Sie steht im Café Bravo im Hof der Berliner Kunst-Werke und liest ein Interview mit dem Berliner Rapper Cro mit der Überschrift "Mädchen können nicht rappen". Die Überschrift und den Rapper findet sie natürlich unmöglich. Inga Humpe – eine Legende des Berliner Nachtlebens und der deutschen Popmusik (1983 erschien ihr Neue-Deutsche-Welle-Hit Codo ... düse im Sauseschritt). Mit dem neuen Album ihres Duos 2raumwohnung (gemeinsam mit Tommi Eckart) hat sie zwei Tourneen abgeliefert, jetzt sind die Festivals dran. In Berlin-Mitte hat die blonde, schöne, immer irgendwie krass entspannt wirkende und klug und hintersinnig lächelnde Humpe den Status einer Königin. Es ist ganz simpel so: Taucht Inga Humpe auf einer Party, einer Ausstellungseröffnung, einem Konzert auf, dann ist es gut, dann bleiben wir noch ein bisschen.

Sie kann kein Frühstücksei bestellen, weil es im Café Bravo keine Bioeier gibt. Also einen Quark mit Beeren. Einstimmungsfragen an die Nachtlebenlegende: Wann stand sie das letzte Mal um sechs auf einer Tanzfläche? Na, vorgestern Nacht. Beim Festival Summer Rave auf dem Tempelhofer Feld. Bitte möglichst exakt beschreiben: Wie klingt im Sommer 2014 der perfekte Beat? Das kann sie gut beschreiben: "Ein moderner Beat hat im Moment kein Hi-Hat. Sonst ist alles offen." Im Großen und Ganzen: Machen die Drogen eher klug oder dumm? "Alles zusammen: eher dumm. Mit einzelnen scheinklugen Momenten."

Wer das Äußere von Inga Humpe beschreibt, landet schnell bei Frauenzeitschriften-Sätzen (ewig jung, alterslos schön). Die blonden Haare drehen sich ab der Höhe des Mundes zu kurzen Korkenzieherlocken hoch. Politische Fragen: Welche Zeitungsmeldung hat sie zuletzt berührt? Da redet sie jetzt von einem Text von Harald Martenstein im Tagesspiegel über Frauen, die in ihrem muslimischen Umfeld gesteinigt und getötet werden. "Das hat mich berührt, dass da ein Schreiber, der sonst ein Witzbold ist, mal einen ernsten Text abliefert." Rückblickend, war die Loveparade, das große gesellschaftliche Experiment der neunziger Jahre, eine politische Demonstration? "Da halte ich es mit den Granden der DDR, die sagten: Alles ist politisch. Natürlich war die Loveparade politisch." Wir reden über die David-Bowie-Ausstellung im Walter-Gropius-Bau, die Frank-Walter Steinmeier mit einer Rede eröffnete. Was bedeutet es für unser Land, wenn der deutsche Außenminister über Iggy Pop, Lou Reed, Blixa Bargeld, Romy Haag und Kraftwerk redet, und zwar flüssig und kenntnisreich und nicht anbiedernd? "Das ist schon eine neue Qualität", erkennt der Popstar an. "Ich empfinde das als erfreulich. Es gibt ein Kulturbewusstsein in Deutschland." Will man in einem Land leben, in dem der Außenminister sich als Bowie-Fan zu erkennen gibt? "Ich schon."

Naheliegende Fragen: die nach dem Älterwerden. Wie schützt sie sich vor den vielen alt gewordenen DJs und Nachtlebenlegenden, die in Berlin an jeder Straßenecke herumstehen? "Ich muss mich vor denen nicht schützen, ich schätze die." Die DJs WestBam, Hell, François Kevorkian kann sie immer wieder hören. Gerade war sie auf einem Set von Sven Väth auf Ibiza: "Der hat überraschend düster aufgelegt. Alles ganz neu." Sie nimmt das Cro-Interview mit der frauenfeindlichen Überschrift noch mal in die Hände und möchte jetzt noch ein paar Sätze über Feminismus sagen. Das kluge Lächeln der großen Dame Inga Humpe: "Die jungen Männer, die jetzt 15, 16, 17 sind, werden alles Feministen, da bin ich sicher." Wie lautet ihr Gruß an die nur zwei Jahre jüngere Kollegin Madonna? "Liebe. Mehr nicht."