In Hikaru Muratas Traum von einem anderen Leben spielt ein Anzug eine besondere Rolle. Es ist ein Einreiher, der einzige Anzug, den Hikaru besitzt, er hängt über dem Bett seiner 30-Quadratmeter-Wohnbox, der Boden bedeckt mit leeren Fertignudelbechern, die Wände kaum dicker als Papier. An einem hellblauen Tag im Frühjahr, als in Tokio die Bäume blühen, sucht Hikaru im Chaos seines Kleiderschranks nach einem passenden weißen Hemd. Heute will er wieder träumen.

Mit geübtem Griff bindet Hikaru die Krawatte, und sein Körper spannt sich. Festtagsstolz klopft er auf sein Herz. Er sagt ein Fremdwort, das jeder Japaner kennt: Salaryman. Büroangestellter. Dann macht er sich auf den Weg zur U-Bahn.

Wo die Bürotürme lange Schatten werfen, taucht er aus dem Bauch der Stadt auf. Jetzt am Abend strömen die Anzugmenschen auf die Straßen, Hikaru mischt sich unter sie. Er blickt auf sein Mobiltelefon wie sie, ahmt ihre Geschäftigkeit nach, das ungeduldige Warten an Fußgängerampeln, er kämpft sich durch den aufgescheuchten Feierabendverkehr, als sei er einer von ihnen. Als habe er eine feste, gut bezahlte Arbeitsstelle, einen stabilen Alltag und eine Frau. Um diese Illusion auszukosten, fährt Hikaru Murata alle paar Wochen in die Innenstadt von Tokio.

In einer der Kneipen, in denen die Anzugmenschen essen und trinken, vor allem trinken, blickt Hikaru sich um. Ältere Herren, Zigarettenrauch, sorgloser Lärm. Hikaru lockert die Krawatte. Er öffnet den obersten Knopf seines Hemdes. Nichts schöner als diese zwei Handgriffe, sagt er, und dann dieses wohlige Gefühl: Der Tag im Büro ist vorbei. Er war hart, jetzt ist alles gut. Das erste Bier, ein tiefer Schluck, kurz darauf steht in Hikarus Überstundengesicht die Müdigkeit.

Hikaru Murata sagt, er sei: nicht wirklich glücklich. Meist allein. Nie im Ausland gewesen, 29 Jahre alt, irgendwie vom Weg abgekommen, den ein Japaner gehen sollte. Dabei war er ein ordentlicher Schüler, einer, auf den die Universität wartete. Aber das Leben fühlte sich schwer an, die Hoffnungen der Lehrer, die Wünsche der Eltern, und Hikaru zog sich zurück, zu seinen Filmen, den Videospielen.

Heute zieht er viermal die Woche einen blauen Kittel an und macht die Nachtschicht in einem 24-Stunden-Supermarkt. In seinem Alltag begegnet er den Anzugmenschen nur, wenn er ihnen frühmorgens den Kaffee über die Theke reicht.

Junge, was sind deine Pläne, fragen die Eltern oft. Hikaru weiß darauf keine Antwort, außer dem vagen Wunsch, ein Salaryman zu sein. Er ist kein Spinner, er hat nur den Weg verloren, wie so viele Japaner seines Alters, und es sieht nicht so aus, als würde er ihn jemals wiederfinden.

Die Recherche für diese Reportage begann mit einem Artikel im Netz, einer von diesen kuriosen Geschichten aus aller Welt. Die jungen Japaner, stand in der englischen Zeitung The Observer, hätten das Interesse an der Liebe verloren, sogar am Sex. Der Artikel zeichnete das Bild einer depressiven Generation, die auf die merkwürdige Lage in ihrem Land mit einer Verwirrung der Gefühle reagierte, und man fragte sich: Kann das sein? Dass Millionen Menschen, die nur ihr Alter gemeinsam haben, unter einer Art Epidemie leiden, in einem Staat, so wohlhabend und geordnet wie kaum ein anderer auf der Erde? Dass diese Epidemie keinen Winkel des Lebens auslässt, nicht einmal den allerprivatesten?

In Japan läuft ein Experiment ab, wie es noch keines gegeben hat. Es dauert nun schon ein Vierteljahrhundert, und ein Ende ist nicht in Sicht: Die Japaner testen, was mit einer hoch entwickelten Zivilisation geschieht, die im Stillstand verharrt.

Als es begann, Ende der achtziger Jahre, begriff niemand das Neue. Die Japaner dachten, es sei nur eine Wirtschaftskrise, ein kurzzeitiges Drosseln des Tempos, als säßen sie in einem Zug, der eine Baustelle durchfährt. Die Wachstumsraten sanken, die Löhne stagnierten, aber die Experten und Politiker blieben zuversichtlich. Man müsse nur warten, sagten sie, ein paar Jahre vielleicht, dann werde der "Wachstumsmotor" wieder laufen, die "Lokomotive Asiens" Fahrt aufnehmen.

Doch Japan kam kaum mehr voran. Die Regierung machte Schulden, um Brücken und Straßen zu bauen, sie verschickte Einkaufsgutscheine an die Bürger. Die Wirtschaft wuchs trotzdem nicht.

Vielleicht ist es gar keine Krise, was da in Japan herrscht. Eine Krise dauert kein Vierteljahrhundert. Und unter einer Krise leiden die Menschen, so wie in Griechenland, wo viele nicht mehr wissen, wie sie Strom, Heizöl und Medikamente bezahlen sollen.

Den Japanern aber geht es gut, materiell gesehen. Ihr Wohlstand bleibt groß, nur wächst er nicht mehr. Sie produzieren und kaufen Waren, nur eben nicht von Jahr zu Jahr mehr davon.

Vielleicht ist der Stillstand der neue Alltag dieses Landes. In Japan scheint etwas an sein Ende gekommen, man könnte sagen: die Zukunft.

Seit Jahrhunderten leben die Menschen in den Industrienationen in dem Glauben, das nächste Jahr, das nächste Jahrzehnt, die Zukunft eben werde mehr Wohlstand bringen, noch mehr Arbeit, ein noch besseres Leben für die Kinder. Die Menschen folgten der Hoffnung auf dieses Weiter-so wie einer Religion. Aus, vorbei, in Japan früher und brutaler als in jedem anderen Land.

Also fährt man nach Tokio, in diese Immer-noch-Metropole, immer noch reich, immer noch aufgeräumt, immer noch perfekt funktionierend, und versucht herauszufinden, wie sich das Ende der Zukunft auf jene Menschen auswirkt, für die sie einmal gedacht war – die Jugend. Es ist eine Recherche über eine Randgruppe. Sie handelt von der Einsamkeit.

An manchen Tagen, wenn ihm alles zu viel wird, nimmt Sousuke Amano, genannt Henry, die Autoschlüssel und schleicht sich aus dem Haus. Es kommt dann vor, dass sein Vater Henrys zögernde Schritte im Flur erkennt. Wo willst du hin, ruft der Vater aus seinem kleinen Atelier, ein töpfernder und malender Ruheständler, und Henry antwortet, er wolle nur ein wenig herumfahren.