fluten. Gestern eierte ich noch verloren durch die Stadt, kannte nichts und niemanden. Heute bin ich mittendrin, koche und schwitze mit den Einheimischen: Gefällt mir. Ich stürze mich hinterher.

Isabelle habe ich über die Onlineplattform ComeCookAndEat.org kennengelernt, die Anfang dieses Jahres gelauncht wurde, um Kochbegeisterte zu vernetzen. Meldet man sich an, kann man ein eigenes Profil erstellen, und schon stehen einem weltweit die Küchen offen. Fähnchen auf einer Weltkarte zeigen Hobbyköche rund um den Globus an. Klickt man den Button "Active as host", signalisiert das die Bereitschaft, Kochpartner auch bei sich zu Hause zu empfangen – was aber keine Teilnahmevoraussetzung ist.

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Eingeloggt, kann man die kulinarischen Vorlieben der Gastgeber studieren und welche Sprachen sie verstehen. Die Community ist vielfältig: Andrzej aus Polen schreibt, dass er mit seiner Familie zwar in einer kleinen Dreizimmerwohnung lebt, aber gerne vier Leute gleichzeitig zum Kochen empfängt. Jederzeit. Gesprochen werde Russisch, Norwegisch, Polnisch und Englisch. Ana aus Spanien will von ihren Besuchern lernen, wie man vegane Nachtische zubereitet. Celestina aus Südafrika kann nicht so gut kochen, freut sich aber, wenn jemand Musik mitbringt, weil sie gerne tanzt. Narendra aus Indien möchte wissen, wie man eigentlich Lasagne macht. Peter aus der Slowakei lädt seine Gäste gleich zur Übernachtung ein. Der Schlafplatz sei jedoch in der Küche, man müsse mit Essensgeruch rechnen.

Soziales Netzwerk: In Genf holt Gastgeberin Isabelle die Rhabarbertarte aus dem Ofen
Soziales Netzwerk: In Genf holt Gastgeberin Isabelle die Rhabarbertarte aus dem Ofen

In Genf holt Gastgeberin Isabelle die Rhabarbertarte aus dem Ofen.  |  © Tobias Oellig für DIE ZEIT

Kochen mit Gleichgesinnten in aller Welt! Interkultureller Austausch bis zum Abwinken! Ich bin überschwänglich und lade mich sogleich europaweit ein. Warte gespannt darauf, dass die Welle meiner Begeisterung in meine Inbox auf ComeCookAndEat zurückschwappt. Aber: Ebbe. Keine Reaktion der Hobbyköche. Vielleicht sind gerade alle in der Küche? Oder "Hallo, Polen! Lass uns kochen" war zu unpersönlich. Ich versuche es noch mal, schreibe in die Schweiz. Warte. Nichts. Sechs Tage später meldet sich Isabelle.

Ihr Profil macht neugierig, schüchtert mich aber auch ein: Molekularküche sei nicht so ihr Ding, sie ziehe es vor, die Zutaten für sich sprechen zu lassen. Der kreative und ästhetische Aspekt sei für sie aufregend, das Kochen selbst aber niemals Performance, sondern ein kontemplativer Akt. Ich finde Kochen auch entspannend, aber was Isabelle schreibt, klingt – erhaben. Ein paar Mails fliegen hin und her, schon bin ich eingeladen. Treffpunkt: Genf, Marché de Plainpalais, 13 Uhr, am Gemüsestand der Familie Forel.

Erwartungsvoll mache ich mich auf den Weg. Hinter der Grenze fällt mir im Zug eine kostenlose Schweizer Zeitung in die Hände. Grillparty gegen Asylbewerber titelt sie fett. Huch. Der Grilleur aus Aarburg, mit Wurstzange im Anschlag, scheint gegen die Völkerverständigung anzubraten, quasi come, cook and hate. Die irritierende Schlagzeile ist im Multikultigetümmel am Genfer Bahnhof bald vergessen. Wo gibt es noch mal Fahrräder? Isabelle hat mir alles genau beschrieben.

Eine Viertelstunde zu früh trudle ich anderntags auf dem Marché de Plainpalais ein. Unter Kastanien bieten regionale Produzenten Obst und Gemüse an. Frisch, einladend und zu Genfer Preisen. Ich lasse mich treiben. Als ich am Käsestand an riesigen Parmesanrädern schnuppere, kommt eine SMS: "Wo bist Du?" Zurück zum Treffpunkt, wo mich eine blonde Frau mittleren Alters anlächelt. Das muss sie sein. Isabelle. "Bonjour."

Soziales Netzwerk: Karte der angemeldeten Nutzer
Soziales Netzwerk:  Karte der angemeldeten Nutzer

Kochen auf der ganzen Welt: Karte der bei "Come, Cook and Eat" angemeldeten Nutzer  |  © Screenshot www.comecookandeat.org

Wir sprechen einen Mix aus Englisch, Deutsch und Französisch, schlendern los, machen uns bekannt. Isabelle redet viel und schnell, wir plaudern über Nestlé, Jean-Jacques Rousseau, und sie erklärt mir ihre Liebe zu deutschem Brot. Schnell finden wir einen Draht zueinander, darüber bin ich froh. Das Kochen hätte auch kontemplativ werden können, weil man sich anschweigt.

Seit Jahren kauft Isabelle auf diesem Markt ein, sie kennt fast alle Händler beim Namen. Wir bummeln von Stand zu Stand, sie hält hier und da ein Schwätzchen. Erzählt mir, dass der rote Rippenmangold von Familie Forel im Haute-Savoie auf fast 900 Metern wächst. Wo die Schafe von Käsehändler Jean-Marie grasen. Und dass Weinbauer Willy und seine Frau Lucienne leere Flaschen zurücknehmen. Zu jeder Zutat, die Isabelle einkauft, gehört ein Gesicht.

Bei boucher Benno glänzen hinter Glas blutrote Schweinebäckchen. Ich habe noch nie welche gegessen. "Wenn man ein Tier schon verspeist, dann, bitte schön, auch alles", sagt Isabelle. Also Schweinebäckchen. Dazu Süßkartoffelmousse – aber von den roten! Die Deutschen kochten oft so blass, findet Isabelle. Blumenkohl mit weißer Soße auf weißem Teller? "Man muss doch die Farbe mitdenken!" Isabelle kommt in Fahrt. Als Entrée soll es Spinat geben, puristisch aus der Pfanne mit gerösteten Pinienkernen; dann den deftigen Hauptgang, flankiert von grünem Salat; und als Dessert Rhabarbertarte. Isabelle kauft noch Flieder beim Blumenhändler, den sie schräg in ihren Fahrradkorb steckt. Dann rast sie los.

Die Idee, gemeinsames Kochen als interkulturellen Austausch auf einer Onlineplattform zu organisieren, stammt von Kerstin Brückner und Matteo Lenzi, beide Mitte 30. Das deutsch-italienische Paar lebt mit seinen drei Kindern auf einem alten Bauernhof in Norditalien. Wollen Kochreisende sie besuchen, nehmen sie von Bologna aus den Regionalzug und holpern dann noch eine Dreiviertelstunde lang in einem klapprigen Bus über kurvige Straßen bis tief in die Hügel der Emilia-Romagna hinein. Stille hängt über diesen vom Apennin aufgeworfenen Buckeln. Nur hin und wieder jault ein Motorrad in die Provinzidylle.

Leserkommentare
  1. ... bin ich gekommen. Dann war ich nicht mehr zum Lesen gelaunt ...

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