An schlechten Tagen wirft Lea* ihr Heft durch die Klasse und schreit: "Nein, mach ich nicht!" Aufgaben, die ihr zu schwierig vorkommen, fängt sie dann gar nicht erst an. Zu groß ist die Angst zu scheitern. Lea hinkt beim Lesen und Schreiben im Vergleich zu ihren Mitschülern an der Louise Schroeder Schule in Hamburg um ein bis zwei Schuljahre hinterher. Ein Gutachten hat ihr "sonderpädagogischen Förderbedarf" bescheinigt. Man könnte diese Diagnose auch so übersetzen: Lea fällt aus der schulischen Norm.

Seit sich Deutschland auf den Weg zur inklusiven Bildung gemacht hat und Schüler mit und ohne Behinderung nun zunehmend gemeinsam unterrichtet werden sollen, werden solche Stempel häufiger vergeben. Der Anteil von Schülern mit besonderem Förderbedarf steigt seit Jahren stetig an: Bei 6,6 Prozent lag er nach jüngsten Zahlen der Kultusministerkonferenz im Jahr 2012. 2009 waren es noch 6 Prozent. 1990: 4 Prozent. Rasant erhöhte sich dabei die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder. Im Fachjargon heißt diese Diagnose: "Förderbedarf emotionale und soziale Entwicklung". Seit 2005 gab es hier einen Anstieg um 50 Prozent.

Warum ist das so? Sind wirklich immer mehr Kinder nicht "normal"?

"Wie es zu dem bundesweiten Anstieg von Kindern mit Förderbedarf kommt, ist nicht belegt", sagt der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm. "Es gibt nur plausible Vermutungen." Bei vielen Lehrern sei im Zuge der Inklusion die Hemmschwelle gesunken, ein Diagnoseverfahren zu veranlassen, weil das nicht mehr automatisch bedeute, dass ein Kind die Schule verlassen müsse, sagt Klemm. Es kann Hilfe bekommen, ohne sich von Freunden trennen und in vielleicht weit entfernte Sonderschulen fahren zu müssen. Außerdem gilt in vielen Bundesländern die Regel: Für jedes Kind mit Förderbedarf bekommt eine Schule Extrastunden zugeteilt, in denen ein Sonderpädagoge mit in den Unterricht kommt. Klemm vermutet, dass einige Lehrer deshalb denken: "Ich lasse einen Schüler diagnostizieren. Dann bekomme ich Förderstunden, und das nützt ja auch dem Kind." Experten sprechen dabei vom "Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma": Je mehr Schüler einer Regelschule das Etikett Förderbedarf bekommen, desto mehr Anspruch hat die Schule auf zusätzliche Gelder und Kräfte. Auf diese Weise entsteht ein Anreiz, immer mehr Diagnoseverfahren anzustoßen. Auch deshalb könnte die Zahl der Förderschüler gestiegen sein.

Der Oldenburger Professor für Sonderpädagogik, Clemens Hillenbrand, interpretiert den Anstieg als eine Art "Notruf" der Schulen: "Wir brauchen mehr Unterstützung!" Es fehle im Zuge der Inklusion an Fortbildungen und Personal, sagt Hillenbrand. Auch in anderen Ländern beobachte er, dass es durch die Entwicklung zum gemeinsamen Lernen höhere Zahlen beim Förderbedarf gebe: "Das ist nicht der böse deutsche Lehrer, der die Inklusion nicht will."

Experten sind sich auch darüber einig, dass inzwischen mehr Kinder mit großen Schwierigkeiten in die Schule kommen. Und gerade Schüler mit auffälligem Verhalten, die andere ärgern, schlagen, sich dem Lernen verweigern, ließ man bisher vielleicht noch ohne "Etikett" mitlaufen. Doch die Toleranzschwelle der Lehrer sinkt, wenn neben diesen Schülern noch andere in der Klasse sitzen, die nach mehr Aufmerksamkeit rufen. Auch das könnte ein Grund für den starken Anstieg der Zahlen sein.

Die bundesweit größte Gruppe der Schüler mit Förderbedarf – und das sind rund 40 Prozent – fällt in die Kategorie "Lernen". So wie Lea. Nimmt man noch die Kinder aus den Bereichen "Sprache" und "emotionale und soziale Entwicklung" dazu, machen sie fast Dreiviertel aller Schüler mit Förderbedarf in Deutschland aus. Ihre Lernschwächen und die Verhaltensprobleme lassen sich oft auf schwierige soziale Verhältnisse zurückführen. Nicht selten sind sie ein Armutsproblem.

Lea lebt mit ihrer Familie in einer kleinen Wohnung in Hamburg. Die Eltern haben wenig Geld. Leas Vater lässt sich in der Schule nie, die Mutter nur selten blicken. Dass Lea im Unterricht besondere Aufmerksamkeit braucht, könnte auch daran liegen, dass sie zu Hause nicht genug davon bekommt. Bei Lea wurde der Förderbedarf in der zweiten Klasse festgestellt. Einer solchen Diagnose geht ein umfangreiches Verfahren voraus, das aus verschiedenen Tests zu Intelligenz, Lesen, Schreiben, Rechnen besteht. Sonderpädagogen sprechen mit Eltern, Lehrern und Therapeuten. Sie berücksichtigen ärztliche Atteste und beobachten das Kind im Unterricht.

Der Förderstatus sichert Lea ein gewisses Recht auf Unterstützung. Zusätzlich zum Lehrer ist nun häufig noch die Sonderpädagogin Andrea Lübbe in ihrer Klasse. "Ob ein Kind noch der Norm entspricht oder nicht, ist oft eine Gratwanderung", sagt Lübbe. Einige Fachleute halten eine "Lernbehinderung" gar für ein Konstrukt, das es so in anderen Ländern gar nicht gebe.